In zwei Sprachen zuhause

Mehr als die Hälfte der Basler Kinder sprechen im Kindergarten eine andere Sprache als zuhause in der Familie. Ein Nachteil für ihre Entwicklung ist das nicht, im Gegenteil. Ein Besuch in einem Kindergarten.

"Ich höre dich nicht singen." - Förderlehrerin Mirjam Lanz mit Schützlingen

"Pfiiffä, Trummlä, trummelet früsch druff los", trällert es durch den Basler Kindergarten Belforterstrasse. Das ist das Zeichen für Emmanuel (5), das Bild mit den Fasnachts-Pfeifern hochzuheben. Doch der Bub, dessen Muttersprache Französisch ist, schaut fragend zu Förderlehrerin Mirjam Tschopp hinüber. Geduldig fordert sie ihn auf, das Bild in die Höhe zu strecken.
Ali, Murat, Jorge und Julio, den anderen Buben im Sitzkreis, geht es nicht viel besser. Immer wieder unterbricht die 27-Jährige das Lied und fragt: "Wer hat das Bild mit dem ‹Morgestraich›? Wer hat den Trommler? Wie heissen die Leute, die trommeln?"

Fortschritte beim Baseldeutsch
Begeistert und mit aufgestrecktem Finger rufen Murat und Ali - beide kurdischer Herkunft - das Erlernte in die Runde. Und weiter gehts mit Lufttrommeln und dem Refrain. "Emmanuel, ich hör dich nicht singen", ermuntert Tschopp die Kinder. Der Gesang schwillt an und auf einer Leine fangen selbst die gebastelten Leue- und Müüslilarven zu wippen an.
Mit den übrigen acht Kindern im Raum nebenan trommelt Klassenlehrerin Mirjam Lanz weitere Lieder. "Diese Gruppe ist in ihrer Sprachentwicklung bereits weiter fortgeschritten", sagt die 33-Jährige, "somit verfolge ich eine andere Zielsetzung als Mirjam Tschopp mit den sprachlich schwächeren Kindern. Das Ziel des Kindergartenunterrichts ist die Schulfähigkeit." Fast alle der 13 Kinder hätten bei ihrem Eintritt vor zwei Jahren noch kaum Deutsch gesprochen. "Inzwischen sprechen sie recht gut Baseldeutsch, auch untereinander", freut sich die Kindergartenlehrkraft. Für normal entwickelte Kinder sei das kein Problem.
Und wie steht es mit der Förderung der Herkunftssprache, wie es vom Gesamtsprachenkonzept von 2003 für die Schulen Basel-Stadt empfohlen wird? "Jeden Morgen darf der ‹Tageschef› in seiner Muttersprache die Kinder begrüssen und zählen, wie viele da sind", berichtet Mirjam Tschopp. Die Richtigkeit überprüft sie anhand einer Tabelle, in der die Zahlen in verschiedenen Sprachen aufgelistet sind.
Das entspricht ganz dem Geist des Gesamtsprachenkonzepts, das Mehrsprachigkeit ausdrücklich als Potenzial und Bereicherung einstuft. Dass Zwei- oder Mehrsprachigkeit für die Entwicklung eines Kindes ein Nachteil ist, haben Fachleute nämlich längst widerlegt. Im Gegenteil: Ist ein Kind in mehr als zwei Sprachen zuhause, kann das seine Fähigkeiten sogar fördern. Problematisch wird es nur bei der so genannten Semilingualität, wenn ein Kind also weder die eine noch die andere Sprache richtig beherrscht.

Langer, aber lohnender Weg
Laut dem Gesamtsprachenkonzept müsste der Unterricht in den Herkunftssprachen spätestens auf Kindergartenstufe, womöglich aber bereits für Kinder im Spielgruppenalter beginnen. Judith Strub-Keller, Rektorin der Kindergärten Basel, misst diesen Zielen eine hohe Bedeutung zu. Sie lägen allerdings noch in weiter Ferne, erklärt sie: "Es fehlen im Moment neben den Finanzen auch geeignete Modelle und Konzepte, wie die Erstsprachförderung im Kindergarten sinnvoll umgesetzt werden könnte. Sowohl pädagogische als auch organisatorische Fragen müssten sorgfältig geklärt und die Zusammenarbeit mit mehrsprachigen  Lehrpersonen aufgebaut werden. Bis dahin ist noch ein langer, aber lohnenswerter Weg."

Hochdeutsch im Kindergarten
Gute Sprachkompetenzen öffnen den Kindern Türen. Die Kindergärten entwickeln deshalb ihre Förderangebote im Bereich der finanziellen Möglichkeiten ständig weiter. So verweist Strub auf ein wissenschaftlich begleitetes Projekt, das seit Sommer 2001 in Basel läuft. Es wird dabei erprobt, ob die konsequente Verwendung von Hochdeutsch im Kindergarten eine bessere Voraussetzung für die Entwicklung der Standardsprache darstellt als der entsprechende Unterricht in Mundart.
Grundsätzlich könne man sagen, dass in Basel sehr viel Wert auf gute Sprachförderangebote gelegt wird, betont Judith Strub. Wichtig wäre die Förderung der Kinder schon vor dem Kindergarten - fehlende Finanzen erschweren dies aber.  Dabei ist die Rektorin überzeugt, "dass jeder Franken, der in die frühzeitige Sprachförderung der Kinder gesteckt wird, eine Investition in die Zukunft ist".

Wolf Südbeck-Baur
Namen der Kinder geändert.

Weitere Infos: http://kg.edubs.ch  
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