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 Ohne den Einsatz von Migrantinnen und Migranten würde das Schweizer Gesundheitswesen
nicht funktionieren. Eine Pflegerin, zwei Pfleger, ein Metzger und ein Arzt erzählen
ihre Geschichte.
Wenn Nellie Camique von der Arbeit nach Hause kommt, bereitet sie als Erstes ihren beiden
Töchtern das Frühstück zu. Als Nachtwache in der Psychiatrischen
Universitätsklinik (PUK) geht für sie der Tag zu Ende, wenn er für ihre
Familie gerade erst begonnen hat. Ihren Mann Jezreel sieht sie nur kurz, er arbeitet zwar
ebenfalls in der PUK, aber vor allem im Tagdienst. Sind die Kinder aus dem Haus, geht
Nellie Camique ins Bett und schläft sofort ein. Die Arbeitszeiten seien manchmal
schon etwas hart, sagt sie, «aber ich liebe meinen Beruf».
Jezreel und Nellie Camique mit ihren beiden Töchtern, Hannah und Jenenah Lois.
Nellie Camique ist gelernte Krankenschwester, die Ausbildung hat sie in ihrer Heimat, auf
den Philippinen, absolviert. Ihr Mann dagegen ist ein Quereinsteiger: Jezreel Camique war
früher Matrose und hat jahrelang auf allen Weltmeeren gearbeitet. Als er in den Hafen
der Ehe einlief und seine Tochter Hannah geboren wurde, strich er die Segel: «Als
Matrose muss man sich bis zu drei Jahre verpflichten», erklärt er. «Das
geht nicht, wenn man eine Familie hat.»
Globalisierte Familie
Jezreel und Nellie Camique lernten sich nicht etwa auf den Philippinen kennen, sondern in
Frankfurt. Als seine Frau eine Stelle in Basel annahm, folgte ihr der Gatte nach und
begann, im Altersheim Adullam zu arbeiten. Auf den Philippinen hatte er Pflegekurse
besucht, die er nun gut gebrauchen konnte. In der PUK ist Jezreel Camique auf der
Rehabilitations-Abteilung tätig, wo psychisch Kranke auf den Übergang in ihr
Leben ausserhalb der Klinik vorbereitet werden. Neben den eigentlichen Pflegeaufgaben
hilft er den Patienten/-innen auch bei der Planung ihrer Zukunft.
Es war Nellie und Jezreel Camique wichtig, dass auch ihre Töchter am Gespräch
mit der Migrationszeitung teilnahmen. Sie sind beide in Basel geboren, Hannah besucht das
Gymnasium, Jenenah Lois die Primarschule. «Manchmal frage ich sie, ob sie sich als
Ausländerinnen fühlen», erzählt die Mutter. Sie ist erleichtert, wenn
die Kinder die Fragen verneinen: «Unsere Töchter sind hier gut
integriert.» Und Hannah fügt an: «Wenn mich jemand fragt, woher ich
komme, dann sage ich: aus der Schweiz.»
In der Familie Camique offenbart sich die Globalisierung im Kleinformat. Vater und Mutter
sprechen neben Deutsch und Englisch zwei unterschiedliche philippinische Sprachen. Ihre
Familien und Angehörigen leben verstreut über die ganze Welt. Nellie Camique
folgte ihrer Schwester nach Europa, ihr Mann wurde von seinen Eltern nach Deutschland
geholt. Sie hatten dort schon während Jahren gearbeitet und ihre Kinder nacheinander
aus den Philippinen zu sich geholt. Unterdessen sind sie wieder in ihre alte Heimat
zurückgekehrt. Jezreel Camiques Geschwister wohnen in den USA, Finnland und
Deutschland. Die Eltern von seiner Frau lebten jahrelang in den USA und sind nun ebenfalls
auf die Philippinen zurückgekehrt.
Manchmal überlegen sich auch Jezreel und Nellie Camique, wo sie einst alt werden.
«Unsere Töchter sind hier aufgewachsen, und auch wir fühlen uns wohl
hier», sagt sie. «Trotzdem ist man hin und her gerissen. Es ist ein Konflikt,
der nicht einfach zu lösen ist.» Sie halte ihre Gedanken bewusst unter
Kontrolle: «Ich sage mir, du bist jetzt hier und bleibst auch vorerst einmal
hier.»
