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 In der Schweiz ist die konfessionelle Freiheit selbstverständlich. Dennoch sorgen
Missverständnisse rund um die verschiedenen kulturellen Eigenheiten immer wieder
für Konflikte. Was sagen zwei Fachleute zur aktuellen Situation?
Professor Dr. Felix Hafner ist Ordinarius für öffentliches Recht an der
Universität Basel. Georg Gremmelspacher ist Jurist und Anwalt in Bern.
Integration und Religionen - da besteht klar ein Spannungsfeld. Religion kann in Sachen
Integration ja zum Problemfaktor Nummer eins werden, andererseits kann das
Verständnis für andere Religionen, der Respekt vor ihnen Toleranz fördern.
Wann ist das «Element Religion» der Integration förderlich, wann wird es
schwierig?
Felix Hafner: In der Tat sind Religionen im Hinblick auf die Integration ambivalent: Auf der einen
Seite wirken sie integrierend, indem sie Menschen aus unterschiedlichen Schichten mit
gleichem Glauben zusammenbringen und - vor allem wenn es sich dabei um Zugezogene handelt
- ihnen damit ein Stück Heimat bieten. Zudem können Religionen der
gesamtgesellschaftlichen Integration dienen, weil sie ihre Werte in den demokratischen
Dis-kurs einbringen und dadurch einen wichtigen Beitrag zur politischen Gestaltung des
Gemeinwesens leisten. Auf der anderen Seite können sich auch Spannungsfelder ergeben,
etwa wenn Religionen Werte vertreten, die denjenigen des Staates widersprechen, oder wenn
mit der Befolgung religiöser Vorschriften staatliche Gesetze verletzt werden.
Warum hat eigentlich die christlich geprägte westliche Gesellschaft heute viel mehr
Schwierigkeiten mit dem Islam als etwa mit dem Judentum?
Felix Hafner: Dafür sehe ich im Wesentlichen drei Gründe: Erstens stammen Menschen
muslimischen Glaubens im Unterschied zu denjenigen jüdischen Glaubens in der Regel
aus Kulturkreisen mit uns fremden Bräuchen und Lebensformen. Zweitens sind die
religiösen Vorschriften islamischer Gemeinschaften weniger bekannt als diejenigen des
Judentums. Hier spielt wohl der Bezug des Christentums zum Judentum eine Rolle. Drittens
schliesslich steht die westliche Gesellschaft im Moment unter dem Eindruck
fundamentalistischer islamischer Strömungen, obwohl es im Islam wie im Judentum oder
auch im Christentum unterschiedliche Richtungen gibt und deshalb die Gleichsetzung des
Islams mit religiösem Fundamentalismus falsch ist. In diesem Zusammenhang sei auch
auf die Verantwortung der Medien hingewiesen. Häufig sind es ihre Berichte und die
von ihnen vermittelten Bilder, die unsere Meinung prägen und beeinflussen. Dies gilt
natürlich nicht nur für den Islam, sondern auch für das Judentum und das
Christentum.
Können fanatische religiöse Überzeugungen - die ja beispielsweise in vielen
Kriegen und Bürgerkriegen eine sehr problematische Rolle spielen - in unsere offene,
westliche Gesellschaft integriert werden?
Felix Hafner: Vorab ist zu betonen, dass religiöser Fanatismus in einer offenen Gesellschaft
problematisch ist, weil er die für unsere Gesellschaft so wichtigen Werte der
Toleranz und des Pluralismus in Frage stellt. Allerdings stehen auch fanatische
religiöse Überzeugungen grundsätzlich unter dem Schutz der
Religionsfreiheit. Der Staat darf sie somit nicht einfach verbieten.
