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 Das Erlimatt-Schulhaus in Pratteln galt lange Zeit als Problemschule. Zu Unrecht, finden
Schülerinnen und Schüler und die Lehrerschaft. Sie finden nicht, dass es bei
ihnen mehr Gewalt gebe als anderswo.

Direm, Arben, Marc und Kevin: «Gewalt ist Scheisse.»
«Es nervt, dass es immer heisst, das Erli sei schlecht», sagen die beiden
15-jährigen Schüler Gervashi und Nerhim der Berufswahlklasse 4c aus dem
Erlimatt-Schulhaus in Pratteln. Früher sei das Erli, wie die Schule genannt wird,
schlimmer gewesen. Aber die Typen, denen das Erli sein Image verdankt, hätten die
Schule abgeschlossen und seien heute weg, sagen sie. Doch die negativen Schlagzeilen sind
geblieben - und damit auch der schlechte Ruf der Realschule: Schlägereien,
Erpressungen, Waffen, Gangs. Auch Samuel, 15, findet, dass die negative Publicity falsch
sei: «Im Fröschen», sagt er, «gibt es viel mehr
Schlägereien.» Er meint damit das Pratteler Fröschmatt-Schulhaus, wo
Sekundarschüler und Progymnasiasten den Unterricht besuchen. Dino, 16, stimmt ihm zu:
Es gebe häufig Provokationen aus dem Fröschen. Wir sollten uns doch mal dort
umhören, «dort laufen sie in zerrissenen Jeans herum und kiffen», sagen
Direm, Arben, Marc und Kevin. Aber hier in ihrer Schule, dem Erlimatt, sei es friedlich.

Nerhim, Gervashi: «Viele sagen: 'Die Schweiz ist Scheisse'. Wir sind froh, in der
Schweiz zu leben.»
Edy Roesti: «Mehr Gewalt als in anderen Schulhäusern gibt es bei uns
nicht.»
Also alles nur übertriebene Medienberichterstattung? Nicht nur, gesteht Edy Roesti,
Rektor des Erlimatts mit Schülerinnen und Schülern aus über zwanzig
verschiedenen Nationen. Einige der Jugendlichen hätten andere Werte als Herr und Frau
Schweizer, erklärt er: «Wird die Ehre angegriffen, muss sie wieder hergestellt
werden.» Dazu werde manchmal die Faust benutzt. Dennoch ist auch Roesti
überzeugt: «Bei uns gibt es nicht mehr Gewalt als in anderen
Schulhäusern.»
9.45 Uhr - die grosse Pause ist eingeläutet. Die Schülerinnen und Schüler
strömen aus ihren Klassenzimmern auf den Pausenhof. Die Ausgangstüren ins Freie
sind eng. Es wird geschubst und gedrängt. «Merci», bedankt sich eine
Schülerin bei ihrem Kameraden, der ihr die Tür nicht aufhält. Doch
schliesslich finden alle hinaus. In Grüppchen spazieren sie über den
gepflasterten Schulhof, lehnen lässig an Betonpfeilern oder sitzen friedlich auf den
kleinen Betonmäuerchen.
Nicht alle sind erfreut, dass heute ein Journalist und ein Fotograf auf dem Pausenplatz
aufkreuzen. Sie wollen auf keinen Fall fotografiert werden. Andere drängen sich vor
und sagen cool: «Gewalt ist Scheisse», um auf ein Foto zu kommen. Ein
Statement, dem einige Kollegen aus Mazedonien und Grossbritannien nickend zustimmen. Direm
aus dem kurdischen Teil der Türkei fordert uns auf, uns umzublicken: «Sehen Sie
hier irgendwo Gewalt?» Die Schülerinnen und Schüler sitzen, stehen, lehnen
noch immer friedlich herum. Keine Auseinandersetzungen, Dispute oder Rempeleien.

Jolanda, Tatjana: «Es gab gute Zeiten und schlechte Zeiten.»
Wir befragen eine Mädchengruppe. «Es gibt gute Zeiten und schlechte
Zeiten», sagt Jolanda, 15. Klar, als Zuschauerin habe sie bereits Schlägereien
unter Schülern erlebt, «Buben, halt.» Auch Felanza aus dem Kosovo, Esra
aus der Türkei und Eylem aus dem kurdischen Teil der Türkei sehen das mit den
Schlägereien nicht so tragisch: «Wir haben kein Problem mit Typen.»

