Richtige Simulanten sind höchst selten.

Dr. med. Peter Flubacher ist Hausarzt in der Gemeinschaftspraxis an der Basler Hammerstrasse. 50 Prozent seiner Patienten/-innen sind Ausländer/-innen, Asylsuchende, Eingewanderte und Flüchtlinge. Simulanten/-innen seien eine äusserst seltene Ausnahme.




Migrationszeitung: Peter Flubacher, seit über 20 Jahren behandeln Sie in Basel Flüchtlinge, Migranten/-innen, Asylsuchende. Mit welchen Beschwerden kommen heute die Menschen aus Afrika, Lateinamerika oder Asien zu Ihnen in die Praxis?

Peter Flubacher: In unserer Praxis betreuen wir entsprechend der Bevölkerungsstruktur des Matthäusquartiers viele Menschen, die aus dem Ausland eingewandert sind, es ist ungefähr die Hälfte unserer Patienten/-innen. Die Mehrzahl stammte aus der Türkei, Italien, Spanien, dem ehemaligen Jugoslawien, Einzelne auch aus Osteuropa oder aus aussereuropäischen Ländern. Ursprünglich haben wir gemeint, dass Leute aus dem ferneren Ausland teils wegen exotischer Krankheiten medizinische Hilfe benötigen. Das hat sich nicht bestätigt. Es bestehen kaum Unterschiede zu den Beschwerden der einheimischen Bevölkerung. Nur ganz selten haben wir mit solchen Fällen zu tun, was aus medizinischer Sicht natürlich spannend ist. So habe ich kürzlich einen afrikanischen Patienten mit einer bei uns unbekannten Krankheit (intestinale Bilharziose) gesehen. Da war ich für die Unterstützung durch das Tropeninstitut dankbar.

In der Bevölkerung munkelt man, Migranten/-innen würden Krankheiten vortäuschen, um sich hier den Aufenthalt zu erschleichen und sich auf Kosten der Allgemeinheit behandeln zu lassen. Welches sind Ihre Erfahrungen?
Auch ich habe manchmal mit Leuten zu tun, die wegen eines negativen Asylentscheides ein Leiden aufbauschen oder die einfach nicht mehr arbeiten und von einer Rente profitieren wollen. Das sind Fälle, die uns allen sehr zu schaffen machen. Da muss klar Stellung bezogen werden gegenüber solchen Patienten/-innen, den Versicherungen und anderen involvierten Stellen. Verflixt ist eben, dass ich mich in meiner Beurteilung auch täuschen kann. Wer kennt nicht Berichte von Schweizer Patienten/-innen, die sich beklagen, sie seien bei zig 'Ärzten/-innen gewesen und als Simulant/-in abgestempelt worden, bis endlich jemand die richtige Diagnose gestellt habe.
Zurück zu Ihrer Frage: Es wäre blauäugig, so zu tun, als gebe es unter der ausländischen Bevölkerung nicht auch solche, die unehrlich sind und das System ausnützen. Die meisten unserer ausländischen Patienten/-innen sind ja zum Glück nicht so. Der Pass hat doch nichts mit den Charaktereigenschaften eines Menschen zu tun!

Wie bewerten Sie solche seltenen Fälle von Simulierenden?
Auf richtige Simulanten/-innen treffen wir vermutlich höchst selten. Doch gibt es Menschen, bei denen der Eindruck entsteht, ein Krankheitszeichen sei der willkommene Anlass, sich aus der Verantwortung zu stehlen, sich aus dem Erwerbsleben zurückzuziehen und frühzeitig in Rente zu gehen. Diese Fälle sind sehr mühsam.
Wissen Sie, ich bin ein Anhänger des Sozialstaates. Es waren jahrzehntelange Kämpfe der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung dafür nötig. Für unser gut ausgebautes System sind solche Missbräuche nicht gut. Es wurde nicht für Faule und Profiteure geschaffen, sondern für die, die es wirklich benötigen. Gerade aus meiner Sorge um unsere Sozialwerke halte ich es für eine ganz perfide Sache, wie zurzeit von politisch ausländerfeindlichen Parteien vereinzelte Fälle hochgeschaukelt werden, um unser bewährtes Sozialversicherungssystem als Ganzes in Misskredit zu bringen. Die allermeisten unserer Patienten/-innen, seien sie nun aus der Türkei, aus dem Kosovo, Sri Lanka, Afrika, der Schweiz oder Serbien, sind anstõndige, vernünftige Menschen. Sie gehen ihrer Arbeit nach, versuchen, ihre Kinder zu verantwortungsbewussten Menschen zu erziehen, und respektieren andere Menschen gleich welcher Hautfarbe oder Religion, ohne dass sie dabei ihre Herkunft verleugnen und ihr kulturelles Erbe vernachlässigen würden.

