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 Mitten im Speckgürtel von Basel leben Managerkinder die Multikulti-Idylle vor: Die
International School of Basel nimmt ihr Motto «Forty Nationalities, One
Spirit» ernst. Ein Augenschein.

International School: Die fast 900 Kinder und Jugendlichen, die hier die Schulbank
drücken, stammen aus der ganzen Welt.
Ein Hauch von «Beverly Hills 90210» weht durch das nigelnagelneue Schulhaus
der «International School of Basel» (ISB) in Reinach: Die Wände sind bunt
gestrichen, alle Schüler haben vor ihrem Klassenzimmer ein eigenes Kästchen
für ihre persönlichen Sachen, durch die offenen Türen sieht man mitten in
Lehrerkonferenzen hinein, und in den drei grosszügigen Sporthallen ahmen die Kids
ihre Basketballidole nach. Sogar die Sprache, die fast alle Schüler und Lehrer reden,
ist die gleiche wie in der Teenieserie: Englisch. Auch wenn das für viele die erste,
ja sogar die zweite oder dritte Fremdsprache ist.
Denn die fast 900 Kinder und Jugendlichen, die hier die Schulbank drücken, stammen
aus der ganzen Welt. Drei von vier Kids haben mindestens einen Elternteil, der in der
chemischen Industrie eine höhere Position besetzt. Die Väter - seltener die
Mütter - sind für eine befristete Zeit als gut bezahlte Manager in die Schweiz
geholt worden, in ein paar Monaten oder Jahren heisst die nächste Station ihrer
internationalen Karriere vielleicht Hongkong, New York, Rio oder Kapstadt. Damit ihre
Kinder eine einigermassen zusammenhängende Ausbildung geniessen, schicken sie sie in
eine internationale englischsprachige Schule, von denen es inzwischen in allen
grösseren Städten mindestens eine gibt. Hauptaktionäre der ISB AG sind die
grossen Basler Chemiemultis.

Drei von vier Kids haben mindestens einen Elternteil, der in der chemischen Industrie eine
höhere Position besetzt.
Vom Kindergarten bis zur international anerkannten Matura wird hier alles angeboten, was
Eltern für ihre Kinder wünschen können. Die Lehrer und die Schulleitung
kommen aus dem angelsächsischen Raum. Zwar müssen alle Schüler vom ersten
Schuljahr an Deutsch lernen, Unterrichtssprache ist aber Englisch. Die Chemiefirmen
ködern ausländische Arbeitskräfte oft mit befristeten Verträgen
für nur 18 Monate bis drei Jahre nach Basel. «Weder für die Eltern noch
für ihre Kinder lohnt es sich, sich in der Schweiz voll zu integrieren», meint
dazu Ann Apted, seit zehn Jahren Physiklehrerin an der ISB.
So viele Schüler aus der ganzen Welt zusammengewürfelt, kann das gut gehen?
«Wenn sich einer über die Herkunft eines anderen lustig macht, geschieht das
nie mit böser Absicht», sagt die amerikanische Mittelschülerin Rahling,
die seit vier Jahren hier zur Schule geht. Ihr Landsmann Aaron, seit einem Jahr
in Basel, doppelt lächelnd nach: «Die Briten meinen, wir ässen nur Fast
Food, wir lachen über sie, weil sie angeblich ständig Tee trinken.» Die
britisch-schweizerische Doppelbürgerin Maghan, hier geboren und seit drei Jahren in
der ISB, meint, ihre Mitschüler würden sehr wohl trennen zwischen der
Staatsangehörigkeit und ihrer persönlichen Haltung: «Wir sind eine
Gemeinschaft hier.»
Auch der Rektor der Schule, Peter J. McMurray, zeichnet ein ausgesprochen harmonisches
Bild vom Zusammenleben in seiner Schule. «Kinder sind naturgegeben tolerant. Sie
sind es gewohnt, mit fremdartigen Menschen umzugehen.» Zwischenfälle zwischen
Angehörigen verschiedener Kulturen hat er in eineinhalb Jahren Amtszeit noch nie
erlebt. Dafür macht er unter anderem die strikt neutrale Haltung seiner Schule in
religiösen, weltanschaulichen und politischen Fragen verantwortlich. Man stelle vor
Weihnachten einen Baum auf, feiere aber auch das jüdische Chanukka. Zum Irakkrieg
duldet die ISB keine Banner, welcher Art auch immer. Von Schülern erfährt man,
sie seien während der Antikriegsdemos angehalten worden, nach dem Unterricht nicht in
die Stadt zu gehen.

Es gibt an der ISB auch eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Schülern mit zwei
Schweizer Elternteilen. Einer davon ist Timothy. Fühlt er sich an der ISB nicht
abgeschnitten von seiner Schweizer Heimat? «Ich fühle mich wohl hier, auch wenn
ich kaum mit Schweizern zu tun habe», meint er. «Ich spiele Golf, da lernt man
eben viele internationale Leute kennen.»
Mit Überzeugung schickt die Biel-Benknerin Karin Vogel ihre drei Kinder in die ISB.
Allerdings achtet sie drauf, dass ihre Kinder Kontakt zu Schweizern ausserhalb der Schule
haben, zum Beispiel beim Sport. Kürzlich lernte ihre Tochter im ISB-Kindergarten ein
Mädchen aus den Niederlanden kennen, die beiden wurden schnell zu «besten
Freundinnen». Erst nach einer Weile stellte Mutter Vogel fest, dass die
Holländerin noch gar kein Englisch spricht - was die beiden Kinder keinesfalls daran
hindert, stundenlang zusammen zu spielen. «Hier ist der multikulturelle Kontakt von
früh auf einfach normal», bringt Vogel die ISB-Philosophie auf den Punkt.
Bei näherem Hinsehen ist die International School of Basel allerdings nicht ganz so
multikulti, wie das offizielle Schulmotto «Forty Nationalities, One Spirit»
vermuten lässt. Zwar waren im letzten Schuljahr tatsächlich 45
Nationalitäten vertreten, aber fast die Hälfte der Schüler stammt aus dem
angelsächsischen Raum, hauptsächlich aus Grossbritannien und den USA. Der Rest
ist zu einem grossen Teil aus Europa, weniger als jeder fünfte Schüler kommt aus
einem nicht-westlichen Kontinent.
Und vor allem ist die Schülerschaft der ISB nicht einfach ein Querschnitt aus der
Weltbevölkerung. Die hohen Kosten einer Privatschule bilden klare soziale Schranken,
auch wenn die Arbeitgeber der Eltern oftmals die Schulkosten übernehmen. So
konzentrieren sich in der ISB Töchter und Söhne von Eltern mit
überdurchschnittlichem Einkommen, die ein internationales, privilegiertes Leben
führen.
Sieht man die geradezu idyllischen Multikulti-Verhältnisse der ISB, könnte man
glauben, mit Geld liessen sich nicht mehr nur soziale, sondern auch kulturelle
Unterschiede ausbügeln. Lehrerin Apted bestreitet das nicht grundsätzlich.
«Die Bandbreite an Fähigkeiten, mit andersartigen Menschen umzugehen, ist bei
besser Gestellten zwar nicht breiter als anderswo», ist die Britin überzeugt,
«aber wahrscheinlich können Reiche kulturelle Unterschiede besser mit Geld
überdecken», so ihre Vermutung.
Michel Ecklin
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