Mehmet, Samuel, Antonio: «In unserer Schule ist es friedlich.»
«Als wir noch klein waren», sagt Antonio, 16, «waren wir noch wilder.
Heute ist das vorbei.» Sagt es und lächelt verschmitzt. Nur die ältesten
Schüler erinnern sich an diese wilderen Zeiten: an Zeiten, in denen die Polizei
täglich vorbeikam. Weil es passieren konnte, dass sechs Schüler zusammen einen
Kollegen vermöbelten. Diese Zeiten sind vorbei, sagt auch die Pratteler
Jugendbeauftragte Afra Wüthrich: «Wir konnten die Kräfte dieser
Jugendlichen positiv kanalisieren.» Zum Beispiel dank einem Raum, den die Jungen
autonom verwalten. Oder mit regelmässigen Gesprächen zwischen den Jugendlichen
und der Jugendbeauftragten.
Diese Erfolge bedeuten natürlich nicht, dass es heute überhaut keine
Schwierigkeiten mehr gibt. «Ein paar Leute machen Stress im Bus», erzählt
einer der Schüler. «Sie sagen: 'steh auf, sonst kriegst du die Faust in die
Fresse.'» Auch Afra Wüthrich weiss: «Gewalt und Erpressungen finden
statt, wenn auch nur in geringem Ausmasse.» Meistens sind die Betroffenen
eingeschüchtert und bezahlen - bis die Schmerzgrenze erreicht ist.
«Erpressungen kriegen wir sehr lange nicht mit», sagt Wüthrich. Aber dann
versuche sie, die Täter mit ihrer Tat zu konfrontieren. Ihnen deutlich zu machen, was
sie angerichtet haben, aber auch nach Lösungen zu suchen.
«Die Probleme der Jugendlichen», sagt Wüthrich, «sind in der
Hauptsache familiäre Schwierigkeiten.» Übliche Schwierigkeiten beim
Abnabelungsprozess von Teenagern, die dazu führen, dass sie unmotiviert in der Schule
sässen oder Grenzen auszuloten versuchten. Die Heilpädagogin und
Kleinklassenlehrerin Marisa Albrecht hat beobachtet, dass diejenigen unter ihren
Schülern am aggressivsten sind, die zu Hause Gewalt erleben: «In deren Familien
ist körperliche Züchtigung eine reine Machtdemonstration.» Solches Gebaren
werde dann manchmal in die Schule getragen, ebenfalls um Macht zu demonstrieren. Meistens,
sagt die Jugendbeauftragte Wüthrich, beschränkten sich diese Aggressionen auf
die verbale Ebene.
Dann kann es sein, dass sich ein türkischer Teenager herablassend über einen
Kosovo-Albaner äussert. «Es besteht ein starker Rassismus von Türken und
Kurden gegenüber Kosovo-Albanern», erklärt Wüthrich. Die
Kosovo-Albaner stellten denn auch eine separate Gruppierung dar, so Wüthrich weiter,
die von allen anderen Nationen ausgeschlossen würden. Ein Türke habe ihr das mal
erläutert: Früher seien sie, die Türken, zuunterst in der Hackordnung
gestanden, heute müssten eben die nächsten dran glauben. Aber im Grossen und
Ganzen hält sich der Rassismus in Grenzen. Dank Fussball- oder Basketball-Klub oder
Kampfsportverein. Oder gemeinsamem Rumhängen im Jugendhaus. Das verbindet über
alle Kulturen und Nationalitäten hinweg.
Den Rassismus verspüren viele Schülerinnen und Schüler anderswo - bei der
Lehrstellensuche. «Viele Lehrmeister fragen nach der Herkunft», erzählt
Dino, 16. Einer seiner Kollegen sei Chilene - und deswegen noch ohne Lehrstelle. Das sei
schade, denn dadurch entgingen den Unternehmen gute Leute, findet Dino. Auch Rektor Edy
Roesti bekommt mit, wie Lehrmeister auf gewisse Jugendliche reagieren. Besonders schwer
hätten es Jugendliche aus dem Balkan. Bewerbe sich ein Schüler, dessen Namen mit
-ic ende, so Roesti, heisse es oft: «Tut uns leid, alle Lehrstellen sind
besetzt.» Am gleichen Tag erhalte aber Schüler Müller, im gleichen Betrieb
und ebenfalls telefonisch die Zusage für eine Schnupperlehre. «Für die
Schüler ist das sehr tragisch», sagt Roesti. Sie würden diesen Rassismus
sehr stark spüren - und verstünden ihn nicht. Das kann zu Aggressionen
führen. So habe einmal ein kurdischer Jugendlicher einen Schweizer bezichtigt, ihm
die Lehrstelle weggenommen zu haben, weiss Wüthrich.
Allerdings: Von den befragten Schülerinnen und Schülern hat eine grosse Mehrheit
bereits eine Lehrstelle und freut sich, ins Berufsleben einzusteigen. Höchste Zeit
also, dass das Image des Erlimatt der Wirklichkeit angepasst wird. Denn dieses Image,
weiss Afra Wüthrich, «ist überholt».
Jean-François Tanda
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