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 Der FCB hat die besten Fans der Welt, aber nicht unbedingt die friedlichsten. Warum sie
ihren Verein so heiss lieben, dass die Emotionen manchmal in Gewalt umschlagen,
erzählen fünf Fans aus der Muttenzerkurve.

Im Protest verlassen die FCB-Fans das Joggeli.
Kein Tag vergeht, ohne dass sie an den FCB denken: Die fanatischen Fans der Muttenzer
Kurve, die sich die ganze Woche hindurch überlegen, wie sie ihre Mannschaft am
Wochenende unterstützen könnten. Für Martin (18), Nino (19), Peter (30),
Lukas (18) und Kai (18) ist der FC Basel mehr als bloss eine Fussballmannschaft. Für
sie ist er ein Ventil, um ihre Emotionen rauszulassen. Mit Fahnen, Liedern, Choreografien.
Und manchmal mit Gewalt: Kai kann deshalb nur noch vor dem TV mitfiebern. Denn Kai hat
Stadionverbot, wegen Landfriedensbruch, sagt er.
Es geschah an einem Samstag im vergangenen August. Der FCB spielte im
«Joggeli» gegen Luzern. In der Muttenzer Kurve wurde das gemacht, wofür
die Fankurve in der ganzen Schweiz und inzwischen auch in anderen Ländern Europas
bekannt ist: Stimmung. Obwohl jeder Muttenzer-Kurve-Gänger weiss, dass das Abfeuern
von Leuchtraketen verboten ist, wurde an diesem Abend Rauch gezündet.
«Daraufhin wollten die Ordnungskräfte die Leute rausnehmen, die den Rauch
gezündet haben», erzählt Nino. Doch das liessen die anderen Fans nicht zu:
Sie formierten sich zu einer Mauer, um den Sicherheitsleuten und den Zivilpolizisten den
Weg zu den «Sündern» zu versperren. Nino: «Ein Polizist
sprühte Pfefferspray in die Menge, weil er sich durch unser Verhalten attackiert
fühlte.» Aus den Emotionen wurden Aggressionen. Das Ganze artete in wüste
Szenen vor dem Stadion aus: Fans warfen Steine auf Polizisten, und diese sprühten
Tränengas in die randalierende Menge. Die Schlacht wurde vielen Jugendlichen zum
Verhängnis. Wie Kai, der seither kein Spiel mehr im Stadion mitverfolgen darf. Weil
er dort stand, wo randaliert wurde, sagt er. So stehe es jedenfalls in der Polizeiakte.
Jetzt, ein knappes Jahr später, betrachten die jungen Männer diese
Ausschreitungen als «eine Art Hilflosigkeit». Denn: «Wir hätten eh
keine Chance gehabt, gegen den Zivilpolizisten juristisch vorzugehen», sagt Lukas.
Martin gibt zu, sich «ein bisschen gewehrt zu haben». Und Nino erinnert sich
an die «Rachelust», die nach dem Pfefferspray-Einsatz des Polizisten im
Stadion «plötzlich gross wurde». Kai räumt ein, dass manche Fans
«keine Lämmer sind und schnell die Kontrolle verlieren». Fussball sei
für viele halt sehr emotional, und das, so Kai, sei ja nichts Schlechtes.
«Gewalt entsteht durch die Emotionen, es ist ein negativer Auswuchs des
Fanseins», sagt er. Niemand, der das nicht versteht, müsse das tolerieren. Aber
es sei eben so. Das findet auch Nino: «Wenn du eine Jugendkultur willst, kannst du
nicht nur das Positive davon haben. Die negativen Seiten gehören genauso dazu, das
ist bei allen Jugendszenen so.»
Trotz Schattenseiten bestehe zwischen ihnen und den Hooligans ein Unterschied:
«Hooligans suchen die Gewalt, indem sie beispielsweise die gegnerischen Fans zu
einem Kampf ausserhalb des Stadions herausfordern.» Bei ihnen sei das anders,
betonen Kai und seine Freunde: «Zu Ausschreitungen kommt es bei uns nicht oft und
nur situativ. Wir gehen nicht an Auswärtsspiele, um jemanden zu verprügeln, wir
suchen die Gewalt nicht.» Lukas erklärt, weshalb es aber doch dazu kommen kann:
«Gewalt tritt beispielsweise dann ein, wenn die Sicherheitsleute versuchen, einen
rauszunehmen, weil er Fackeln abgebrannt hat oder sonst unangenehm aufgefallen ist.»
Dagegen müsse man sich wehren, «weil man weiss, dass andernfalls Stadionverbot
droht».
Die Gruppe hat sich gefunden, als der FCB noch auf der Schützenmatte spielte, kurz
vor der Eröffnung des St. Jakob-Parks also. Zu der Zeit sind über zehn neue
Fanclubs entstanden. Aber nicht nur, was die Gruppierungen angeht, hat sich in der Szene
etwas getan. Sondern auch politisch weht seither ein neuer Wind, wie Kai erzählt.
«Früher, als wir zwölf oder so waren, haben einige von uns mitgemacht,
wenn wegen eines schwarzen Spielers Affengeräusche gemacht wurden oder rassistische
Lieder gesungen wurden», sagt Kai. Meist hätten sie aber nicht begriffen, was
sie singen. Daher kommen solche Szenen mittlerweile nicht mehr vor. Zumindest nicht dort,
wo sie seien, im unteren Teil der Muttenzer Kurve. «Anderswo gibts immer noch
einzelne Herren, und ich sage bewusst Herren, die Wörter wie «Neger» in
den Mund nehmen», sagt Peter. Als Halbitaliener ist er auf rassistische
Äusserungen sensibilisiert.
Das sind auch die anderen, die Schweizer: Für sie ist Rassismus tabu. «Wie die
meisten Basler Jugendlichen stehen auch wir politisch eher links», so Nino. In der
Muttenzer Kurve werde, wenn überhaupt, eine Fahne mit Che Guevara drauf geschwenkt -
oder gar keine mit politischem Sujet. Und da sie im Kollektiv apolitisch auftreten wollen,
sehen sie in Che Guevara den Rebellen und nicht den Politiker. Denn als Rebellen sehen sie
sich auch selbst: «Wir wollen provozieren und Tabus brechen», sagen sie. Und:
«Wahrscheinlich leben wir den Fussball extremer als Jugendliche vor uns, weil wir
hier, im reichsten Land der Welt, sonst alles haben. Den FCB lieben wir aber in jedem
Fall!» Jeden Tag von neuem.
Martina Rutschmann
*alle Namen geändert
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