Religiöse Feste: Einheit in der Vielfalt

Jede Religion hat ihre Feste. Es gibt keine, die ohne besondere Zeiten und Tage auskommt. Feiern mit bestimmten Ritualen, Fastenzeiten und Gedenktage grenzen die verschiedenen Religionen voneinander ab. Ja, sie kennzeichnen richtiggehend die jeweiligen Eigenarten. Sie stiften Identität. So ist es nicht verwunderlich, dass es kein einziges religiöses Fest gibt, das alle Religionen - ja, noch nicht einmal die drei abrahamischen, Judentum, Christentum und Islam - gemeinsam haben.

Advent und Weihnachten weisen äusserlich Parallelen zu Chanukka auf.

Aus dieser Tatsache eine grundsätzliche Uneinigkeit und Beziehungslosigkeit zwischen den Religionen zu schliessen, wäre falsch. Denn bei näherer Betrachtung finden wir genau in dieser Vielfalt das Gemeinsame; oder wie es der spanisch-islamische Philosoph Ibn al-Arabi ausdrückte: «Einheit und Vielheit sind verschieden und doch in geheimnisvoller Weise verbunden.»
So unterschiedlich die Hintergründe und Traditionen der Feste auch sind, letztlich dienen sie immer ein und demselben Zweck: sich Gott in seinen unterschiedlichen Manifestationen zu vergegenwärtigen, ihm zu danken und ihn zu ehren.
In diesem Jahr fallen - zum letzten Mal für die nächsten rund 35 Jahre - das jüdische Chanukka (26. Nov.- 6. Dez.), der christliche Advent (beginnt am 1. Dez.), der mit Weihnach- ten endet, und der islamische Fastenmonat Ramadan (5. Nov.-5. Dez.) mit dem anschliessenden Fest des Fastenbrechens in denselben Zeitraum. Grund genug, sich mit dem Vertrauten und dem Fremden auseinander zu setzen und dabei zu entdecken, dass es durchaus Möglichkeiten gibt, beides in ein positives Verhältnis zueinander zu setzen.
An Chanukka gedenken Juden des historischen Sieges im Jahr 165 vor Christus, bei dem das Partisanenheer unter Judas Makkabäus gegen die Seleukiden zog und  schliesslich den jüdischen Tempel zurückeroberte. Die Geschichte erzählt, dass mit dem einzigen Ölfläschlein, das im Tempel noch aufzufinden war, ein Leuchter angezündet wurde. Der brannte  - wie durch ein Wunder - volle acht Tage, obschon das vorhandene Öl eigentlich nur für einen Tag ausgereicht hätte.
Zur Erinnerung feiern Juden bis heute Chanukka (hebr. Weihe) als Lichterfest, indem sie acht Tage lang jeden Abend ein weiteres Licht des Chanukka-Leuchters anzünden.
Der christliche Advent und  Weihnachten weisen äusserlich einige Parallelen zu Chanukka auf. Beides sind Lichterfeste, die zur dunklen Winterzeit im Kreise der Familie gefeiert werden. An beiden Festen werden bestimmte Speisen verzehrt und Geschenke an die Kinder verteilt. Der Stellenwert von Weihnachten ist für die Christenheit jedoch ungleich höher als für Juden Chanukka. Letzteres gilt nur als Halbfeiertag, an dem gearbeitet und an den Schulen unterrichtet wird.
Die Adventszeit dient als Vorbereitung auf die Ankunft (lat. adventus) Jesu Christi. In einigen Gegenden wird sie als Buss- und Fastenzeit begangen. Bei uns hat dies kaum noch Tradition. Im Gegenteil; es ist eine bekannte Tatsache, dass ein grosser Teil des Jahresumsatzes in den Läden durch das Weihnachtsgeschäft zustande kommt. An Weihnachten selbst wird die Ankunft des Heilsbringers gefeiert. Wie Chanukka signalisiert auch die Geburt Chisti einen Neubeginn, der von Hoffnung und dem Glauben an die Liebe, die Gnade und die Gerechtigkeit Gottes getragen ist.
Auch für die Muslime bedeutet das Ende des Fastenmonats Ramadan  einen Neubeginn. Die zurückliegenden 30 Tage, an denen von Morgendämmerung bis Sonnenuntergang keine Nahrung - weder feste noch flüssige - aufgenommen wird, werden auch genutzt, um Streitigkeiten beizulegen, Busse zu tun, schlechte Gewohnheiten abzulegen und den Glauben zu verinnerlichen. Körper und Geist unterziehen sich während der Fastenzeit einer Entrümpe-lung. Das Fest des Fastenbrechens ist  Ausdruck für die Barmherzigkeit Gottes, die sich auch darin zeigt, dass der Mensch nach der Fastenzeit geläutert ist und somit neuerlich seine Chance erhält, im Geiste Gottes sein Leben zu gestalten.
Die Erkenntnis, dass alle religiösen Feiern in ihrem Kern dasselbe zum Ausdruck bringen, muss im Umgang zwischen Angehörigen unterschiedlicher Religionen Konsequenzen haben. Gemeint ist nicht eine diffuse Toleranz, die sich in allgemeinem Desinteresse am Anderen äussert. Gemeint ist auch nicht ein Synkretismus, der dazu führt, dass Christen sich plötzlich Chanukka-Leuchter ins Fenster und Juden einen Weihnachtsbaum in die Stube stellen.
Was nötig ist, ist der Respekt, der den Anderen in seiner Andersartigkeit belässt und ihn so annimmt. So gut die Absicht auch ist; es zeugt von einer fehlenden Sensibilität, wenn beispielsweise Muslime in der Schweiz während der Adventszeit zahlreiche Karten und Geschenke zu Weihnach- ten erhalten, sich aber kein Mensch dafür interessiert, dass gerade die Fastenzeit zu Ende geht und sie in der Vorbereitung auf das Fest sind.
Man stelle sich die Verwirrung und wahrscheinlich auch die Empörung vor, wenn umgekehrt Muslime ihrer christlichen Umgebung zum islamischen Fest Glückwunschkarten schrieben...


Die «Gemeinschaft Christen und Muslime in der Schweiz» hat ein Kartenset herausgegeben, das eine Künstlerin und ein Künstler aus der Sicht des Christentums und des Islam gestaltet haben. Damit kann man Freunde und Bekannte aus der jeweils anderen Religionsgemeinschaft zu deren Festtagen grüssen. Das Set von 6 Karten im A5-Format kann bei der Gemeinschaft Christen und Muslime in der Schweiz, Postfach 6243, 3001 Bern, bestellt werden.


Zur Autorin
Amira Hafner-Al Jabaji, Islamwissenschaftlerin und Journalistin, Vorstandsmitglied der Gemeinschaft Christen und Muslime in der Schweiz.
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