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 Sie «schlägern», rauben, vergewaltigen, töten. Immer mehr
Jugendliche kommen so massiv mit dem Gesetz in Konflikt, dass sie für eine Weile
weggesperrt werden müssen, weil sie draussen durch alle Maschen gefallen sind.

In einem gezielten Training werden sie im AH mit ihren Problemen konfrontiert.
Ein Tag im Aufnahmeheim Basel
Der Schlüssel knirscht im Schloss. Die schwere Tür wird gleich wieder
geschlossen. Vor den Fenstern sind Eisengitter.
Acht Jungs zwischen zwölf und achtzehn befinden sich hier im Aufnahmeheim (AH) Basel.
Eingeschlossen, weggesperrt aus einer Welt, die mit ihnen nicht mehr zurechtkam und in der
sie sich nicht mehr zurechtfanden. Jugendliche, die für ihre Eltern, die Lehrer nicht
mehr tragbar waren. Die sich auf der Suche nach sich selbst verirrt, verloren haben. Sie
haben «geschlägert», geraubt, vergewaltigt, getötet. Um
auf sich aufmerksam zu machen.
Es ist Montagmorgen, acht Uhr. Betont langsam schlurft Damian die Treppe hoch zur Schule.
Heute scheisse ihn alles an, grummelt er, aber er müsse halt tun, was verlangt werde.
«Die haben die Macht, und wir haben nichts zu sagen.» Im AH müssen die
Jungs lernen, sich an Regeln zu halten, sich anders zu behaupten als mit Gewalt oder
Kriminalität. Hier wird ihnen aber auch gezeigt, dass sie jemand sind.
Krisenorientierte Sozialpädagogik nennt sich das Ganze. «Wir begegnen den
Jugendlichen mit Vertrauen, Sympathie, Respekt», sagt AH-Leiter Urs Marti,
«treten ihnen aber auch abgegrenzt, konfrontativ, konsequent gegenüber. Das
ermöglicht bei ihnen neue Entwicklungen, die Krise kann als Chance für einen
Neubeginn genutzt werden. Damit sie sich draussen wieder zurechtfinden.»
Damian ist das zweite Mal im AH. Weil er sich allem und jedem verweigerte, soll er hier
über sich nachdenken. Was, wie er findet, total ungerechtfertigt ist. «Was soll
sich denn ändern? Die andern müssen sich ändern, nicht ich. Wenn ein
Scheiss passiert, fragt niemand warum, ich bin einfach immer schuld.» Goldschmied
wollte Damian werden, doch ohne Schulabschluss hat er keine Chance. Er sollte eine Lehre
als Schlosser machen. Das will er nicht. Im Moment will er eigentlich gar nichts. Immer
wieder stösst er hier an Grenzen. Doch: Die Jugendlichen, meint Marti, suchen auch
Grenzen, denn diese schränken nicht nur ein, sondern geben auch Halt. «Diese
Jugendlichen haben in massivster Weise die Grenzen anderer verletzt, weil sie in sich
selbst keinen Halt hatten, keine positive Identität aufbauen konnten.» In einem
gezielten Training werden sie im AH ständig mit ihren Problemen konfrontiert, sehen
und spüren die Konsequenzen ihres Handelns. «Wenn wir alles tolerieren
würden», meint Marti, «würden wir ihnen nicht helfen.»
Vollgepumpt mit Alk und Speed schlug Joel sich als Skin durchs Leben, ging auf jeden los,
der ausländisch oder links aussah. Hörte oft nicht auf, bis der andere mit
gebrochenem Nasenbein, mit einem Schädelbruch blutend am Boden lag. Dann spürte
er sich. Dann war er wer. «Dass keiner starb, war mehr Glück», sagt Joel.
«Du denkst dir gar nichts dabei. «Schlägern» ist wie eine Droge,
ein voll geiles Feeling.» Verlegen streicht er sich übers kurz geschorene Haar.
«Es macht mich traurig, wenn ich daran denke, was ich dem andern angetan
habe.» Er wirkt glaubwürdig, wenn er das sagt. Doch wenig später kann er
sich über die vielen Ausländer nerven, die würden ihnen den Platz wegnehmen
und stressen.
