Schlagen für mehr Selbstvertrauen

Kampfsportler haben grimmige Gesichter. Harte Gesichtszüge und noch härtere Muskeln. Sehen eben aus wie Schlägertypen. Sind sie aber nicht. Zu Besuch in einer Basler Kampfsportschule.



Auf Schreilaute aller Art folgen Schläge aus Beinen, Knien und Fäusten...

Die Luft ist säuerlich. Schweissdurchtränkt. Auf Schreilaute unterschiedlichster Art folgen Schläge aus den Beinen, den Knien und den Fäusten. Der Sparringpartner polstert die Schläge ab. Es klatscht hart. Wie wenn ein Stock auf ein Ledersofa niedersaust. Schreie. Klatschen. Schreie. Jeweils zu zweit üben sie die Kampftechnik, bevor es heisst: Fullcontact - voll drauflos schlagen. Thai-Boxen ist dabei viel härter als Kickboxen, man schlägt mit dem Rist, dem Knie, dem Ellenbogen, mit den Fäusten - und auch unterhalb der Gürtellinie. Die Jugendlichen auf dem Mattenboden tänzeln, ihr Körper gespannt, einem Pfeilbogen gleichend. Trainingsleiter Daniel Born, der die Thai-Box- Schule Golden Dragon vor zehn Jahren gründete, peitscht sie auf.    90 Prozent von ihnen sind laut Born ausländische Jugendliche, zwischen sechzehn und achtzehn, Albaner, Serben, Kroaten, Türken, Italiener, Spanier, Marokkaner, Kameruner und Nigerianer. Sie alle zeigen grimmige, verbissene Gesichter, wütende auch, sobald sie das Kommando den durchtrainierten Muskeln übergeben. Mulmige Gefühle kommen auf: Wehe dem, der ihnen ausserhalb der Kampfsportschule begegnet. Alles Menschen, die wie Kampfhunde abgerichtet werden.

Doch der Eindruck täuscht. Schlagartig verändert sich ihr harter, verkrampfter Ausdruck im Gespräch dazwischen. Nach einem kurzen Ausatmen entspannen sich die Gesichtszüge, die Jugendlichen sind plötzlich sehr ruhig, manche fast ein wenig scheu. Der Türke Shain macht Kampfsport, um sein Selbstbewusstsein steigern zu können.  «Jean-Claude Van Damme hat mich beeindruckt. Ich wollte kein Angsthase mehr sein.» Mut zähle in seinem Kollegenkreis viel. Seine Freunde hätten dadurch Respekt, gibt der 17-Jährige zu. Auch für Tahir (23), der seit 11 Jahren in der Schweiz lebt, steht die Gewissheit im Vordergrund, dass man sich verteidigen kann. «Kampfsport macht mich ruhiger», meint der Türke. «Ich fühle mich im Alltag sicherer.» Sein Mentor bestätigt: Die Stärkung des Mentalen sei vor neunzehn Jahren ebenfalls seine Motivation für den Kampfsport gewesen.

Born schickt Tahir wieder auf die Matte und schlägt ihm kurz mit der Faust auf den Rücken, wie auf einen alten Motor, damit er wieder anspringt. Tahir zeigt dabei äusserlich keine Regung. Konzentriert setzt er seine Schläge fort. Born nickt zufrieden. «Ich mache aus ihnen stressfreie Wesen.» Ist ja klar, sagt Shemsi (17) aus dem Kosovo anschliessend altklug, für ihn sei Kampfsport die ideale Möglichkeit, Stress abzubauen. «Und mit Stress meine ich den Stress ausserhalb, in der Schule - mit gleichaltrigen Kollegen und so.»


...doch auch die Stärkung des Mentalen ist beim Kampfsport ein ganz wichtiges Element.

