Beim Pflegefachpersonal in der Grenzsanität

Augenschein am Zoll Otterbach, an der Freiburgerstrasse in Basel: Fatmir Berisha (Name geändert) ist um vier Uhr morgens bei der Empfangsstelle für Asylsuchende eingetroffen. Am nächsten Morgen betritt er die grenzsanitarische Untersuchungsstelle des Schweizerischen Roten Kreuzes.

Im Wartesaal der grenzsanitarischen Untersuchungsstelle des SRK am Zoll Otterbach.

Er war hungrig und müde, schmutzig und abgekämpft. Mehrere Tage hat er im Lastwagen eines Schleppers verbracht, der ihn von Serbien in die Schweiz brachte. Er ist aufgeregt, aber auch froh, endlich angekommen zu sein. Schliesslich ist er hier in der Schweiz, dem Paradies, wie man ihm zu Hause erzählt hatte, angekommen. Hier sei alles gut, hier gäbe es Arbeit, eine Zukunft, Sicherheit. Sonst weiss er nichts über dieses Land, nicht einmal genau, welche Sprache gesprochen wird.
Um acht Uhr öffnete man ihm und drei Landsleuten, die mit demselben Schlepper mitgekommen waren, die Tür und bat sie herein. Man nahm seine Personalien auf und quartierte ihn ein.
Am nächsten Morgen um acht Uhr betritt Fatmir Berisha ausgeschlafen das Gebäude der grenzsanitarischen Untersuchungsstelle des Schweizerischen Roten Kreuzes, das sich gleich ein paar Häuser von der Empfangsstelle entfernt befindet. Er wird dort von einer Mitarbeiterin begrüsst, die als Erstes nach den Papieren fragt, die er von der Empfangsstelle erhalten hat. Er überreicht der Frau, ohne zu zögern,   was er in seinen Händen hält. «Fatmir Berisha. Identifikationsnummer 444444.01», liest sie darauf, «Nationalitõt: Serbien - Montenegro.» Sie bittet ihn, sich in den Wartesaal zu begeben. Hier sitzen schon einige andere Asylsuchende und warten auf das weitere Vorgehen. Nach einer Weile hört Fatmir Berisha vom Band auf Serbisch, was ihn hier erwartet. Nach und nach wird ihm alles klarer.
«Wir haben 32 Sprachen zur Verfügung», erklärt Nelly Owens, Leiterin der grenzsanitarischen Untersuchungsstelle. «Im Allgemeinen kommen wir damit durch. Hin und wieder gibt es jedoch Personen, welche keine der vorhandenen Sprachen verstehen. In diesem Fall suchen wir eine Person in der Empfangsstelle, welche die Übersetzung machen kann. Oft hat man aber auch Glück, und einer der anderen Asylsuchenden kann übersetzen. Man muss  nur einmal bedenken, dass es allein im Kurdischen drei Hauptsprachen gibt.» Es sind jetzt schon sehr viele Leute im Wartesaal. Für einen Montag ganz normal. Von Nelly Owens erfahren wir, dass in der ersten Hälfte der Woche mehr Asylsuchende eintreffen als in der zweiten.

Erfahrenes Pflegefachpersonal kümmert sich um die Asylsuchenden.

