... bis wir quitt sind.

Die Jugendlichen aus dem gutbürgerlichen Neubad- und dem Arbeiterquartier St. Johann leben in verschiedenen Welten. Doch über Gewalt und Rassismus haben sie alle einiges zu erzählen. Die Migrationszeitung hat sich umgehört.

Im Jugendtreff Badhüsli St. Johann herrscht eine kraftstrotzende, euphorische Stimmung an diesem Freitagabend. Im grossen Raum geht die Party ab. Der DJ hat die Stimmung im Griff, verständigen kann man sich nur schreiend. Vor allem Albaner sind an diesem Abend da, keine Schweizer und nur wenige Mädchen - im Gegensatz zu den Nachmittagen, an denen eine kunterbunte Schar das Jugi besucht. Oben im Kraftraum haben sich einige Kurden und Türken zum Krafttraining zurückgezogen. Für ein Gespräch über Gewalt und Rassismus sind sie sofort zu haben. Offenbar glauben sie, sich zuallererst für ihre Muskeln verteidigen zu müssen. «Die Schweizer meinen, wir trainierten bloss, um besser prügeln zu können, widersprechen sie ungefragt einem Vorurteil, dabei trainieren wir, um uns gut zu fühlen und den Mädchen zu gefallen.»


Im Jugi ist Gewaltanwendung tabu - sonst droht Hausverbot.

Die Freunde sind überzeugt, dass viele Schweizer sie alle am liebsten weghaben möchten. «Nur trauen sich die meisten nicht, uns das direkt ins Gesicht zu sagen, weil sie wissen, dass sie dann Schläge bekommen», bemerkt der Junge mit dem Spitznamen «Flash» finster. «Nur im Internet-Chat schreiben sie, was sie wirklich denken.» Nach einem FCB-Match sei ihm und ein paar Kollegen kürzlich ein Schweizer Hooligan über den Weg gelaufen. «Wir haben ihn anständig gefragt, ob er Nazi sei und Ausländer hasse», erzählt der schlankste der Jungs mit den meisten Muskeln, auf den die anderen hören. «Er hat Nein gesagt, aber die Kollegen wollten ihn unbedingt verprügeln.» Weil Mädchen dabei waren, die fast geheult hätten, habe er gezögert - bis die Polizei auftauchte und sie das Weite suchten.

Ehre ist keine Entschuldigung
«Als Albaner, Jugoslawe oder Türke gehörst du einfach zu den meistgehassten Menschen hier», klagen die Jungs. Es seien doch vor allem Schweizer, die als Hooligans randalierten oder die Drogen nähmen, und trotzdem seien immer sie an allem schuld. Wenn jemand schlecht über ihn rede, weil er ein Ausländer sei, ihn als schwul hinstelle oder seine Mutter beleidige, dann gebe es Schläge, «bis wir quitt sind», sagt Flash. Im Jugi ist Gewaltanwendung tabu - sonst droht Hausverbot. Von Schlägereien draussen auf der Strasse erfährt Jugendarbeiter Samir Redzepagic trotzdem. Oft werde Gewalt mit verletzter Ehre gerechtfertigt, die wiederhergestellt werden müsse. Da sagt der Bosnier klipp und klar: «In meiner Kultur zählt die Ehre sehr viel - aber ich würde nicht so handeln.» Er versuche, mit ihnen die Hintergründe ihres Verletztseins aufzuspüren und die Konsequenzen ihres Handelns aufzuzeigen: «Du wirst bloss noch mehr ausgegrenzt und machst deine Zukunft kaputt.» Wenn ein Bosnier das sagt, der hier in der Schweiz viel erreicht hat, verunsichert das offensichtlich. Dann kommt schon mal der Vorwurf zurück: «Du redest wie ein Schweizer!»


«Es gibt einfach zu viele Stressköpfe».

«Er war eben ein Wichser»
In einem Kirchenkeller am Rande des Neubadquartiers fläzen drei Freunde gemütlich auf den abgewetzten Sofas. Es ist Dienstagabend. Für die Grossen ist Abhängen angesagt, für die kleineren der fast ausschliesslich schweizerischen Kids Töggelen und Snickers Essen. Über Gewalt hätten sie schon was zu erzählen, klar, meinen die drei auf dem Sofa - und es kommt Leben in die Runde. «Es gibt einfach zu viele Stressköpfe, Türken und so!», schimpft der 19-jährige Hip-Hopper «Crazy Smile». Er habe auch schon ein Messer im Ranzen gehabt wegen so einem und entblösst zum Beweis fast stolz die Narbe auf seinem Bauch. Wie es dazu kam? Na gut, er habe den Typen eben angegriffen, kommt die Antwort, und die Augen leuchten vor Freude. Warum das? Weil der andere das Messer gezückt habe. Und vorher? «Ich zeigte ihm den Mittelfinger.» Angefangen hatte das Ganze, als sich Crazy Smile weigerte, seinem späteren Angreifer im Tram die Türe aufzudrücken und dieser deshalb aufs nächste warten musste. Warum er das tat, weiss er nicht mehr. Er fand den Türken, den er vom Schulhof flüchtig kannte, eben einen Wichser, und der Adrenalinstoss beim «Schlägern» gefiel ihm, das sagt er heute ganz offen. «Als ich jünger war, habe ich eben viele Fehler gemacht», sinniert der 19-Jährige altklug.

