Geld verbindet

Warum in einer Schulklasse mit reichen Kindern aus aller Welt einfacher ein gemeinsamer Geist entsteht als in einer Kleinbasler Multikulti-Klasse, erklärt der Basler Soziologe Ueli Mäder*.


Ueli Mäder, Soziologe: «Schulen sind Orte kultureller Vielfalt.»

Migrationszeitung: An der International School of Basel (ISB) leben 40 Nationalitäten friedlich miteinander, an Kleinbasler Schulen gibt es immer wieder Reibereien. Wie erklären Sie sich das?
Ueli Mäder: Eine Schule ohne Konflikte kann ich mir nicht recht vorstellen. Ohne Reibung gibt es keine Wärme. Es kommt allerdings auf das Ausmass der Reibereien und auf den Umgang mit Konflikten an. Eine Schule mit guter personeller und räumlicher Ausstattung hat günstigere Voraussetzungen als eine, die mit wenig Mitteln Probleme bewältigen muss, die mit der sozialen Herkunft der Kinder zu tun haben.

Kann man kulturelle Unterschiede mit Geld überdecken?
Ich halte soziale Unterschiede und Gemeinsamkeiten für wichtiger als kulturelle. Mit Geld lässt sich gewiss viel erreichen. Geld verbindet. Geld vermittelt gemeinsame Orientierungen, zumindest vordergründig.

Die ISB verzeichnet seit einigen Jahren einen riesigen Zuwachs, auch von Schweizer Kindern. Gibt es einen Trend zur sozialen und ethnischen «Ghettoisierung»?
Schulen sind Orte kultureller Vielfalt und sozialer Durchmischung - allerdings nur beschränkt: Je nach Quartier liegen ganze Welten zwischen den einzelnen Schulen. Schafft man neue Bildungsstätten für Privilegierte, verstärkt das diese Trennung.

Was kann man dagegen tun?
Die öffentlichen Schulen müssen aufgewertet werden. Ferner braucht es sozialen Ausgleich. Dazu gehören existenzsichernde Löhne und erschwingliche Wohnungen in allen Quartieren. Wichtig ist auch das Wohnumfeld. Wer sich in Freiräumen vom Alltag erholt, integriert sich einfacher.

Manager aus der Chemie werden oft nur für wenige Monate hierher geholt. Ist es da nicht sinnvoll, eigene Schulen einzurichten?
Aus der Optik der Manager mögen eigene Schulen sinnvoll sein. Aus gesellschaftlicher Sicht hingegen sollte man Investitionen bevorzugen, die möglichst breitenwirksam den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern.

Vor rund einem Jahr schlug die SP Schweiz vor, Kinder sozial und ethnisch besser zu durchmischen, indem man zum Beispiel Kleinbasler Kinder aufs Bruderholz in die Schule schickt.
Die Idee ist schon witzig, aber umständlich zu verwirklichen. Der Schulweg wäre länger, und vielen Kindern gefällts im Kleinbasel wahrscheinlich besser. Es sei denn, sie wohnen auch auf dem Bruderholz und beleben so das ganze Quartier.


*Ueli Mäder, Soziologe an der Fachhochschule für Soziale Arbeit beider Basel, ist zurzeit a.o. Professor an der Universität Fribourg und interimistischer Leiter des Instituts für Soziologie der Universität Basel. Er hat die Bücher «Für eine solidarische Gesellschaft» (Zürich 1999) und, zusammen mit Elisa Streuli, «Reichtum in der Schweiz» (Zürich 2002) verfasst.

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