Selbstverständlich fallen fanatische religiöse Überzeugungen dann nicht
mehr unter den Schutz der Religionsfreiheit, wenn sie mit widerrechtlichem Handeln
verbunden sind. Die vom Rechtsstaat zu respektierende Religionsfreiheit führt jedoch
dazu, dass der Staat nur geringe Möglichkeiten hat, präventiv gegen
gefährliche Auswirkungen des religiösen Fanatismus vorzugehen.
Herr Gremmelspacher, Sie haben am Symposium für Menschenrechte einen Vortrag zum
Thema «Religion und Integration» gehalten. Wie reagiert eigentlich das
Publikum auf dieses Thema?
Georg Gremmelspacher: Ich kann diese Frage nicht allgemein beantworten. Nach meinem Vortrag wurde vor allem die
Rolle der Frauen in den Religionen diskutiert. Ihnen kommt zwar oft eine tragende Rolle
zu, gleichzeitig bestehen aber häufig Strukturen, die von Männern beherrscht
werden. Im Publikum wurde nun vor allem darüber gesprochen, wie die Stellung der Frau
in diesem Bereich aufgewertet werden könnte. Besonders auch in den christlichen
Kirchen sollte der ehrenamtliche Teil der Frauenarbeit finanziell beziffert werden. Wenn
feststeht, was die Kirchen besonders im Sozialbereich für die Gesellschaft leisten,
kann zugleich auch Anteil und Wert der freiwilligen Arbeit von Frauen in den Kirchen
festgestellt werden.
Was hat Sie an diesem Symposium denn am meisten beeindruckt?
Georg Gremmelspacher: Integration betrifft nicht nur Religionen. Wir alle sind auf Integration angewiesen, auch
ausserhalb des religiösen Bereichs. So betrifft die Integrationsfrage beispielsweise
auch alte und junge Menschen, Kranke und Nichtkranke, Behinderte und Nichtbehinderte,
Reiche und Arme, Frauen und Männer. Nicht nur Ausländerinnen und Ausländer
haben also einen Integrationsbedarf, sondern auch andere Menschen und gesellschaftliche
Gruppen. Es war nun beeindruckend zu sehen, in wie vielen Lebensbereichen die Integration
eine wichtige Rolle spielt. Ein Staat, der eine Integrationspolitik verfolgt, sollte diese
thematische Vielfalt berücksichtigen.
Wo besteht aus Ihrer Sicht in der Schweiz momentan am meisten juristischer Handlungsbedarf
im Bereich der Integration?
Georg Gremmelspacher: Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten, weil Integration - wie erwähnt - eine
grosse Bandbreite aufweist. Im religiösen Bereich steht sicher die Gleichbehandlung
der Religionsgemeinschaften im Vordergrund. In den meisten Kantonen sind die
traditionellen christlichen Kirchen öffentlich-rechtlich anerkannt. Die Kantone
Basel-Stadt, Bern, Freiburg und St. Gallen haben auch die Israelitische Gemeinde
öffentlichrechtlich anerkannt. Die wichtigste Wirkung einer
öffentlich-rechtlichen Anerkennung ist die Übertragung von Besteuerungsrechten.
Muslimische Religionsgemeinschaften sind bis anhin allerdings von dieser Möglichkeit
ausgeschlossen geblieben. Ihnen sollte man entgegenkommen, sofern sie die Rechtsordnung
und die Grundwerte unseres Staates anerkennen. Denkbar wäre etwa die
Ermöglichung von Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Allerdings darf
die Integration nicht nur unter juristischem Lichte betrachtet werden; oft wichtiger sind
die gesellschaftlichen Integrationsprozesse.
Zum Schluss noch eine persönliche Frage an Sie beide: Wie feiern Sie privat am
liebsten Weihnachten?
Georg Gremmelspacher: Weihnachten ist bei uns traditionellerweise ein Familienfest. Eine Feier im
familiären Rahmen steht daher auch im Vordergrund. Wir bedauern, dass Weihnachten
zunehmend seinen ursprünglich religiösen Sinn verliert und zu einem Konsumfest
verkommt.
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