Hilfe für Frauen im Sexgewerbe

Frauen, die im Milieu arbeiten, wissen nicht wohin, wenn sie Probleme haben oder krank sind. Seit fast zwei Jahren gibt es im Kleinbasel die Beratungsstelle Aliena, die den Frauen aus der Isolation hilft.

Viky Eberhard setzt sich erfolgreich für Frauen im Sexgewerbe ein.

Suzanne L. (Name geändert) war mal Lehrerin in ihrem Heimatland Nigeria, aber das ist schon viele Jahre her. Seit zwei Monaten ist sie erst hier in Basel und nächste Woche geht es weiter, vielleicht zurück zu ihrem Mann nach Barcelona, wie sie sagt. Der habe auch ihren Pass. Sie nippt an ihrem Mineralwasser und lacht eher etwas gequält auf die Frage, ob sie die Schweizer Männer möge. Nein, sie möge eigentlich keine Männer, sagt sie. Im Moulin Rouge arbeitet sie als Animierdame, wie es so «nett» heisst, wie auch Hunderte von anderen hier als exotisch empfundenen Frauen aus dem Ausland. Suzanne L. ist eine der Klientinnen von Aliena, der Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe.
Die Beratungsstelle in der Kleinbasler Webergasse existiert seit November 2001. Zu ihrem Angebot für Frauen im Sexgewerbe zählen telefonische und persönliche Beratung, Besuche an deren Arbeits- und Wohn- ort sowie Begleitung zu Ärzten oder anderen Stellen. Jeden zweiten Donnerstag gibt es einen Mittagstisch und es werden Deutschkurse organisiert, denn die normalen Angebote sind wegen der unüblichen Arbeitszeiten im Sexgewerbe ungeeignet.
Aliena ist lateinisch und heisst «die Fremde». Denn wie die Nigerianerin Suzanne L. sind die meisten Frauen Fremde in diesem Land und vor allem in diesem Beruf, der jegliche Integration verunmöglicht. «Die meisten Frauen haben den Traum, in der Schweiz ein Leben in Freiheit und Menschenwürde zu verbringen», sagt Viky Eberhard, Leiterin der Beratungsstelle. «Doch die Realität ist wie ein Albtraum und geprägt durch Rechtlosigkeit, Ausgrenzung und Diskriminierung.» Die meisten Migrantinnen im Sexgewerbe arbeiten als Animierdamen (was in Basel gesetzlich verboten ist), als Cabarettänzerinnen oder in den Salons im Kleinbasel. Diejenigen, die als Tänzerinnen arbeiten, seien die «Privilegierten», so Viky Eberhard, denn sie haben eine Aufenthaltsbewilligung für acht Monate. Die anderen Frauen sind meist mit einem Touristenvisum hier, das drei Monate gilt, dann müssen sie wieder ausreisen. Bleiben sie trotzdem hier, rutschen sie in die Illegalität.

Ein Netz von Ärztinnen und Ärzten
«Da diese Frauen ganz anders leben und arbeiten als andere, stehen bei der Beratung Gesundheitsfragen an erster Stelle», sagt Viky Eberhard. Denn bei dieser Arbeit leiden die physische und die psychische Gesundheit, die Frauen sind mit der Situation überfordert.

Die Beratung am Arbeitsplatz ist enorm wichtig.

