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 Karin Haeberli und Christine von Salis sind Co-Leiterinnnen der Interventionsstellen gegen
häusliche Gewalt in den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Landschaft. Schwerpunkt der
Kampagne "Stopp - Halt Gewalt" ist dieses Jahr das Thema "Migration".
Für die Leiterinnen ist häusliche Gewalt aber ein Problem, das die gesamte
Gesellschaft betrifft.
Kampagne gegen Gewalt: Karin Haeberli (links) und Christine von Salis
Häusliche Gewalt hat viele Gesichter. Was zählt alles dazu?
Karin Haeberli: Häusliche Gewalt kann in der Partnerschaft, zwischen Eltern und Kindern oder auch
zwischen dem Exfreund und dem neuen Partner auftreten. Zur häuslichen Gewalt werden
körperliche, sexuelle und psychische Gewalt gezählt. Dazu gehört auch, wenn
jemand seinen Partner systematisch isoliert, klein macht oder bedroht. Migrantinnen sind
besonders häufig Opfer der Isolation.
In den meisten Fällen sind Frauen von Gewalt betroffen. Können Sie Zahlen
nennen?
Karin Haeberli: Eine Studie zur häuslichen Gewalt aus dem Jahr 1998 zeigt, dass etwa jede
fünfte Frau in der Schweiz im Laufe ihres Lebens physische und/oder sexuelle Gewalt
erlebt. Man schätzt, dass etwa vierzig Prozent aller Frauen schon einmal psychische
Gewalt erlebt haben.
Wie oft kommt es vor, dass Frauen zu Täterinnen werden?
Karin Haeberli: Genaue Zahlen hat man nicht, aber im Vergleich zu männlichen Tätern sind sie
verschwindend tief. Aber auch Frauen können Gewalt ausüben gegenüber
Kindern und Männern. Oft geben Frauen, die von Männern misshandelt werden, die
Gewalt an ihre Kinder weiter. Generell darf man davon ausgehen, dass die Dunkelziffer von
männlichen Opfern recht hoch sein dürfte.
Christine von Salis: Männer werden häufig belächelt oder nicht ernst genommen, wenn sie
erzählen, dass sie geschlagen werden. Grundsätzlich ist es jedoch sehr
schwierig, eine Anzeige gegen den Partner oder die Partnerin zu machen.
Im Jahr 2002 wurde die Kampagne "Stopp - Häusliche Gewalt" der
Schweizerischen Koordinationsstelle für Verbrechensprävention gestartet. Gibt es
schon Erfolge?
Karin Haeberli: Das Ziel war zunächst, eine breite Öffentlichkeit für das Thema zu
sensibilisieren, was sicher gelungen ist. Häusliche Gewalt ist heute ein Begriff und
wird nicht mehr als undurchsichtiges Familiendrama dargestellt. Es ist klar geworden, dass
alle Schichten, Nationalitäten und Altersstufen betroffen sind. Im zweiten Jahr der
Kampagne lag der Fokus bei der Polizei. Alle Polizeikorps wurden schweizweit geschult. Die
Polizei nimmt Gewalt in der Partnerschaft ernst und handelt entsprechend.
Wieso wird im Jahr 2004, dem dritten Jahr der Kampagne, das Thema "Migration"
zum Schwerpunkt gemacht?
Christine von Salis: Migranten und Migrantinnen haben zusätzliche Schwierigkeiten. Sie wohnen in einem
fremden Land, oft sprechen sie die Sprache nicht oder nur ungenügend. Viele Frauen
haben Angst, ihren Aufenthaltsstatus zu verlieren, wenn sie ihren Mann anzeigen. Ich
denke, es ist richtig, dort einen Schwerpunkt zu setzen. Es gibt wichtige Dinge, die viele
Migrantinnen nicht wissen, zum Beispiel, dass es Beratungsstellen gibt, wo Ratsuchende in
ihrer Muttersprache beraten werden, dass es ihnen zusteht, Hilfe zu holen, und dass sie
das Recht haben, den Mann mit den Kindern zu verlassen, wenn sie bedroht werden.
Gibt es noch andere spezifische Probleme bei Migrantinnen?
Karin Haeberli: Viele Migrantinnen haben in ihrem Heimatland schlechte Erfahrungen mit der Polizei
gemacht. Deshalb kann es passieren, dass sie sich mit dem Partner solidarisieren, wenn die
Polizei erscheint, auch wenn sie von ihm misshandelt werden. Hinzu kommt die Angst, bei
einer Trennung die Aufenthaltsbewilligung zu verlieren. Oft verbieten Ehemänner ihren
Frauen etwa, die Sprache zu lernen, einer Erwerbsarbeit nachzugehen oder Freundinnen zu
treffen.
Christine von Salis: Viele Frauen befürchten zudem, dass ihnen die Kinder weggenommen werden, zum
Beispiel von der Familie des Mannes, oder dass ihre Kinder entführt werden. Oft steht
nicht einmal die eigene Familie hinter ihnen und sie verlieren alles.
Verfolgt man die Medien, bekommt man leicht den Eindruck, dass in Partnerschaften von
Migranten und Migrantinnen oder bei binationalen Paaren mehr Gewalt vorkommt als bei
Schweizer Paaren. Stimmt das?
Christine von Salis: Das ist eine Frage, die immer wieder gestellt wird. Ein Grund könnte sein, dass die
Gewalt über sehr lange Zeit nicht wahrgenommen wird, bis die Situation so eskaliert,
dass Nachbarn und Freunde nicht mehr wegschauen können. Vielleicht reagieren
Behörden bei Migrantenfamilien auch etwas langsamer, weil sie unter dem falschen
Eindruck stehen, Gewalt gehöre zu anderen Kulturen und sei deshalb nicht so schlimm.