Aus Tschingg wird Schweizer
«Die anderen haben uns Schweizer mit ihren Sprüchen fertig gemacht, haben uns ausgeschlossen und diskriminiert», erinnert sich «Ego-Chiller» an seine Zeit in der WBS. «In der Kaserne gab es im ganzen Schulhaus gerade mal 16 Schweizer», ergänzt Crazy Smile, der an der WBS schon fast als Schweizer galt. In der Primarschule hingegen war er noch ein Tschingg gewesen. Deshalb will er seinen Vorwurf gegen die Türken, viele seien gewalttätige «Stressköpfe», auch nicht rassistisch verstanden wissen: «Ich weiss ja selber, dass man sich als Ausländer wie ein minderwertiger Aussenseiter fühlt.»

Die drei Jungs zählen sich zu den «Siffköpfen» und gehören zu einer rund 30-köpfigen Clique, die im mehrbesseren Neubad zu Hause ist. Hier im Zivilschutzkeller haben sie einen von einem Jugendarbeiter betreuten Raum. Ohne die «Stressköpfe» da draussen, das ist ihnen wichtig. «Wir sind halt eine Ego-Gruppe, unter uns haben wir unsere Ruhe», sagt Ego-Chiller.


Total viel arbeiten - und nebenbei fürs KV büffeln.

Gewalt verunsichert
Auch «Weedsmoker», der  schmächtige Junge mit dem geschliffenen Mundwerk, hat eine schlechte Erfahrung gemacht mit einem jungen Ausländer: «Einmal verlangte einer Geld von mir, ich sagte nein, da wollte er Grass, ich sagte nein, und mein Natel hab ich ihm auch nicht gegeben.» In solchen Situationen müsse man einfach ruhig bleiben und dürfe nicht provozieren, so die Erfahrung des 17-Jährigen. Nicht viel nütze dies allerdings bei Attacken durch «Faschos», denen er als Jude und Linker regelmässig ausgesetzt sei: «Die kommen zu fünft, schreien dir «Scheissjud» ins Gesicht und schon hast du einen Faustschlag im Nacken - ohne dass du ihnen etwas zu Leide getan hättest.» Die wollten einfach Stress. Trotzdem huscht plötzlich ein überlegenes Lächeln über das Gesicht des Jungen: «Die Faschos sind zum Glück strohblöd. Du musst nur «Achtung, Zivi-Bulle!» schreien, sie sind abgelenkt und du kannst die Beine in die Hand nehmen.»

Nicht alle können so souverän mit Drohungen umgehen wie Weedsmoker. «Viele reagieren sehr verunsichert, auch wenn sie nie selber Opfer wurden, aber Berichte gehört haben», weiss Jugendarbeiter Guido Morselli. Auf solche Gefühle von Bedrohung reagierten einige Schweizer Jugendliche mit einer latenten Fremdenfeindlichkeit bis hin zu Rechtsextremismus. Dies besonders, wenn dazu der Eindruck komme, ihre Probleme würden nicht ernst genommen und sie würden vernachlässigt - etwa weil in den meisten Jugis fast nur Ausländer verkehrten.

Tatsächlich seien die mehrheitlich schweizerischen Jugendlichen aus den reicheren Quartieren wie hier im Neubad lange aus den Traktanden der Jugendpolitik gefallen, erinnert sich Morselli: «Die Kids hier mussten massiv auffällig werden, zu Dutzenden die Treppe vor der Stephanus-Kirche besetzen, lärmen und zum Teil rechte Sprüche klopfen, bevor man ihre Bedürfnisse wahrgenommen hat.» Im September bekommen die Quartierjugendlichen jetzt ihren eigenen Treff beim Schützenmattpark.

«Ausländer - alles easy Sieche»
Mit Rassismus wollen die «Siffköpfe» nichts am Hut haben. Er kenne Türken, Serben, Israeli, Franzosen, Spanier, Russen, Afrikaner - alles «easy Sieche», zählt Weedsmoker auf: «Geht mir doch am Arsch vorbei, woher jemand kommt.» - «Nur die Juden, das muss man halt schon sehen, die rauben unser Volk aus», platzt Crazy Smile in die Harmonie - und alle lachen. Je derber die Witze werden, desto intimer wirkt die Freundschaft der Clique. «Man sollte nicht provozieren, gäll Crazy Smile, du Stresskopf», gibt Weedsmoker zuckersüss zurück.