Im Wartesaal ist es warm. Die Luft ist geschwängert mit lauten und leisen Stimmen, dem Gekicher von Kindern und dem Umblättern von Zeitungs- und Magazinseiten. Eine Frau aus Somalia verteilt ihren fünf Kindern Süssigkeiten. Ab und zu wird in einer der 32 Sprachen wieder der Ablauf der Prozedur ab Band gespielt.
Nach einer Weile werden Fatmir Berisha und vier weitere Männer von einer Mitarbeiterin aufgerufen. Sie erheben sich und folgen ihr in den Röntgenraum. «Ich nehme immer eine Gruppe von fünf oder sechs Männern zum Röntgen mit», so die Mitarbeiterin, «sonst eine Familie oder eine Gruppe von Frauen.» Nur die Lungen werden geröntgt: Man will in erster Linie herausfinden, ob ein Verdacht auf eine Tuberkulose besteht. «Wenn der Arzt auf dem Thoraxbild Veränderungen diagnostiziert, die auf eine mögliche Tuberkulose hindeuten, wird die Empfangsstelle informiert. Der Asylsuchende wird sofort isoliert und zur weiteren Abklärung  ins Kantonsspital gebracht. Nachdem alle Neuankömmlinge geröntgt worden sind, werden die belichteten Röntgenbilder entwickelt und geschnitten, damit sie von einem Arzt noch am selben Tag beurteilt werden können.
Wir begleiten Fatmir Berisha nach dem Röntgen in einen weiteren Raum. Dort wird er von den diplomierten Pflegefachfrauen herzlich begrüsst. Er ist ein wenig nervös.
Er wird auf Englisch gefragt, ob er gesund sei oder ob er Allergien habe. Er versteht nicht, schüttelt verwirrt den Kopf. Die Mitarbeiterin versucht es auf Französisch: Das versteht er besser, und er ist auch in der Lage, zu antworten.
«In den meisten Fällen kommen wir mit Englisch und Französisch durch», weiss eine Mitarbeiterin zu berichten.
Sollte aber jemand nichts verstehen, gibt es oft andere Asylsuchende, die als Übersetzer/-innen fungieren. Wenn jedoch auch das nicht möglich ist, haben die Krankenschwestern ein so genanntes Baukastensystem in mehr als 30 Sprachen, alle Informationen und Fragen sind in ihrer Sprache geschrieben. Ein reales Problem sind auch die Analphabeten/-innen, da benötigen sie die Hand- und Zeigesprache und erfahren so das Notwendige. Eine der Pflegefachfrauen macht dann zuerst den Tuberkulintest bei den Asylsuchenden. Dieser wird nach zwei Tagen abgelesen.
Nach dem Test sind die Impfungen an der Reihe. Geimpft wird nach dem Schweizerischen Impfplan: gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Kinderlähmung, Meningitis, Masern, Mumps, Röteln und Hepatitis B.
«Bei einer Schwangerschaft wird in den ersten drei Monaten nicht geimpft», erklärt Nelly Owens fachkundig. «Ab dem vierten Schwangerschaftsmonat wird die Kombinationsimpfung Revaxis (Tetanus, Diphtherie, Polio) ausgeführt und gegen Hepatitis B geimpft.» Die Pflegefachfrau erklärt nun Fatmir Berisha, dass er in zwei Tagen wieder herkommen soll. Dann wird er das Ergebnis des Tuberkulintestes sowie einen persönlichen Impfausweis erhalten.
Bei der Befragung nach dem Gesundheitszustand eines Asylsuchenden kann es vorkommen, dass jemand über Schmerzen oder sonstige gesundheitliche Probleme klagt. In der grenzsanitarischen Untersuchungsstelle wurden diese Personen bis anhin nicht behandelt, sondern an die Betreuung in der Empfangsstelle überwiesen. «Dies wird sich aber möglicherweise in absehbarer Zeit ändern,» so Owens. Das Schweizerische Rote Kreuz arbeitet im Auftrag des Bundesamtes für Flüchtlinge an einem Konzept betreffend die medizinische Betreuung der Asylsuchenden während ihres Aufenthalts in der Empfangsstelle.
Zwei Tage später treffen wir im Wartesaal der Grenzsanität wieder auf Fatmir Berisha. Auch heute sind wieder viele Leute gekommen. Das Stimmengewirr ist dicht und farbig, Sonnenstrahlen fallen durch die Fenster. Fatmir Berisha hat in der Zwischenzeit Freunde gefunden. Im Achterzimmer, wo er in der Empfangsstelle untergebracht ist, hat es neben vier Afrikanern, einem Kurden auch zwei seiner Landsleute. Die drei unterhalten sich angeregt; sie wirken entspannt, wissen, dass sie wohl bald in einen Kanton gebracht werden, wo dann ihr neues Leben beginnt.
Eine der Pflegefachfrauen tritt herein und ruft Fatmir Berishas Namen auf. Er folgt ihr in den Raum, wo er vor zwei Tagen den Test gemacht und die Impfungen injiziert bekommen hat. Er erkennt die Frau vor sich wieder: Sie hat ihn das letzte Mal betreut. Sie nimmt seinen Arm und betrachtet die kleine Wölbung die der Tuberkulintest hinterlassen hat; zu klein, um einen Verdacht auf Tuberkulose zu erwecken, und auch das Röntgenbild zeigt keine verdächtigen Befunde auf: Tuberkulose ist bei dem Untersuchten also ausgeschlossen.
Zum Schluss überreicht man den Asylsuchenden einen Impfausweis vom Bundesamt für Gesundheit  (BAG).
Fatmir Berisha wird vom Fachpersonal verabschiedet. Wir begleiten ihn ein kurzes Stück. Er geht durch den Wartesaal, in dem gerade auf Albanisch das Prozedere ab Band läuft, und betrachtet einige der nervösen Gesichter. Er lächelt und winkt jemandem zu, den er gestern kennengelernt hat. Dann verlässt er das Gebäude der grenzsanitarischen Untersuchungsstelle und kehrt zurück in die Empfangsstelle, wo er dann auf das weitere Prozedere im Ablauf des Asylverfahrens wartet.

Yves Rechsteiner

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