Karin Haeberli: In den Frauenhäusern hat es zeitweise mehr Migrantinnen als Schweizerinnen. Das hat
auch damit zu tun, dass diese Frauen sich meist kein Hotelzimmer leisten oder zu einer
Freundin gehen können. Generell kann man aber davon ausgehen, dass häusliche
Gewalt bei Migranten nicht häufiger vorkommt als bei Herrn und Frau Schweizer.
Viele Schweizerinnen und Schweizer nehmen das aber an
Christine von Salis: Ja, das ist sicher so. Gerade wegen dieser Vorurteile braucht es Information und
Sensibilisierung der Öffentlichkeit bezüglich des Lebens und der oft grossen
Schwierigkeiten innerhalb von Migrantenfamilien. Wir wollen zeigen, dass es ein
gesamtgesellschaftliches Problem ist, das mit Macht und der nicht vorhandenen
Gleichstellung zwischen den Geschlechtern zu tun hat. Vielleicht wehren sich Migrantinnen
mehr, wenn sie erfahren, dass es Schweizer Frauen auch so gehen kann. Es darf nicht der
Eindruck entstehen, Migrantinnen hätten ein "Spezialproblem".
Wie wollen Sie Migranten und Migrantinnen erreichen?
Karin Haeberli: Die beiden Interventionsstellen Basel-Stadt und Basel-Landschaft haben eine Notfallkarte
drucken lassen, auf der jede Frau ihre eigene Sprache wählen kann. Adressen und
Telefonnummern von Anlaufstellen sind abtrennbar und lassen sich unauffällig im
Portemonnaie versorgen.
Christine von Salis: Auf Karten in acht verschiedenen Sprachen finden Frauen Adressen von Beratungsstellen und
generelle Informationen über ihre Rechte. Sie wissen dann zum Beispiel, dass sie sich
wehren dürfen, dass es Eheschutzmassnahmen oder Beratungsstellen für Kinder gibt
und vieles mehr.
Wie kommen die Frauen an diese Karten?
Karin Haeberli: Wir legen die Notfallkarte bei den diversen Beratungsstellen, bei
Migrantinnenorganisationen oder bei der Sozialhilfe auf, ebenso in Arztpraxen und
Spitälern, bei der Polizei oder beim Gericht. Sie ist kostenlos und kann bei beiden
Interventionsstellen bezogen werden. Öffentlichkeitsarbeit ist natürlich auch
geplant.
Christine von Salis: Sicher gibt es noch weitere Organisationen und Äm- ter, an die wir die Karten
schicken werden. Die Karte soll überall dort zu finden sein, wo Leute mit
Migrantinnen zu tun haben.
Es gibt bald neue Gesetze, die häusliche Gewalt und Vergewaltigung in der Ehe zu
Offizialdelikten erklären. Was bedeuten diese Änderungen konkret?
Christine von Salis: Ab Anfang April 2004 tritt die Offizialisierung in Kraft. Das Opfer muss dann nicht erst
eine Anzeige erstatten, sondern eine Strafverfolgung wird von Amtes wegen eingeleitet.
Vorher waren auch schon gewisse Delikte Offizialdelikte, wie Vergewaltigung oder schwere
Körperverletzung. Das galt aber nicht für die Ehe. Neu werden auch einfache
Körperverletzung, wiederholte Tätlichkeit, Nötigung und schwere Drohung in
Zusammenhang mit häuslicher Gewalt zu Offizialdelikten.
Inwiefern beeinflussen die neuen Gesetze die Polizeieinsätze?
Karin Haeberli: Früher hat die Polizei versucht zu vermitteln. Heute ermittelt sie wie bei einem
anderen Delikt. Täter und Opfer werden getrennt vernommen, auch Zeuginnen oder Zeugen
werden befragt. Die Opfer werden ermutigt, ihre Anzeige aufrechtzuerhalten. Wenn
nötig, kann die Polizei die Gewalt ausübende Person auch in Gewahrsam nehmen.
Kann die Polizei den Täter entfernen?
Karin Haeberli: In Basel-Stadt muss dazu bis im Jahre 2005 eine Gesetzes- vorlage erarbeitet werden. Mit
der Wegweisung und einem Rückkehrverbot wird es dann möglich sein, die Gewalt
ausübende Person für zehn Tage aus der Wohnung zu entfernen. Zudem kann ein
Kontaktverbot ausgesprochen werden.
Christine von Salis: Im Kanton Basel-Landschaft wird die Wegweisung eines Täters ab Anfang 2005
möglich sein. Bislang konnte eine Gewalt ausübende Person höchstens in
Gewahrsam genommen werden und zudem nur für 48 Stunden. Das ist eine zu kurze Zeit
für das Opfer, um sich zu informieren oder gar Schritte in die Wege zu leiten. Die
Wegweisung wird wesentlich dazu beitragen, die Situation zu entschärfen. Zudem wird
der Gewalt ausübenden Person unmissverständlich klar gemacht, dass
häusliche Gewalt nicht toleriert wird.
Gibt es Erfahrungen aus anderen Kantonen mit der Wegweisung?
Christine von Salis: In St. Gallen und Appenzell-Ausserrhoden sind damit bereits gute Erfahrungen gemacht
worden. Die Wegweisung und das Rückkehrverbot sind weniger einschneidend als
Untersuchungshaft, aber sie bieten ein effektvolles Einschreiten bei Gewalt in der
Partnerschaft.
Interview: Lioba Schneemann
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