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 Kontakte entstehen in der Nachbarschaft, auf Spielplätzen und auf der Strasse.
Deshalb sind solche Orte für Migrantenfamilien besonders wichtig. Im Kleinbasel wird
jetzt Platz gemacht, und im Prattler Längiquartier macht ein besonderer Treffpunkt
von sich reden.
Auf dem Spielplatz spielend Hürden nehmen
"Oft gehe ich mit meinen Freunden in den Matthäuspark oder wir spielen im
Hinterhof. Wenn wir auf dem Trottoir spielen, stören uns die Autos schon sehr",
sagt Goran. Heute kann der zwölfjährige Junge alleine zum Spielen gehen, aber
früher begleitete ihn seine Mutter ein- bis zweimal pro Tag in den Park oder auf
einen öffentlichen Spielplatz. Auch Gorans Eltern empfinden den Strassenverkehr als
belastend: "Es gibt praktisch keinen Spielraum für die Kinder. Manchmal denke
ich, wir wohnen an einer Hauptstrasse", sagt Sylvia Grbac. Die gebürtige Kroatin
lebt seit 35 Jahren in der Schweiz und ist mit dem Schweizer Ignaz Jermann verheiratet.
Für ihn ist auch die Parkplatzsuche "schlicht eine Katastrophe".
Die Familie Jermann-Grbac wohnt seit zwölf Jahren an der Efringerstrasse im
Kleinbasler Matthäusquartier. Die Situation dort ist typisch für viele
Wohngebiete in der Stadt: Zu viele Autos fahren durch die engen Strassen, und die
parkierten Wagen nehmen Platz weg - Platz, der den Menschen als Lebensraum fehlt. Viele
Eltern haben Angst, ihre kleinen Kinder alleine vor der Haustüre spielen zu lassen.
Auch wenn eine Grünfläche oder der nächste Spielplatz nicht weit weg ist,
müssen Mütter und Väter die Kinder immer begleiten.
Eingeschränktes Leben
Das Wohnumfeld war in früheren Zeiten "Spielplatz Nummer eins" und
nachbarschaftlicher Treffpunkt. Das ist längst Vergangenheit. Ein
familienfreundliches Wohnumfeld gibt es vielerorts nicht mehr, der allgegenwärtige
Strassenverkehr schränkt das Wohnen und Leben zum Teil massiv ein. Und das nicht nur
in der Stadt, sondern auch auf dem Land.
"Alte Klischees vom Land als Bewegungsparadies sind immer noch wirksam", sagt
Marco Hüttenmoser von der Dokumentationsstelle "Kind und Umwelt" in Muri
(BE), Verfasser einer Studie über Bewegungsmangel in der Kindheit. "Wir konnten
nachweisen, dass fünfjährige Kinder auf dem Land je nach Ortschaft und Quartier
zum Teil deutlich weniger Freiraum haben als Stadtkinder." Am stärksten
betroffen sind Strassendörfer mit kleiner Einwohnerzahl, wie es sie auch im Kanton
Basel-Landschaft gibt. So wohnen beispielsweise in Waldenburg oder Niederdorf entlang der
verkehrsreichen Hauptstrassen besonders viele ausländische Familien. Doch auch Kinder
aus "privilegierteren" Gebieten werden durch den motorisierten Verkehr
behindert.
Ein gutes Wohnumfeld ist wichtig für die kindliche Entwicklung
Die Folgen sind gravierend. Marco Hüttenmoser: "Ein gutes Wohnumfeld hat einen
bedeutenden Einfluss auf die motorische, die soziale Entwicklung und auf die
Selbstständigkeit der Kinder. Wenn ein Kind immer auf Begleitung angewiesen ist,
reduzieren sich die Spielzeit und die Kontaktmöglichkeiten deutlich." Gerade die
grobmotorischen Fähigkeiten können Kinder nur draussen erlernen, indem sie mit
Dreirad, Trottinett oder Velo fahren und Ball- oder Bewegungsspiele machen. In seiner
Studie konnte Marco Hüttenmoser zeigen, dass Kinder, die ihre Spielorte in der
Wohnumgebung alleine erreichen können, doppelt so oft draussen spielen und deutlich
mehr Spielkameraden haben als jene Kinder, die den Spielort nur mit Begleitung erreichen.
Das Wohnumfeld ist vor allem dann wichtig, wenn der eigentliche Wohnraum eng ist.
"Ein gutes Umfeld kann eine ungünstige Wohnung kompensieren", sagt
Hüttenmoser.
Ausländische Mütter sind oft isoliert
Gute nachbarschaftliche Kontakte und viele Spielkameraden tragen nicht zuletzt auch
wesentlich dazu bei, dass sich Kinder und deren Eltern gut integrieren können. Wie
Studien zeigen, leben ausländische Mütter oft isoliert, da sie häufiger
erwerbstätig sind und weniger soziale Kontakte als Schweizerinnen haben. Für
nicht erwerbstätige Migrantinnen ist die Gefahr der Isolation aber sogar noch
grösser. Gerade für sie ist ein gutes Wohnumfeld wesentlich, damit sie Kontakte
pflegen, sich mit ihrer Umgebung identifizieren und auch die Landessprache schneller
lernen können.