Die Arbeitszeiten sind anstrengend: Der «Arbeitstag» beginnt etwa gegen 16 Uhr und endet meist in den frühen Morgenstunden. Viele schlafen schlecht. «Schlafstörungen sind ein häufiges Problem. Die Frauen leiden auch unter Kopf- und Magenschmerzen, Stress, Essstörungen und Depressionen», sagt die Leiterin von Aliena. Alkoholprobleme sind auch häufig. Kein Wunder, denn die Frauen müssen mit den Kunden trinken, auch wenn dies nicht «offiziell» verlangt werden kann. Vor allem holen sie sich regelmässig Geschlechtskrankheiten. Viele vertragen auch die Kondome nicht. Da sehr viele Frauen illegal hier arbeiten oder nur mit einem Touristenvisum, sind sie auch nicht krankenversichert. Sie wissen nicht, an wen sie sich bei Problemen, nicht nur  gesundheitlichen, wenden können. Die Mehrzahl der Migrantinnen spricht kein Deutsch, das isoliert zusätzlich. Viky Eberhard hat darum ein Netz von Ärztinnen und Ärzten aufgebaut, die zu einem günstigen Tarif die Frauen behandeln. Abgerechnet wird in bar. «Diese Woche habe ich wieder fünf Termine bei verschiedenen Ärztinnen und Ärzten», sagt Viky Eberhard. Einige Gynäkologinnen und Gynäkologen und andere Ärztinnen und Ärzte arbeiten mit Aliena zusammen. «Unser Wunsch ist allerdings, zusammen mit anderen Organisationen wie Aids-Hilfe oder Mitternachtsmission eine Gesundheitssprechstunde für Frauen aus dem Sexgewerbe in Basel einzurichten. Denn es besteht ein grosses Bedürfnis nach Beratung.» Finanziert wird die Beratungsstelle bisher vom Schweizerischen Verein Compagna (ehemals Freundinnen junger Mädchen, FJM). Aber Viky Eberhard will auch bei anderen Stellen anklopfen, wie zum Beispiel bei der Stadt Basel. Denn das Ganze, so die Leiterin, betreffe alle Einwohnerinnen und Einwohner und nicht nur die Migrantinnen.

Gleicher kultureller Hintergrund
Auch die anderen Mitarbeiterinnen von Aliena, Birgit Stäheli, die seit  Februar 2003 rund 20 Stunden pro Monat arbeitet, und die ehrenamtlich tätige Psychologin Mariel Yomha aus Argentinien, sind überzeugt, dass eine feste Sprechstunde, in die die Frauen einfach kommen können, von grossem Nutzen und ein grosses Bedürfnis wäre. «Wir von Aliena sind oft der einzige sichere Platz, wo die Frauen hingehen können und wo sie Menschen finden, denen sie vertrauen können», sagt die Psychologin. Jeden Freitagmorgen können sich die «Sexarbeiterinnen» in der Beratungsstelle an sie wenden. Dabei kann sie natürlich keine eigentlichen Therapien durchführen, denn die meisten kommen nur einmal zu einem Gespräch. Mariel Yomha hört den Frauen zu und fragt nach, sie gibt Ratschläge und Unterstützung. «Viele Frauen leiden unter Depressionen und Stress. Und um das zu erkennen, ist der gleiche kulturelle Hintergrund sehr wichtig», sagt Mariel Yomha. «Wir sprechen die gleiche Sprache, haben den gleichen 'Code'. Viele sagen zum Beispiel, sie seien gelangweilt, aber in Wirklichkeit sind sie depressiv. - Oft müsse sie die Frauen auch erst berzeugen, zu einem Gepräch zu kommen. «Viele meinen, sie hätten kein Recht auf Hilfe oder Beratung, denn sie seien ja in der Rolle der Dienenden.» Die meisten würden sich auch schämen oder schuldig fühlen, für das, was sie hier tun. Nicht selten führen sie ein Doppelleben, und oft weiss die Familie im Heimatland nichts von ihrem Job hier in der Schweiz.
Mehrheitlich kommen Frauen aus Lateinamerika zu ihr, wie auch zu Viky Eberhard, die aus Peru stammt. Die ehemalige Krankenschwester Birgit Stäheli ist Deutsche mit guten Französisch- und Englischkenntnissen. Sie berät meist Frauen aus Afrika. «Es ist gut, dass wir in einem Team arbeiten», sagt Birgit Stäheli. «Wir haben Kontakte zu Anwälten/-innen und gehen mit den Frauen nicht nur zur Ärztin oder in die Apotheke, sondern helfen auch bei der Erledigung von alltäglichen Dingen.» Besonders im Notfall brauchen die Frauen eine Betreuung, sei es, weil sie krank sind, nach einer Trennung, einem Todesfall in der Familie, sei es, weil sie Gewalt erlebt haben oder einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich haben, was oft vorkommt. «Unser Ziel ist, dass diese Frauen selbstständiger werden», sagt die Leiterin Viky Eberhard. Und nicht zuletzt geben die engagierten Mitarbeiterinnen von Aliena den Frauen, die im Milieu arbeiten, das Gefühl, dass sie auch ganz normale Frauen sind.

Lioba Schneemann

Kontakt: Aliena - Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe
Webergasse 15, 4057 Basel
Tel./Fax 061 681 24 14
E-Mail: aliena@tiscalinet.ch

zurückblättern
blättern