«Diese Jungs wissen, was sie können und wollen - sie sind schlicht zu selbstbewusst und zu wenig gefrustet, um rechtsextrem oder gewalttätig zu sein», sagt Morselli. Statt mit Adrenalin durch «Schlägern» verschafft sich Crazy Smile heute ganz anders Befriedigung: Er ist Vorarbeiter im Malgewerbe mit zweieinhalb Angestellten unter sich. Stolz betont er, dass er total viel arbeite und daneben fürs KV büffle und trotzdem noch immer coole Wochenenden verbringe.

«So vili nätti Schwyzer»
Er habe nichts gegen Schweizer, betont auch Flash im Badhüsli-Jugi: «S gitt so vili nätti Schwyzer, wo ich kenn», strahlt er, und schiebt nach: «Die meisten sind arbeitslos.» Wie er selbst. Weil er keine Lehrstelle fand, macht er jetzt ein Jobtraining als Schreiner, das seine Chancen verbessern soll. Seinen Traum, Carrosseriespengler zu werden, hat er aufgegeben: «Die Noten reichen nicht.» Die Schule sei schwierig gewesen, «also bin ich nur noch wegen der Frauen hingegangen und habe nichts mehr gelernt» - was er jetzt bitter bereut. «Wenn du die Zukunft in der Hand hast, musst du dir keine Sorgen mehr machen um ein warmes Haus mit Frau und Kindern», sinniert Flash. Doch irgendwie hat er nicht das Gefühl, dass er die Zukunft in der Hand hat.

Die zum Teil starke Abneigung gegen privilegierte Schweizer und Ausländer habe sehr viel mit Eifersucht gegenüber jenen zu tun, denen hier scheinbar alle Türen offen stünden, weiss Jugendarbeiter Redzepagic - als Bosnier auch aus eigener Erfahrung. Sich einen guten Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen, sei schwierig für viele Jugi-Besucher, die oft sehr in ihrer ethnischen Gruppe isoliert seien. «In dieser Situation nicht in Trauer und Selbstmitleid zu verfallen braucht enorm viel Kraft», weiss Redzepagic. Viele Jugi-Besucher trauten sich nicht einmal, auf Deutsch ein Telefon zu machen. Er versuche, ihnen Mut zu machen und zu zeigen, dass trotz Schwierigkeiten «immer ein Weg ist, wo ein Wille ist - besonders in der Schweiz». Leider unterstützten viele Eltern ihre Kinder zu wenig darin, eine gute Ausbildung zu machen. Auch mit Familien, in denen der Vater den Ton angibt, ist der Bosnier bestens vertraut - und kann deshalb bei Familienproblemen qualifizierten Rat erteilen.

Für Drecksarbeit nicht zu haben
Nicht entmutigen lässt sich «Strix» von den über 100 Absagen, die er auf seine Bewerbungen für eine Lehrstelle als Lagerist erhalten hat. Jugendarbeiter Redzepagic findet diese Hartnäckigkeit «wirklich bewundernswert». «Auf dem Bau wäre es einfacher, aber das ist Scheissarbeit», meint Strix. Die Jungs hier wollen nicht die Drecksarbeit machen für die Schweizer, wie viele ihrer Väter.
«Diese Jugendlichen müssten von der Insel aufbrechen können, auf der sich viele befinden», so Redzepagic. Bei Schulen, Jugendtreffs und ganzen Quartieren, in denen kaum jugendliche Schweizer anzutreffen seien, sei dies nicht einfach. Mit Snowboard-Weekends, Angeboten wie Diskussionsveranstaltungen und persönlichen Beratungen, mit Vermittlung in Vereinen und Werbung für den Jugendtreff bei allen Volksgruppen wollen die Jugendarbeiter die Isolation überwinden helfen.

Von einer erzwungenen Zusammenführung zwischen mehrheitlich ausländischen und mehrheitlich schweizerischen Jugi-Besuchern hingegen hält der designierte Leiter des Jugendtreffs Neubad nichts: «Man darf von den Jüngsten und Schwächsten nicht eine Multikulti-Idylle verlangen, wenn die Erwachsenen das Ganze nicht auf die Reihe kriegen», so Morselli. Zur Demonstration zieht er mit der Hand eine unsichtbare Linie über den Boden: «Genau hier am Allschwilerplatz verläuft der Graben. Auf der einen Seite das reiche Neubadquartier, auf der anderen beginnt schon fast das St. Johann».

Timm Eugster

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