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 Ob es die misstrauischen Blicke sind oder die Tatsache, dass ausländischen
Jugendlichen weniger zugetraut wird als ihren Schweizer Kolleginnen und Kollegen:
Diskriminierung verletzt und schürt Frust und Aggressionen. Wie der Bund Jugendliche
unterstützt, sich gegen Rassismus und für Menschenrechte einzusetzen,
erklärt Michele Galizia, Leiter der Fachstelle für Rassismusbekämpfung.

Im Gespräch mit der Migrationszeitung: Leiter der Fachstelle für
Rassismusbekämfpung, Michele Galizia.
In der Schweiz würde kaum jemand von sich behaupten, rassistisch zu sein. Gibt es bei
uns überhaupt Rassismus?
Wenige Menschen sind überzeugte Rassisten. Trotzdem sind rassistische und
diskriminierende Handlungen alltäglich. Den «Tätern» muss dies gar
nicht bewusst sein. Ein Schwarzer hat mir kürzlich erzählt, wie er das erlebt:
es seien die abschätzenden, misstrauischen Blicke, die ihn ständig und
überall begleiten, die ihn verletzen und erniedrigen. Oft wird argumentiert,
«Fremdeln» sei doch für eine Gesellschaft genauso
«natürlich» wie für ein Kleinkind. Doch Gesellschaften sind keine
Organismen und schon gar nicht Kleinkinder.
Wir müssen unsere Umwelt vereinfachen, um sie verstehen zu können. Es ist nahe
liegend, Menschen in Gruppen einzuteilen und ihnen bestimmte Merkmale zuzuschreiben.
Reduzieren wir aber einen Menschen nur noch auf seine Gruppenzugehörigkeit und nehmen
ihn oder sie nicht mehr als Individuum wahr und gehen wir gar davon aus, diese Gruppe sei
minderwertiger, habe weniger Rechte als wir selber, so legen wir den Boden für
rassistische Diskriminierung.
Werden Ausländer in der Schweiz wirklich diskriminiert?
Ja! Fragen Sie einen Schwarzen oder eine ausländische Frau - die am meisten betroffen
sind. Es wird auch immer normaler, dass es ein Ausländer ist und kein Schweizer, der
das WC putzt und im Restaurant bedient. Dies ist verhängnisvoll, denn über kurz
oder lang prägen sich so «natürliche» Hierarchien ein. Das
funktioniert etwa so: Müllmänner sind - sagen wir - Türken, also sind
Türken grundsätzlich Müllmänner. Wenn sich jetzt ein Jugendlicher mit
einem türkischen Namen auf eine Lehrstelle meldet, hat er weniger Chancen als einer
mit einem schweizerisch klingenden Namen. Es ist eine Tatsache, dass man heute als
Türke, mit einem auf -ic endenden Namen oder als Schwarzer viel mehr Mühe hat,
eine Lehrstelle zu finden.
Wie reagieren ausländische Jugendliche auf solche Erfahrungen?
Diskriminierung und Ausgrenzung werden von den Opfern verinnerlicht, das kennen wir vom
Mobbing her. Betroffene übernehmen das Fremdbild, sind verunsichert, frustriert und
trauen sich kaum noch etwas zu. Einige reagieren mit Aggression und Gewalt. Wenn ganz
normale Schweizer Jugendliche in ein fremdes, reiches Land auswandern müssten und
dort nicht arbeiten und dadurch am Wohlstand teilnehmen könnten, würden sie wohl
gleich reagieren. Eine solche gesamtgesellschaftliche Erklärung soll uns helfen,
Lösungen zu finden, sie entbindet aber niemanden - und das muss betont werden - von
der Verantwortung für seine Taten.
Es sind doch auch Schweizer Jugendliche, die sich benachteiligt fühlen gegenüber
heranwachsenden Ausländern - etwa weil diese in vielen Jugendtreffs den Ton angeben.