Wie gehen Sie bei unklaren Fällen vor?
Als Hausärzte/-innen sind wir gezwungen, unsere Arbeitshypothesen (Diagnosen) immer wieder in Frage zu stellen. Natürlich gibt es «einfache» Diagnosen wie beispielsweise eine schwere Herzerkrankung - «einfach» in dem Sinn, dass die Krankheit klar benannt werden kann. Es stellt sich dann die Frage, ob es dem Patienten wegen seines Herzproblems schlecht geht oder ob andere Gründe dafür verantwortlich zu machen sind.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Gestern habe ich eine 40-jährige Schweizerin gesehen. Als Bankangestellte ist sie die einzige Ernährerin der Familie. Der Mann schaut zu den Kindern, er ist Hausmann. Die Frau ist seit einigen Monaten depressiv und steht deswegen in regelmässiger psychiatrischer Behandlung. Auslöser der Depression ist - da sind sich der Psychiater und ich einig - die gespannte Situation am Arbeitsplatz, wo Entlassungen angekündigt worden sind. Die Patientin ist fest davon überzeugt, dass sie ihre Stelle verlieren werde, da sie schon mehrmals wegen mangelnder Leistung kritisiert worden sei. Was kann ich als Arzt angesichts dieses Umstands tun? Die Antidepressiva (Medikamente gegen Depressionen) haben kaum etwas genützt. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig Arbeit, Familie und Finanzen (so genannte sozioökonomische Faktoren) für Wohlbefinden und Selbstwertgefühl eines Menschen sind. Die Medizin kann solche Faktoren nicht beeinflussen. Wer je arbeitslos war, versteht genau, was ich meine.

Wie gehen Sie mit dem anderen kulturellen Hintergrund, den Migrantinnen und Migranten mitbringen, in Ihrer Praxis um?
In der Regel frage ich die Patienten/ -innen, was ihrer Meinung nach ihr Leiden verursacht habe und was sie von mir in Sachen Abklärung und Behandlung erwarten. Ich versuche so, die Patienten/-innen in den Prozess von Diagnose und Behandlung einzubeziehen. Das ist das partnerschaftliche Modell, das unserem modernen Verständnis von Medizin entspricht und nach dem ich praktiziere. Das kommt nicht immer gut an und wird so interpretiert, als ob ich als Arzt nicht wüsste, was zu tun sei. Eine solche Abwehrhaltung können wir natürlich auch bei Schweizern/-innen treffen. Ein Hausarztkollege aus dem Emmental hat mir in dem Zusammenhang erzählt, dass ihm einer sagte: «Du bisch der Döktu, du muesch es wüsse!» Gezielte Fragen nach dem psychosozialen Umfeld helfen uns, die Lebenswelt unserer Patienten/-innen besser zu verstehen und uns entsprechend darauf einzustellen.

Was machen Sie bei sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten?
Häufig müssen wir zum Übersetzen mit Familienangehörigen vorlieb nehmen. Aus verschiedenen Gründen sind jedoch Familienangehörige als Übersetzer/-innen denkbar ungeeignet. Deshalb arbeite ich wenn nötig mit einer professionellen Übersetzerin zusammen, zum Beispiel, wenn ich einer Patientin die Möglichkeit geben möchte, ihre eigene Geschichte zu erzählen, oder wenn es eine eingreifende Untersuchung vorzubereiten gilt oder wenn es darum geht, eine Diagnose genau zu erklären und über die damit verbundenen Ängste zu reden.

Haben Sie Verbesserungsvorschläge für die medizinische Betreuung der Migranten/-innen?
Im Vergleich zu anderen Orten läuft bei uns in Basel vieles gut, doch ist zum Erreichten Sorge zu tragen, und es sind gewisse Verbesserungen nötig.
Ein echter Mangel ist in der psychiatrischen Versorgung auszumachen. Gerade hier, wo die Kommunikation extrem wichtig ist, fehlt es an Fachpersonal, das die Sprache der Patienten/-innen spricht. (In der interdisziplinären, interinstitutionellen Arbeitsgruppe «Interdisziplinäre Psychiatrie» wird dieser Missstand immer wieder diskutiert.)
Das Arbeiten mit professionellen Dolmetschern/-innen sollte nicht auf die psychiatrischen Kliniken und einige Polikliniken beschränkt sein, sondern in allen medizinischen Institutionen zu einer Selbstverständlichkeit werden. Als positives Beispiel speziell hervorheben möchte ich die Multikulturelle Suchtberatungsstelle Basel (MUSUB), welche für Süchtige und deren Familien psychologische Beratung anbietet. Die Betroffenen können sich in ihrer Muttersprache unterhalten, was ein grosses Plus ist. Denn dies ist ja in vielen Arztpraxen und Spitälern leider nicht gewährleistet.

Wer bezahlt die Behandlung von Migranten/-innen?
Durch die obligatorische Krankenversicherung sind alle in der Schweiz lebenden Menschen versichert. Für die sozialhilfeabhängigen Asylsuchenden gibt es eine spezielle Versicherung, die nach dem HMO-Prinzip funktioniert. Bund und Kanton übernehmen sämtliche Kosten. Das ist die einzige Ausnahme. Doch sobald Asylsuchende Geld verdienen, müssen sie, wie alle anderen, für die Krankenkassenversicherung selber aufkommen.

Interview: Wolf Südbeck-Baur

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