Ohne Menschen wie Nellie und Jezreel Camique würde das Schweizer Gesundheitssystem
nicht funktionieren. Allein im Kantonsspital Basel kommt im leitenden Bereich, also von
den Oberärzten an aufwärts, rund ein Drittel des Personals ursprünglich aus
dem Ausland. Im Pflegebereich sind es 50 bis 60 Prozent, in der Reinigung sogar über
85 Prozent. In einem Kanton wie Basel-Stadt arbeiten auch viele Grenzgängerinnen und
Grenzgänger im Gesundheitswesen.
Genug vom italienischen System
Vincenzo Capizzi stammt aus Sizilien, lebt mit Frau und Sohn in Lörrach und arbeitet
in der Küche des Kantonsspitals Basel. Bist du verrückt, habe ihn seine Frau
gefragt, als er ihr eröffnete, er wolle nach Deutschland ziehen. Beide hatten damals
in Norditalien eine gute Stelle in der Modeindustrie. Aber der Gatte wollte weg.
«Ich hatte genug vom italienischen System», erklärt er und erwähnt
die Bürokratie und das Gesundheitswesen. «Solange Leute wie Berlusconi an der
Spitze stehen», ist er überzeugt, «wird es ewig so weitergehen.»
In der Küche des Kantonsspitals ist Vincenzo Capizzi für die Metzgerei
verantwortlich, er ist stellvertretender Chef des Lagers und macht zurzeit eine Ausbildung
im Lebensmitteleinkauf. Seine Familie hatte in einem sizilianischen Dorf während
dreier Generationen eine Metzgerei betrieben. Dem Sohn war bereits im zarten Alter von
sieben Jahren klar, dass er einmal Metzger werden wollte. «Ich stand schon als Kind
gerne beim Opa in der Metzgerei», erzählt er. Später entschied er sich
für eine Ausbildung als Metzgermeister, weil er auch Lehrlinge unterrichten wollte.
Seine Ausbildung dauerte volle sieben Jahre, denn neben der Lehre und der
Meisterprüfung musste er auch einen zweijährigen Lehrgang als Buchhalter
absolvieren.
Nachdem er in Deutschland eine Zeit lang in einem Restaurant gearbeitet hatte, beschloss
Vicenzo Capizzi, sein Glück in der Schweiz zu versuchen: «Ich verschickte elf
Bewerbungen an Metzgereien in der Region Basel und erhielt mehrere Angebote.» Den
Job, den er bei Bell annahm, übte er allerdings nur einen Monat lang aus, dann kam
die Offerte aus dem Kantonsspital.
Buchhalter in der Küche
Sein Buchhalterdiplom komme ihm bei seiner jetzigen Arbeit sehr zugute, sagt Capizzi. Er
arbeitet in einem Büro, das durch eine Glaswand von der Grossküche des Spitals
abgetrennt ist. Dutzende von Köchen und Küchengehilfen arbeiten hier an riesigen
schwenkbaren Töpfen, es ist laut und überall steigt Dampf auf. Eine eigentliche
Metzgerei gibt es nicht mehr, Capizzi muss sich in erster Linie um den Einkauf und die
Qualitätskontrolle kümmern. Bei rund 2000 Menüs pro Tag keine einfache
Sache! «Unsere Qualitätsstandards sind sehr hoch», betont der
Metzgermeister, «wir verwenden nur frisches Fleisch aus der Schweiz.» Mit
Schaudern erinnert er sich an seinen Militärdienst, wo er 1990 einmal mit Fleisch
kochen musste, das seit 1968 tiefgekühlt gewesen war. Giftig sei das zwar nicht, sagt
er, «aber ich habe keinen Bissen davon gegessen».
Vincenzo Capizzi ist da angekommen, wo er hinwollte.
Dass er nicht mehr direkt als Metzger arbeitet, macht ihm nichts aus: «Es
gefällt mir sehr, was ich hier mache», sagt er begeistert. «Es ist
schön, wenn einem bei der Arbeit so viel Vertrauen entgegengebracht wird.»
Vincenzo Capizzi ist da angekommen, wo er hinwollte: «Hier arbeiten zu dürfen,
ist fantastisch.»
