Ralph Lewin über Islam und Integration in Basel

Der folgende Text stammt aus einer Rede, welche der Basler Regierungsrat Ralph Lewin an der Vernissage der Ausstellung «Islamischer Alltag in Basel» im Unternehmen Mitte hielt.


Integration ist ein Weg der gemeinsam gegangen und gefunden werden muss, da brauchts auch Offenheit für neues, betonte Ralph Lewin an einer Tagung.


Vorurteile sind eine nützliche Einrichtung. Sie helfen uns dabei, weisse Flecke in unserem Wissen auszufüllen, völlig neuen Situationen einigermassen angemessen und ohne übermässige Angst zu begegnen und die eine oder andere Konversation ohne bleibenden Schaden zu überstehen. Ohne Vorurteile wären wir gezwungen, unglaublich viel zu wissen, um uns in unserer komplexen Welt zu orientieren. Das Vorurteil springt ein, wenn wir noch kein Urteil haben. Es erleichtert die erste Begegnung mit dem Fremden und Unbekannten.
Auf Dauer hingegen hat das Vorurteil seine Tücken. Weil es eine möglichst einfache Schablone sein muss, um die Funktion einer kurzzeitigen Notorientierung zu erfüllen, bleibt es im besten Fall oberflächlich und allgemein. In schlimmeren Fällen ist es schlicht überholt oder falsch. Weil das aber seine Nützlichkeit nicht beeinträchtigt, merken wir das selten. Deshalb müssen wir es auch nicht korrigieren. Überdies hat die menschliche Wahrnehmung die Eigenart, hauptsächlich das zu sehen, was schon bekannt ist. Sie hilft demnach intensiv mit, Vorurteile zu bestätigen.

Wenn nun eine Ausstellung zum islamischen Alltag in Basel es unternimmt, uns tieferes und gesicherteres Wissen über etwas zu vermitteln, was wir allzu häufig noch mit solchen Vorurteils-Schablonen betrachten, macht sie aus dem Neuen etwas Bekanntes, aus dem Fremden etwas Vertrautes. Sie führt uns aus dem Nichtwissen ins Wissen, aus dem Vorurteil zum Urteil. Und unter «Urteil» wollen wir nichts Juristisches verstehen, sondern das Teilen, Sortieren und Neuanordnen von Wissen.

In einer Stadt, die stolz ist auf ihre vergangene und gegenwärtige Weltoffenheit, und in einer Zeit, in der wir innert Tagesfrist beinahe jeden Ort auf der Erde erreichen können - und ebenso schnell erreichbar sind -, ist die Gegenwart von Fremden eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Wir kaufen Güter aus aller Welt, wir exportieren unsere Produkte überallhin, und zu den Basler Messen erwarten wir natürlich ein internationales Publikum. Wir übersehen aber oft, dass dieses vermeintlich Fremde längst ein Teil unseres Alltags geworden ist und zu unserer Stadt gehört, mit uns lebt und arbeitet, an unserem Staat und unserer Kultur teilhat. Allenfalls  bemerken wir es da, wo wir uns gestört fühlen, bei seltsamen Gerüchen aus Nachbars Küchen, bei der Begegnung mit anders gekleideten Menschen mit einem wenig vertrauten Verhalten oder wenn das Baseldeutsch in einer Schulklasse eine Minderheitensprache ist.
Wir erwarten von den Fremden selbstverständlich Integration und meinen damit oft nur, dass wir von nichts Neuem überrascht werden wollen. Wenn die Fremden schon in unsere Stadt kommen, dann sollen sie sich doch anpassen. Wenn wir nichts vom Fremden merken, stört er uns auch nicht. Aber Anpassung ist keine Integration. Anpassung oder Assimilation bedeutet im Extremfall einfach Ausmerzung des Fremden. Damit ist der Verlust vorprogrammiert: der Verlust der eigenen, persönlichen und kulturellen Identität für die einen, der Verlust neuer Erfahrungen und Lernfelder für die anderen. Assimilation ist der Königsweg des Vorurteils.

Integration ist ein gemeinsamer Weg. Miteinander in Kommunikation treten, sich selber und den anderen besser kennen lernen, gemeinsame Wege in einer für beide Teile neuen Situation finden, gleiche Lebens- und Entwicklungschancen für alle erreichen und gemeinsam den gemeinsamen Lebensraum gestalten - das wären Wege der Integration.

Das Basler Integrationsleitbild fordert die Nutzung der vorhandenen Möglichkeiten an Stelle des Ausfüllens von Mängeln. Wenn wir diesen Ansatz ernst nehmen, müssen wir gegenseitig die Möglichkeiten anschauen. Wir müssen wissen, wer der jeweils andere ist, was er uns mitbringt und was wir gemeinsam für uns tun können. Basel versucht über Sprach- und Integrationskurse, sich neuen Baslern vorzustellen und greifbar zu machen. Diese Schritte sind notwendig und viel versprechend. Aber zur Integration einer Gesellschaft gehört auch das Hinsehen auf das Neue: Was kommt da? Wer ist das? Wie sieht das Leben für den anderen aus? Nur über die gegenseitige Annäherung wird Gemeinsamkeit möglich. Und genau da setzt die Ausstellung an. Ich bin gespannt auf neue Erkenntnisse, auf das Entdecken von Gemeinsamkeiten, aber auch von Unterschieden. Beides gehört zum Verständnis, beides brauchen wir, um unser Wissen neu zu sortieren, um vom Vorurteil zum Urteil zu gelangen.

Ich danke den Initiatoren der Ausstellung im Namen des Regierungsrates dafür, dass sie uns diese Möglichkeit geben. Und ich danke ihnen umso mehr, weil die letzten Monate uns in Gefahr gebracht haben, uns erschreckt und verunsichert in alte Vorurteile über den Islam zurückzuflüchten. Als Angehöriger einer anderen Gruppe von nicht christlichen Baslern kann ich nachvollziehen, wie schmerzhaft ein solcher Prozess für die Betroffenen sein kann. Gewalt, wie wir sie in der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart erleben, ist weder christlich noch islamisch noch jüdisch. Sie ist - leider - ganz einfach menschlich. Und eine der grössten menschlichen Aufgaben besteht darin, trotz der in uns wohnenden Ansätze von Gewalt eine Gesellschaft zu schaffen und zu erhalten, in der wir gemeinsam diese Gewalt in den Griff bekommen und sie vielleicht sogar in schöpferische Kraft umwandeln können.

Und wenn heute ein jüdischer Basler einige Gedanken zur Eröffnung einer Ausstellung über islamische Basler äussern darf, empfinde ich dies auch als Zeichen dafür, dass die Religionen und Völker eine gemeinsame Zukunft haben können, wenn sie sich bereits heute gemeinsam um eine gemeinsame Gegenwart bemühen. Ich wünsche der Wander-Ausstellung viel Erfolg und viele Besucher, die sich auf dem Weg vom Vorurteil zum Kennen, von skeptischer Betrachtung zur nachbarlichen Wertschätzung, vom Nebeneinander zum Miteinander befinden. Und ich sage nochmals: Danke!
Die Wander-Ausstellung ist ab Januar 2003 in St. Gallen zu besichtigen.

Zum Autor
Dr. iur. Ralph Lewin ist Regierungsrat im Kanton Basel-Stadt, er leitet das Wirtschafts- und Sozialdepartement (WSD).
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