Familie im Umbruch

Quizfrage: Seit wann ist es in Basel-Stadt erlaubt, als unverheiratetes Paar zusammenzuleben? Antwort: seit 1978. Vier Jahre später fiel das so genannte Konkubinatsverbot auch in Basel-Landschaft. Wenige Bereiche des Lebens haben sich im 20. Jahrhundert so stark verändert wie das Zusammenleben in Familie und Partnerschaft. Das zeigt auch die Zahl der Wortschöpfungen auf diesem Feld wie Patchwork-Familie, Single-Haushalt, Seniorenwohngemeinschaft, Solovater, Lebensabschnittspartner, allein Erziehende, Scheidungsfamilie - und sogar Nachscheidungsfamilie.

Brüchige Ehen
Sichtbar werden diese Veränderungen zum Beispiel bei der Ehe: 1930 wurden in Basel-Stadt 1545 Ehen geschlossen und 154 geschieden. Die Scheidungsquote betrug damit rund 10 Prozent. 2002 lag sie bei 48 Prozent: Der ewige Bund wurde im Stadtkanton 586 Mal geschlossen und 282 Mal wieder aufgelöst. Im Baselbiet sieht es nicht viel anders aus: Hier stieg die Scheidungsquote von 5,5 Prozent im Jahr 1930 auf 38 Prozent im Jahr 2002. Bemerkenswert dabei ist, dass Ehen zwischen Ausländern und Schweizerinnen - oder Ausländerinnen und Schweizern - stabiler sind als Verbindungen, in denen beide Partner aus der Schweiz stammen (siehe dazu Seite 4).
Geändert haben sich auch andere Bereiche des menschlichen Zusammenlebens. Wenn ein gleichgeschlechtliches Paar gemeinsam in einer Wohnung lebt, so ist das heute eine Selbstverständlichkeit. "Uneheliche Kinder" sind ebenfalls ein Thema, über das sich kaum noch jemand aufregt. Geschrumpft ist schliesslich auch die Zahl der Personen, die im selben Haushalt leben. Das hängt einerseits mit der Kinderzahl zusammen, aber auch mit dem Zusammenleben der Generationen: Betagte Eltern ziehen nicht mehr ins Stöckli oder ins Parterre des Hauses ihrer Kinder, sondern in eine Alterssiedlung oder ins Heim. Projekte wie "Mitten unter euch" aus Pratteln können da wieder eine Brücke zwischen den Generationen schlagen, und zwar über kulturelle Grenzen hinweg (siehe Seite 16).

Auf dem Sprung in neue Formen des Zusammenlebens

Was die Gründe für den gesellschaftlichen Umbruch betrifft, gehen die Meinungen natürlich auseinander. Soziologen machen neue Werte dafür verantwortlich wie den wachsenden Individualismus, das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung oder die sexuelle Revolution. Wirtschaftswissenschafter verweisen auf Gründe wie die Erwerbstätigkeit der Frauen oder die steigenden Kosten der Kindererziehung. Für Dritte liegt die Ursache schlicht im Zerfall der moralischen Werte.

Unterschiede verschwinden
Und wo in diesem Themenfeld stehen Migrantinnen und Migranten? Sie sind dann besonders stark betroffen, wenn es um die negativen Seiten dieses Wandels geht, wenn zum Beispiel der Familienverband Risse bekommt oder auseinander bricht. Sei es, weil sie sich in einem fremden Land als allein Erziehende durchschlagen müssen (siehe Seite 13), oder weil sie von Gewalt betroffen sind und ihnen das soziale Netzwerk fehlt (siehe Seite 11).
Tatsache ist aber auch, dass die Unterschiede zwischen ausländischen und schweizerischen Familien zusehends verschwinden. Das zeigt eine Studie aus dem Nationalen Forschungsprogramm "Migration und interkulturelle Beziehungen", die in den Kantonen Basel-Stadt und Genf mit Ausländerinnen und Ausländern der zweiten Generation durchgeführt wurde.

Unterstützung der Eltern
Eines der Ergebnisse: Was Heirat und Familie betrifft, unterscheiden sich Secondos und Secondas kaum von ihren Schweizer Altersgenossen. Zwar legen sie mehr Wert auf die Beziehung zur Familie (siehe auch Seite 20), ziehen später von zu Hause aus und leben weniger häufig im Konkubinat. Hingegen gibt es bei der Rollenverteilung kaum Unterschiede. Junge Frauen ausländischer Abstammung bleiben nach der Geburt ihres ersten Kindes sogar eher berufstätig als junge Schweizerinnen. Ihr Vorteil: Sie können bei der Kinderbetreuung sehr oft auf die Unterstützung der Eltern zählen.

Andreas Merz

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