Facharzt aus Kolumbien
Auch Carlos H. Buitrago Téllez mag die Arbeit am Kantonsspital. Und seine
Kolleginnen und Kollegen am Kantonsspital mögen ihn: Die Dame an der Pforte ist
entzückt, als sie den Namen des Oberarztes aus Kolumbien hört: «Oh»,
sagt sie, «das ist ein ganz Herziger!» Auch Buitrago Téllez strahlt,
und auf dem Weg in die Cafeteria wird er immer wieder von Mitarbeitern oder Kolleginnen
aufgehalten. «Das habe ich alles für die Presse arrangiert», behauptet er
augenzwinkernd.
Carlos Buitrago Téllez ist Facharzt für Diagnostische Radiologie.
Wissenschaftlich befasst er sich schwerpunktmässig mit der bildlichen Darstellung von
Verletzungen und Missbildungen an Hals, Gesicht und Schädel, vor allem mittels
Computertomografie oder Magnet-Resonanz-Imaging (MRI). Zurzeit arbeitet Buitrago
Téllez, der auch als Privatdozent an der Universität Basel unterrichtet, an
einem neuen System zur Diagnose von Brüchen der Gesichtsknochen. Bis jetzt wird dazu
noch immer ein Klassifikationssystem aus dem Jahr 1901 verwendet. Weil es für heutige
Verhältnisse zu ungenau ist, kann es therapeutische Entscheidungen schwierig machen.
Das in Basel entwickelte System macht allerdings nur Sinn, wenn es weltweit angewandt
wird. Und das wäre um ein Haar schief gegangen: Die Amerikaner sträubten sich.
Amerikaner bezwungen
Ende März - die US Army kämpfte gerade im Irak - versuchte Carlos Buitrago
Téllez zusammen mit anderen europäischen Wissenschaftlern, unter anderem mit
Joachim Prein, dem ehemaligen Chefarzt der Klinik für Wiederherstellende Chirurgie am
Kantonsspital Basel, in einem Hotel in Texas die amerikanischen Ärzte zu
überzeugen. «Wir haben drei Tage lang von 8 bis 19 Uhr verhandelt»,
erzählt Buitrago Téllez. Und was der Uno im Irak nicht gelungen war, gelang
dem kolumbianischen Radiologen: Er konnte die Amerikaner umstimmen und sie von den
Vorteilen der Zusammenarbeit mit dem internationalen Basler Projekt überzeugen.
«Für den Forschungsstandort Basel ist das sehr wichtig», betont er. Nun
arbeitet er an der Weiterentwicklung des Systems.
Dr. med. Carlos Buitrago Téllez ist Facharzt für Diagnostische Radiologie.
Carlos Buitrago Téllez lebt und arbeitet seit 1998 in Basel. Sein Grundstudium als
Arzt absolvierte er in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Es sei ihm bald klar
gewesen, dass er nach Europa wolle, erzählt er. Weil er sich auf die Bildgebung von
Schädel- und Gesichtsverletzungen spezialisieren wollte, lag eine weitere Ausbildung
im Ausland auf der Hand: Die technische Ausrüstung ist in Kolumbien nicht auf dem
gleichen Stand wie in Europa. Deutsch sprach der junge Doktor bereits: «Mein Vater
hatte mich an ein deutschsprachiges Gymnasium geschickt», erzählt er,
«und meine erste Freundin war eine Schweizerin.» Nach acht Jahren in Freiburg
i.Br., wo er auch seinen Doktor machte, die Facharztprüfung ablegte und an der
Universität unterrichtete, nahm er eine Stelle am Kantonsspital Basel an.
«Yyschnuufe, uusschnuufe»
Seit einem einjährigen Austausch mit dem Felix-Platter-Spital, wo er als Oberarzt und
verantwortlicher ärztlicher Leiter der Radiologie arbeitete, spricht er auch etwas
Schweizerdeutsch: «Yyschnuufe, uusschnuufe», sagt er, «das sind die
wichtigsten Wörter. Sonst reagieren die Patienten einfach nicht.» Der Kontakt
mit ihnen sei ihm sehr wichtig. Wer sich die lange Liste seiner Projekte ansieht -
darunter auch ein Computerprogramm namens «Buitrago-CAFFAC» zur automatischen
Klassifikation von Gesichtsbrüchen -, fragt sich, ob dieser Mann überhaupt noch
ein Privatleben hat. Das hat er sehr wohl: Der Sohn seiner Schwester, die in Kolumbien
lebt, besucht nämlich zur Zeit in Basel das Gymnasium. Der junge Mann wohnt bei
seinem Onkel, der für ihn die Erziehungsberechtigung übernommen hat.
