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 Viele allein erziehende Migrantinnen werden während ihrer Ehe zur
Unselbstständigkeit gezwungen und verlieren dadurch ihre Identität. Nicht nur
sprachliche, sondern auch finanzielle Probleme sind die Folgen. Der Weg nach einer
Scheidung in die Selbstständigkeit ist für Migrantinnen deshalb besonders
schwierig.
Auf sich selbst gestellt: Rosita Bianchi-Villa
Rosita Bianchi-Villa kam 1985 zum ersten Mal in die Schweiz, um ihre hier wohnhafte
Schwester zu besuchen. Sie verliebte sich während ihres Ferienaufenthalts in einen
Schweizer und heiratete. "Nach sechs Jahren trennten wir uns und später liess
ich mich scheiden", erzählt die Philippinerin. Was sich so leicht in einem Satz
zusammenfassen lässt, war ein langer und schwieriger Weg für die Migrantin.
Während ihrer Ehe lernte sie nur wenig Deutsch und konnte daher kaum Kontakte
knüpfen. Für die Scheidung vermittelte ihr eine Nachbarin einen Anwalt;
Beratungsstellen für Ausländerinnen und Ausländer gab es damals kaum.
"Ich fühlte mich oft allein gelassen", erinnert sie sich an die schwere
Zeit. "Heute gibt es zum Glück sehr viele Beratungsstellen."
Rosita Bianchi-Villa kämpfte für das Sorgerecht der beiden gemeinsamen Kinder,
lernte Deutsch und absolvierte später eine Ausbildung als Mediatorin bei
"MigrantInnen in der Elternarbeit und Erwachsenenbildung" (MEL). Während
ihrer Ehe habe sie jegliche Identität verloren, sagt die heute 41-Jährige.
Abhängigkeit vom Ehemann
Als Abschlussprojekt ihrer Ausbildung bei MEL gründete Bianchi-Villa vor drei Jahren
den Treffpunkt "Tinig" ("Sprache") für allein erziehende
Philippinas, der in der Zwischenzeit vom Familienforum Münchenstein getragen wird. An
den monatlichen Treffen vermittelt sie allein erziehenden Müttern aus den Philippinen
unter anderem Informationen zum Rechtssystem in der Schweiz und zu ihren beruflichen
Möglichkeiten.
Als grosses Problem allein erziehender Migrantinnen bezeichnet Bianchi-Villa, dass man auf
den Philippinen eine grundsätzlich andere Auffassung von Kindererziehung habe als
hier. "Dort werden die Kinder strenger erzogen", sagt sie. Dieser Umstand
führe oft zu Missverständnissen, etwa dann, wenn man sein Kind öffentlich
bestrafe.
Oft hätten Migrantinnen auch Angst, sich vom Ehemann zu trennen, erklärt Nuriye
Tasoglu, die den "Treffpunkt für Wissen" für Türkisch sprechende
Frauen leitet. "Sie werden gezwungen, daheim zu bleiben, eine Erwerbstätigkeit
wird vom Ehemann oft verhindert. Damit sind sie finanziell völlig abhängig von
ihren Partnern", erklärt Tasoglu. Der "Treffpunkt für Wissen"
berät Frauen vor und nach einer Scheidung. Dabei wird darauf geachtet, dass die
Migrantinnen selbstständig handeln: "Sonst bleiben sie immer
abhängig." So werden Kontakte zu den Behörden vermittelt, auch bei der
Suche nach Arbeit hilft Tasoglu. Zudem werden im Treffpunkt, der finanziell von der
eidgenössischen Ausländerkommission und der "Integration Basel"
getragen wird, regelmässig Seminare zu Themen wie Gewalt, Aids oder
Jugend-Kriminalität abgehalten.
Langer Weg zur Selbstständigkeit
Bei Migrantinnen, die mit einem Schweizer verheiratet sind, ist die Trennung vom Ehemann
zudem von der drohenden Wegweisung über-schattet. "Das hängt wie ein
Damoklesschwert über ihnen", erklärt Christian Lupp, Leiter der
Ausländerberatung der GGG in Basel. Vor dem Schritt in die Eigenständigkeit, vor
der Suche nach einem Arbeitsplatz, die eine Scheidung mit sich bringt, schrecken deshalb
viele Migrantinnen zurück. "Bei unzureichender Ausbildung und fehlenden
Deutschkenntnissen müssen getrennt lebende Frauen oft eine schlecht bezahlte Arbeit
annehmen, was zu Problemen bei der Kinderbetreuung und einer angespannten finanziellen
Situation führt", informiert Lupp. "Wir von der Beratungsstelle zeigen den
Frauen Wege, wie sie zu fehlenden Alimenten kommen, geben aber auch Auskunft über
Weiterbildungsmöglichkeiten, Versicherungsfragen und anderes."
Allein erziehende Migrantinnen haben dasselbe Recht auf Alimenten-Bevorschussung wie
allein erziehende Schweizerinnen und Schweizer.
Dass sich ausländische Väter öfter vor der finanziellen Unterstützung
ihrer Kinder drücken, ist jedoch ein Vorurteil. "Schweizerinnen und Schweizer
sind bei einer Scheidung eher auf Sozialhilfe angewiesen", sagt Rudolf Schaffner,
Leiter des kantonalen Sozialamts Basel-Landschaft. Bei Ausländerinnen und
Ausländern führen dagegen eher Arbeitslosigkeit oder ein zu kleines
Grundeinkommen zu finanziellen Problemen.
Schritte in die Integration
Eine allein erziehende Migrantin kann sich in diesem Fall bei dem lokalen Sozialdienst
melden: "Wir haben heute mit den verschiedenen Beratungsstellen ein sehr feines
Informationsnetz", erklärt Schaffner. Im Kanton Basel-Landschaft mit einem
Ausländeranteil von etwa 20 Prozent nähert sich die Zahl der ausländischen
Sozialhilfeempfänger der 50-Prozent-Grenze. Im Kanton Basel-Stadt stammen 53 Prozent
der Sozialhilfeempfänger aus dem Ausland.
Neben den bisher erwähnten Umständen zeigt sich auch, dass
"ausländische Familien oft mehr Kinder haben". So jedenfalls begründet
Rolf Maegli, Vorsteher der Sozialhilfe der Stadt Basel, den hohen Anteil. Die
unterstützten Personen müssen als Sozialhilfeempfänger jedoch auch einige
Verpflichtungen eingehen: "Die genauen Angaben zur finanziellen Situation sind sehr
wichtig", sagt Rudolf Schaffner. Auch sei die Aufforderung zur Arbeitsaufnahme keine
Schikane, sondern ein wichtiger Schritt für die Integration.
Helen Weiss
Adressen
Tinig
Heiligholzstrasse 85
4142 Münchenstein
Tel. 061 411 84 67
Tel. 078 809 37 19
Kontakt: Rosita Bianchi-Villa
Ausländerdienst Baselland
Fachstelle Integration
Bahnhofstrasse 16, 4143 Pratteln
Tel. 061 827 99 00
www.auslaenderdienstbl.ch
Treffpunkt für Wissen
Klingentalgraben 2, 4001 Basel
Tel. 061 692 04 18
Ausländerberatungsstelle der GGG
Eulerstrasse 26, 4051 Basel
Tel. 061 206 92 22
www.integration-bsbl.ch
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