Die Verantwortlichen der Stadt Basel haben diesen Zusammenhang erkannt. Im Rahmen der
Stadtentwicklung werden deshalb viele Projekte zur Verbesserung des Wohnumfeldes und des
öffentlichen Raumes initiiert und gefördert. Die Aufwertung des Stadtteils
Kleinbasel steht zum Beispiel im Zentrum des Teilprojektes "Integrale Aufwertung
Kleinbasel" (IAK). "Der grösste Handlungsbedarf besteht im Clara-, im
Rosental- und im Matthäusquartier", sagt Stefan Dössegger vom
Baudepartement Kanton Basel-Stadt, Mitglied des Projektteams IAK.
Das Matthäusquartier - der Stadtteil gehört zu den am dichtesten besiedelten
Quartieren in der Schweiz - ist ein gutes Beispiel für die Situation im Kleinbasel:
viele kleine Wohnungen, dadurch hohe Wohndichten, fehlende oder zu wenig Grün- und
Freiflächen, wenig Spielplätze und Treffpunkte für Bewohner, viel Verkehr
und eine hohe Lärmbelastung. Menschen aus vielen Kulturen wohnen dicht nebeneinander.
Die Verschmutzung und die schleichende Ausweitung des Rotlichtmilieus in die Wohngebiete
sind weitere typische Probleme.
Das Projekt "Integrale Aufwertung Kleinbasel" umfasst nun eine Reihe von
Massnahmen, die dazu beitragen sollen, dass sich das Kleinbasel zu einem
familienfreundlicheren Wohngebiet wandeln kann. So sollen kleine Wohnungen zu
grösseren und zugleich kostengünstigeren zusammengelegt werden. Am
Bläsiring 40 hat der Kanton dies bereits umgesetzt: Aus 58 kleinen Wohnungen sind 29
Familienwohnungen entstanden. Zur Aufwertung vom Kleinbasel gehören weiter auch der
Neubau und die Umgestaltung von Grünanlagen und Spielplätzen.
Dass es einfacher ist, sich als Fremder zu integrieren, wenn man in einem
kontaktfreundlichen Umfeld wohnt, zeigt auch das Beispiel Bärenfelserstrasse. Die
Strasse liegt mitten im Matthäusquartier mit seinem Ausländeranteil von rund
fünfzig Prozent. Bereits Mitte der Siebzigerjahre entstand hier die erste Wohnstrasse
der Schweiz, und zwar auf Initiative der Anwohner. Die Folgen sind spürbar: Der
Mieterwechsel ist drastisch zurückgegangen. Wer hier einmal wohnt, zieht so rasch
nicht mehr weg. "Die Kinder haben Platz zum Spielen und über die Kinder kommen
auch die Erwachsenen auf die Strasse", sagt Valerie Vogel, Bewohnerin der
Wohnstrasse.
"Treffpunkt Längi" als Musterbeispiel
Das Projekt "Treffpunkt Längi" in Pratteln verfolgt hingegen das Haupt-
ziel, Kinder und Jugendliche von der Strasse wegzuholen. Das Quartier weist einen
Ausländeranteil von fast 60 Prozent auf und liegt eher isoliert - zum Pratteler
Zentrum sind es über 2,5 Kilometer. Viele Eltern in der "Längi" sind
zudem ganztags berufstätig und können sich nicht genügend um ihre Kinder
kümmern. Jetzt wissen sie meist, wo sich ihre Kinder aufhalten, im Treffpunkt
nämlich, unter Aufsicht. Ebenso steht der Treffpunkt den Erwachsenen offen, er ist
auch für sie ein Ort der Integration, wo sie andere Menschen kennen lernen
können. Seit dem 1. September 2003 läuft dieses Vorzeige-Projekt, das es in
dieser Form bisher nur in Pratteln gibt, mit gutem Erfolg. Projektleiter Max Fleckenstein:
"Wir haben das Ganze in ehrenamtlicher Arbeit und ohne jegliche Subvention aufgebaut.
Viele Anwohner haben Geld gespendet oder Möbel für die Einrichtung
gebracht." Nach anfänglicher Skepsis erfreut sich der "Treffpunkt
Längi" mit dem Café, einigen Kursangeboten und Folkloregruppen grosser
Beliebtheit. Demnächst werden Sprachkurse für kurdische Frauen angeboten und am
29. Mai soll das erste Integrationsfest im Quartier gefeiert werden, das zusammen mit dem
Ausländerdienst und der türkischen Gesellschaft Halklarin Kardesligi Emep
organisiert wird. "Der Treffpunkt ist im Quartier selbst, unmittelbar im
Wahrnehmungsfeld der Längibewohner, weckt Neugier, ermöglicht Kontakte, die es
sonst so nicht gäbe, vermittelt und fördert den Sinn für Gemeinsamkeiten,
ermöglicht Bereitschaft zum gegenseitigen Helfen und prägt eine Solidarität
im Quartier und über die Grenzen hinaus", schreibt Max Fleckenstein im
Manuskript zum "Treffpunkt Längi". Bereits nach sieben Monaten kann er denn
auch eine positive Bilanz ziehen. Gesamthaft sei es im Quartier ruhiger geworden, denn die
Kinder und Jugendlichen hingen nach der Schule und am Wochenende nicht mehr nur auf der
Strasse herum, wie das zuvor oft der Fall war. Ausserdem seien die Gewalt sowie die
kriminellen Handlungen zurückgegangen und das Quartier sei sauberer, resümiert
der Projektleiter. Der Kanton Basel-Landschaft honorierte diese Freiwilligenarbeit und
unterstützte den Treffpunkt mit 20000 Franken.
Lioba Schneemann
www.stadtentwicklung.ch/kleinbasel
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