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 Wenn sie in seinem Büro sitzen, wirds den meisten Jugendlichen mulmig. Als
Jugendanwalt weiss Beat Burkhardt, wie er die jungen Straftäter anpacken muss.

Beat Burkhardt, Jugendanwalt.
Migrationszeitung: Oft hört man, die heutige Jugend sei gewalttätiger und gehe vor allem immer
brutaler vor. Welche Erfahrungen machen Sie da als Jugendanwalt?
Burkhardt: Die Anzeigen haben in den letzten zehn Jahren insgesamt zugenommen, stagnieren aber seit
etwa drei Jahren. Man reagiert heute sensibler und schneller. Die Brutalität, das
stimmt, die ist grösser. Jugendliche schlagen heftiger und länger drein,
demütigen ihr Opfer mehr als früher.
Wie können Sie sich das erklären?
Mit dem allgemeinen gesellschaftlichen Wandel. Auch Jugendliche sehen, wie überall
auf der Welt von Erwachsenen Konflikte mit Gewalt gelöst werden. Es findet eine
Parallelwertung statt: dass es eigentlich opportun ist, Gewalt anzuwenden. Da habe ich als
Jugendanwalt natürlich Mühe, dem Jugendlichen zu sagen: Was der macht, ist
falsch, was du machst, ist aber auch falsch.
Wie machen Sie das?
Ich versuche, ihm klar zu machen, dass seine Entschuldigung, die Grossen machten das ja
auch, nicht hinhaut. Ob es ihm klar wird, ist eine andere Frage.
Was muss alles passiert sein, bevor ein Jugendlicher vor Ihnen steht?
Manchmal reicht ein einziges Delikt dafür aus. Häufig aber gibt es
vorgeschaltete Instanzen, vor allem die Schule, die oft schon einiges zu unternehmen
versuchte und gescheitert ist: am Widerstand des Jugendlichen, am Widerstand der Eltern,
am Nichtverstehen, was gefordert und gesucht ist an Verhalten.
Wenn ein Jugendlicher auf der Jugendanwaltschaft ist: Wie läuft das?
Es kommt darauf an, in welcher Phase. In den meisten Fällen sehe ich den Jugendlichen
erst nach Abschluss des Verfahrens, bei der Verhandlung. Manche Jugendlichen hingegen
sitzen ganz am Anfang, kurz nach der Anzeige, vor mir. Weil wir sehen, dass massive
Probleme vorhanden sind und man sofort eingreifen muss. Das heisst, dass man sie
vielleicht sogar für eine Weile in einem geschlossenen Aufnahmeheim behält. Als
erstes klären wir immer ab, ob ein Kind in seiner Weiterentwicklung gefährdet
ist. Das ist der wichtigste Punkt. Falls ja, prüfen wir, was es braucht, um dem zu
begegnen.
Im Vordergrund steht immer die Person des Jugendlichen, nicht nur die Schwere des Delikts,
das er begangen hat. Ausser, wenn es darum geht, künftige Opfer zu verhindern.
Der Opferschutz spielt also die grösste Rolle.
Ein Opferschutz, der gleichzeitig Täterschutz ist. Es geht auch darum, dem Täter
die nötige Unterstützung zu bieten, dass er künftig auf solche Delikte
verzichten kann.
In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit sind in der Regel Ausländer die Täter
und Schweizer die Opfer. Wie ist die Realität?
Von den Zahlen her ist festzustellen, dass Gewaltdelikte bis 2001 meist von
ausländischen Jugendlichen begangen wurden. Das gleicht sich jetzt langsam aus. Die
Gewaltproblematik bei den ausländischen Jugendlichen ist eher rückläufig,
die Schweizer sind am Aufholen. Im Verhältnis zur jugendlichen Bevölkerung sind
die Ausländer aber noch immer übervertreten. Und wenn ich von Ausländern
rede, meine ich primär Jugendliche aus dem ehemaligen Jugoslawien. Früher warens
Türken. Meine Theorie ist, dass sich das Gewaltpotenzial mit der Integration legt.
Das hat man bei den Türken klar gesehen. Ich erwarte auch bei den Leuten aus dem
ehemaligen Jugoslawien in drei, vier Jahren einen Rückgang, dann werden es vielleicht
wieder andere sein.
Was ist für sie das Spezielle an der Arbeit als Jugendanwalt?
Die Nähe, die man zu den Jugendlichen kriegen muss. Einerseits hat man das
Juristische, anderseits das Menschliche. Hinzu kommt die Elternarbeit, was auch sehr
spannend ist, gerade im Bereich der Prävention. Teilweise übernehmen wir da eine
vermittelnde Position zwischen Eltern und Jugendlichem, versuchen Gräben
zuzuschütten. Wir wollen den Eltern verständlich machen, warum ihr Kind so
reagiert und was sie allenfalls im Alltag ändern müssen, damit das nicht mehr
vorkommt. Das gelingt nicht immer. Eine Entwicklung, die seit Jahren andauert, kann man
gewöhnlich nicht in zwei Stunden stoppen.
Sie sind seit 12 Jahren Jugendanwalt. Gibt es einen Fall, der Ihnen persönlich nahe
gegangen ist?
Am meisten nahe geht mir, wenn die Eltern ausfällig werden. Mich quasi
persönlich dafür verantwortlich machen, dass ihr Kind bei mir ist. Das trifft
mich: Wenn Eltern nicht einsehen wollen oder können, dass ihr Kind die Tat begangen
hat. Sie versuchen, das Kind und damit sich zu entschuldigen. In ihren Augen bin ich
schuld, dass ihr Kind überhaupt hier ist. Sie greifen mich persönlich an. Du
willst, dass mein Kind in ein Heim kommt. Du willst, dass man mir mein Kind
wegnimmt. Es ist mein Kind. Was machst du mit meinem Kind. Für mich ist
das wenig nachvollziehbar, gerade wenn ihr Kind andere Kinder massiv verletzt hat.
Jugendliche sind da oft viel vernünftiger: Dass sie sich für sich
wehren, das ist logisch, das ist auch relativ vernünftig. Das sollen sie. Doch
häufig erreicht man bei den Jugendlichen mehr Einsicht als bei ihren Eltern.
Interview: Simone Burgherr
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