Die Tatsache, dass Schweizer Jugendliche mit Zorn reagieren, wenn sie sich in einem
Jugendtreff nicht willkommen fühlen, zeigt, wie schnell das Gefühl von
Benachteiligung auch bei Schweizern zu Frust und Aggression führen kann.
Es gibt einfach noch zu wenig ausserschulische Angebote für Jugendliche. Diese werden
noch zu stark als Notlösung angesehen und richten sich dementsprechend vor allem an
sozial und ökonomisch weniger Privilegierte. Unter diesen sind Migranten besonders
zahlreich. So ist es nahe liegend und auch erwünscht, dass besonders sie das Angebot
nutzen. Halten sie sich beim Bahnhof auf, so wird dies ja noch viel mehr als Provokation
empfunden. Es handelt sich hier also um den klassischen Fall eines Sozialproblems, das
unter der Inländer-Ausländer-Optik fehlinterpretiert und oft auch hochgespielt
wird.
Sollen aber Jugendtreffs tatsächlich eine Integrationsaufgabe übernehmen, so
müssen sie die nötigen finanziellen und personellen Mittel haben, um alle
potenziellen Nutzer einzubeziehen und eine aktive Auseinandersetzung mit Rassismus, Gewalt
und Konflikten zu ermöglichen.
Der Fonds gegen Rassismus und gegen Vorurteile finanziert ja sehr viele Projekte von und
für Jugendliche. Warum setzen Sie diesen Schwerpunkt bei der Jugend?
In der Zusammensetzung der Jugend widerspiegelt sich die Tatsache, dass die Schweiz ein
Migrationsland ist: Rund ein Drittel der Jugendlichen haben einen Migrationshintergrund
und knapp ein Viertel der bis zu 25-Jährigen haben (noch) keinen Schweizer Pass.
Jugendliche erleben diese gesellschaftliche Realität zumeist als
Selbstverständlichkeit. Doch es gibt auch Reibungsflächen und Konflikte. Ob als
Täter, als Opfer oder als Zuschauerinnen und Zuschauer - Jugendliche können
heute der Problematik des Rassismus kaum entgehen. Sie müssen lernen, mit den eigenen
Vorurteilen umzugehen, diese zu hinterfragen und zu meistern. Sie sollen befähigt
werden, überkommene gesellschaftliche Strukturen, die den Rassismus fördern, zu
hinterfragen und zu ändern. Sie müssen üben, Konfliktsituationen
frühzeitig zu entschärfen und sie haben das Recht, im Notfall unkompliziert
konkrete Hilfe einzufordern. Jugendliche verfügen über ein grosses Reservoir an
Ideen und Kreativität, das sie - falls sie die nötigen Freiräume und
Unterstützung finden - nutzen können.
Was halten Sie von der Basler Kampagne «Tatsachen gegen Vorurteile», die ja
auch aus dem Fonds unterstützt wird?
Mich überzeugt der Ansatz, sich Zeit zu nehmen, um erst mal zu sagen, was Sache ist.
Nur so kann die Grundlage geschaffen werden für eine vernünftige,
lösungsorientierte Diskussion. Anstatt defensiv auf populistische Anwürfe zu
reagieren, zeigt die Kampagne auf, was beim so genannten Ausländerproblem soziale
Probleme, was Jugendfragen und was Migrationsprobleme sind. Anstatt bestehende Probleme
mit kulturellen Unterschieden zu begründen - und so zu einem unlösbaren Problem
zu erklären -, werden die konkreten Probleme angegangen, die zum Beispiel in einem
Quartier bestehen. Basels Migrationspolitik ist ein Vorbild für zahlreiche
Städte im In- und Ausland. Ob sie Erfolg haben wird, wird letztlich davon
abhängen, ob wir auch in finanziell schwierigen Zeiten bereit sind, in eine
gemeinsame Zukunft zu investieren.
Interview: Timm Eugster
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