Für Trainer Born ist das Golden Dragon, das 82 Mitglieder zählt, der ideale Ort für die Jugendlichen, Aggressionen, Wut, Frustrationen abzubauen. Friedlich gehe es in den Trainingslektionen zu und her. «Nationalitäten spielen im Golden Dragon keine Rolle.» Seine Kontakte zu den Jugendlichen gehen tief ins Private hinein. Gespräche mit Eltern über Schulleistungen und das Freizeitverhalten sind an der Tagesordnung. «Stimmen die Noten nicht, schicke ich sie wieder nach Hause», betont Born. Oft würden die Jugendlichen auch lieber mit ihm reden als mit den Eltern. «Ich bin ihre Bezugsperson», verkündet er mit leuchtenden Augen. Einmal im Jahr gehen sie alle zusammen ins Trainingslager. Dadurch könnten sich die sozialen Kontakte innerhalb der Dragon-Truppe noch vertiefen. Die Thai-Box-Schule auf dem Dreispitzareal soll laut Born eben auch auf der Integrationsebene funktionieren. So erzählt der Kameruner Nyaba (22), er hätte, als er vor dreieinhalb Jahren in die Schweiz gekommen ist, kein Wort Deutsch sprechen können. «Hier lernte ich meine ersten Wörter», sagt Nyaba und lacht: «Wörter wie Ellenbogen, Knie, Faust.» Das andere erledigten seine Kampfkünste. Er wurde nach acht Monaten Training bereits Schweizer Meister. Klar, dass Nyaba seither so etwas wie ein Held ist. Kampfsport gebe ihm hauptsächlich mehr Adrenalin fürs Leben. «Ich kann mich im Alltag besser konzentrieren», sagt er.



Ob nicht manchmal die Lust gross sei, das Gelernte auch ausserhalb anzuwenden? Nein, sagt da Nyaba vehement. In seinem Umfeld machten zwar viele Kampfsport, viele zum Bluffen, doch er kämpfe nicht auf der Strasse. «Das sollen andere machen. Ich bin kein aggressiver Mensch. Wenn ich im Wettkampf zu hart schlage und den Gegner dadurch ins Straucheln bringe, tut es mir fast ein bisschen leid.» «Und du, Shain, komm, du lässt sicher auch ausserhalb manchmal deine Fäuste sprechen?» «Nein, auf keinen Fall», sagt er. Aber, meint Nyaba später, er wisse, dass Shain sich schon ein paarmal in Reibereien habe verwickeln lassen. Das sei halt so, sagt Shain darauf. «Wenn sie wissen, dass du Thai Boxen machst, wollen sie dich herausfordern. Sie provozieren dich. Ab und zu flippe ich dann aus.»



Grundsätzlich, meint Born, hätten es die Jugendlichen hier nicht mehr nötig, auf der Strasse gewalttätig zu sein. Im Gegenteil: Die Jugendlichen, die Kampfsport betreiben, werden gemieden. Sie gewinnen durch den Kampfsport in ihrem Umfeld an Ansehen. «Alle wissen, wer Kampfsport macht und wer nicht. Ich werde in der Regel nicht angegriffen», sagt Tahir, und Gary (18) von den Philippinen ergänzt, oft würden diejenigen provozieren, die keinen Kampfsport betreiben.

Unkontrollierte Aggressionen werden hier selten beobachtet. Wenn jemand zu aggressiv, beispielsweise gegen einen schwächeren Sparringpartner, agiert, holt ihn Born zu sich und lässt ihn gegen sich antreten, damit er den Frust rauslassen kann. Und was passiert mit denen, die auf der Strasse dreinschlagen? Eigentlich sei dies strengstens untersagt. Er bekomme es aber mit, wenn irgendwo ausserhalb einer seiner Schützlinge gewalttätig geworden sei: «Dann wird ihnen der Rausschmiss angedroht», sagt Born, mischt sich wieder unter die Jugendlichen und ruft: «Fullcontact!» In den letzten Trainingsminuten fliegen Fäuste und Beine mit voller Kraft. Auspowern. Nochmals alles geben. Aggressionen werden hier nicht geschürt, sondern abgebaut. Sichtlich beruhigt und befriedigt verlassen die Jugendlichen die Übungszone.

Lukas Bonauer


zurückblättern
blättern