Dem kolumbianischen Arzt und Wissenschaftler ist es wohl hier, er möchte in der
Schweiz bleiben. Was seine Arbeit betrifft, ist er momentan daran, eine
gesamtschweizerische Arbeitsgruppe für Kopf- und Halsdiagnostik ins Leben zu rufen.
Seine berufliche Zukunft sieht er in der Zusammenarbeit zwischen der Allgemeinen
Radiologie und der Neuroradiologie, die sich mit dem Gehirn und den Nerven auseinander
setzt. In diesem Gebiet ist er gegenwärtig als Oberarzt tätig: «Ich wage
mich langsam von der Schädelbasis zum Gehirn vor», meint er lachend.
Viel Geduld gefordert
Auch Johnson Augustine lächelt oft, obwohl seine Zukunft weniger klar ist. Seit vier
Monaten arbeitet er im Pflegewohnheim auf dem Bruderholz, wo er sich um das
«physische und psychische Wohlergehen der alten Leute» kümmert, wie er es
formuliert. Johnson, wie ihn im Heim alle nennen, wäscht die Pensionäre und
kleidet sie an, er hilft ihnen beim Aufstehen, sofern es noch geht, und serviert ihnen das
Essen. Er erstellt Pläne für Therapien und Besuche und bespricht den Zustand
seiner Patienten/-innen in langen Sitzungen mit seinen Kolleginnen und Kollegen.
«Der Job ist nicht einfach», sagt er, «man braucht viel Geduld.»
Oft seien die Patienten/-innen geistig verwirrt, er sei auch schon geschlagen worden. Aber
er nimmt das Verhalten seiner Schützlinge nicht persönlich. Er plaudert mit
ihnen, zum Beispiel übers Fernsehprogramm, macht Spiele und singt mit ihnen Lieder.
«Es ist ein sehr interessanter Beruf», sagt er und lächelt.
Johnson Augustine ist sich bewusst, dass sein Beruf bei Schweizerinnen und Schweizern
wenig beliebt ist. Im Unterschied zu Indien, wo die Ausbildung als Krankenschwester oder
-pfleger sehr geschätzt wird, würden die Leute in Europa eben mehr Wert darauf
legen, ihr Leben zu geniessen, sagt er. «Wir Inder sind anders, wir haben einen Plan
für die Zukunft.» Ob er seinen eigenen Plan realisieren kann, weiss Johnson
Augustine nicht: «Eigentlich möchte ich so schnell wie möglich zurück
nach Indien. Aber wer weiss, wie es kommen wird.»
Johnson Augustine kümmert sich um das «physische und psychische Wohlergehen der
alten Leute».
Johnson Augustine stammt aus dem südindischen Bundesstaat Kerala. Für seine
Ausbildung zum Krankenpfleger schickten ihn seine Eltern in den etwas weiter nördlich
gelegenen Staat Karnataka. Zusammen mit seiner Frau, die ebenfalls Krankenschwester ist,
zog er vor gut zweieinhalb Jahren nach Wien. Seit diesem Frühling lebt das Paar im
Gundeli.
Unsichere Zukunft
Was Johnson Augustine daran zweifeln lässt, ob seine Pläne realisierbar sind,
ist das Beispiel von Verwandten seiner Frau: Sie sind in Europa aufgewachsen und kennen
Indien nur aus der Perspektive von Touristen. Johnson Augustine hat einen
zweijährigen Sohn, und er weiss, dass auch dieser seine Wurzeln einmal in der Schweiz
haben wird: «In Indien werden Beruf und Heirat von den Eltern vorgegeben. Unsere
Kinder dagegen werden ihren eigenen Weg gehen.» Auf die Frage, welches System er
denn bevorzuge, reagiert er verwundert: «Das indische natürlich. Ich bin dort
geboren und aufgewachsen.» Und was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen hier
und dort? «Alles ist anders», erklärt er. «Alles. Das Klima, die
Leute, die modernen Geräte im Heim.» Es herrsche hier eine völlig andere
Kultur als bei ihm zuhause. «Ich wäre lieber in Indien bei meiner
Familie», sagt Johnson Augustine und lächelt zum Abschied.
Andreas Merz

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