Zehn Uhr. Kevin schraubt im Atelier fleissig, aber gelangweilt Schrauben ins Holz,
während er erzählt, seine Mutter habe ihn bei der Polizei angezeigt, weil er sie
geschlagen haben soll, darum sei er hier. Er beteuert: «Ich hab sie nur ein bisschen
geschubst und einen Blumentopf zerdeppert. Ich hab mir nichts dabei gedacht, als die
Bullen vor der Tür standen - und auf einmal sass ich im Gefängnis.»
Immer hatte Kevin daheim das Gefühl, im Weg zu sein. Irgendwann liess er sich nichts
mehr sagen. «Ich hab die Schule geschwänzt, gemuggt, gekifft, weil, es hat mich
halt alles voll angeschissen.» Er hatte gehofft, seine Mutter würde etwas
bemerken und sich Sorgen machen. Doch sie sagte nie ein Wort. «Manchmal hatte ich
das Gefühl, sie liebt mich überhaupt nicht.» «Diese
Jugendlichen», sagt Marti, «waren oft auch Opfer.» Viele seien von
Anfang an nicht willkommen gewesen, kämen aus zerrütteten Familien. «Im
Laufe der Zeit machten sie immer mehr die Erfahrung: Ich genüge sowieso nicht, es
wäre besser, es würde mich gar nicht geben. Ihre Taten sind oft Hilferufe: Wir
sind auch noch da, wir wollen anerkannt, gesehen, respektiert werden, wir wollen etwas
erreichen, jemand sein. Im AH sollten sie aber auch lernen, dass sie trotz allem, was
ihnen angetan wurde, für ihr Leben verantwortlich sind, für ihre Taten
geradestehen müssen. Dass es bei allem Negativen, dass sie erlebt haben, nicht geht,
dass sie Gewalt gegen andere ausüben.»
Zwölf Uhr. Mittagessen. Joel stochert im Risotto. Ein Jahr war er schon im Heim. War
danach überzeugt, alles im Griff zu haben. Er hat eine Kellnerlehre angefangen. Und
sich einmal mehr alles vermasselt. Wie viele hier. Sie haben sich draussen alles
kaputtgemacht oder es wurde ihnen kaputtgemacht. «Ich prügelte jetzt einfach
auf jeden ein», sagt Joel, «kannte keine Angst, keine Schmerzen, keine Grenzen
mehr. Die Skin-Szene ist deine Welt, du schottest dich von allem ab, siehst nur noch, was
du sehen willst. Und wenn du einmal einen Augenblick Zeit hättest zum Nachdenken,
suchst du einen, den du verprügeln kannst. Nur damit du nicht nachdenken
musst.»
13 Uhr. Zimmerstunde. Rolf hat sich mit einem zerbrochenen Kleiderbügel geschnitten.
Selbstzerstörung ist zu seiner Sprache geworden. Um vielleicht doch nicht in
tödlicher Einsamkeit zu versinken.
14 Uhr. Joel malt schweigsam ein Netz. In das er sich vielleicht selbst verstrickt
fühlt. Nach dem AH kann er nochmals mit der Lehre anfangen. Doch das Leben draussen
macht ihm Angst. «Hier drin», meint er, «wird alles bestimmt und
geregelt, und dann kommst du raus und bist wieder allein.»
Man müsse klar sehen, meint Marti, dass ein Teil der Jugendlichen da weitermache, wo
sie vor dem Eintritt aufgehört hätten. Denn die Krise, wegen der sie im AH
seien, habe sich ja schon lange angebahnt.
17.30 Uhr. Damian holt einen Papierstapel hervor, schiebt ihn wortlos rüber.
Gedichte. Die er selbst geschrieben hat. «Ist doch nichts dabei», meint er
verlegen. Auf etwas stolz zu sein, das er gut machte, hat er noch nie gekonnt.
Statt in der Schule hing Damian im Bahnhofpärkli rum, kiffte, soff und dachte, so sei
das Leben. Dass er nicht noch mehr Scheiss gebaut habe, meint er, liege an seiner
Freundin. «Für sie will ich das durchziehen. Mich ändern.»
Simone Burgherr
*Alle Namen geändert
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