Sankt Nikolaus, der Türke

Er gehört sozusagen «zum Inventar» unserer Traditionen: Er bringt Lebkuchen, Nüsse und Mandarinen, sein Knecht, der Ruprecht, bei uns Schmutzli gerufen, bringt die Rute. Der Nikolaus ist lieb, er ist streng, und er kommt von überall her, bloss nicht von hier. Als sein Vorfahr gilt der Bischof von Myra in Lykien, in der heutigen Türkei.

Von Martin Leuenberger

Welcher Nikolaus ist der richtige? Ist er rot? Ist er schwarz? Ist er ein Bischof?

Ich kann mich gut daran erinnern, wie wir als Kinder zitterten, wenn es auf den sechsten Dezember zuging. Wenn erst die Glocke geläutet hatte und dann im Flur die behäbigen Schritte zu hören waren, brauchte es schon Mut, um nicht irgendwo im Verschwinden sein Heil zu suchen. Es hätte ja nichts genutzt. Gegen den Nikolaus nutzte gar nichts; kein Geschichtenerzählen, keine Ausflüchte; er wusste einfach alles. In seinem dicken Buch stand es geschrieben. Ich glaube, meine Schwester hat heute noch Angst. Dabei war der alte Mann gar nicht so schlimm, eher gütig, wenn man vor ihm stand. Konnte man sogar noch ein Verslein hersagen, dann liess er es oft bei der Schelte bewenden, steckte die Rute weg und schüttete seinen Sack aus: Nüsse, ein paar Datteln und Feigen vielleicht, auf jeden Fall reichlich Mandarinli und Schoggeli.
Und dann war es auch schon wieder vorbei. Schweren Schritts zog er von dannen, behauptete jedes Jahr, er habe den Esel vor dem Haus, gleich um die Ecke, angebunden - und dann war er wieder weg, auf seinem beschwerlichen Weg zurück in den Schwarzwald. Immerhin zu meiner Schwester und mir kam er, Jahr für Jahr. Längst nicht alle Kinder in der Nachbarschaft konnte er besuchen. Sie durften aber den Schuh vor die Tür stellen über Nacht, und am Morgen war der dann gefüllt mit lauter Köstlichkeiten. Heute hat er diese Personalsorgen nicht mehr.
Was aber wollte der Nikolaus mit seinem Besuch bei uns Kindern bezwecken?
Nun, wenn das so einfach wäre. Im Grunde genommen gibt es ja gar nicht nur einen Nikolaus. Welcher ist denn der richtige? Ist er rot, ist er schwarz, trägt er einen Stab, hat er eine Kapuze oder eine Bischofsmütze? Ist er nun Santiglaus oder Weihnachtsmann? In der Figur sind verschiedene Personen verschmolzen. Da ist der heilige Nikolaus selbst, der Bischof, der nicht nur Myra (das heutige Demre in der Türkei) aus einer grossen Hungersnot gerettet, sondern auch Kinder wiedererweckt haben soll, dann aber auch der Abt von Liesse, der volkskundlichen und religionshistorischen Forschungen gemäss am Anfang des «Weihnachtsmannes» gestanden hat. Beide historischen Figuren machen den Kindern Geschenke, den Kindern, die - zusammen mit den Frauen - noch nicht in die männlich definierte Gesellschaft aufgenommen sind. «Initiationsritual» sagen die Fachleute. Darüber hinaus soll uns Nikolaus lehren, dass Kinder das Anrecht besitzen, eine bestimmte, ganz kurze Zeit im Jahr zu haben, um sich etwas wünschen zu können. Die Grosszügigkeit ist indessen zeitlich eng beschränkt und richtet sich erst noch nach der Bravheit. Die Kinder müssen sich also mässigen und auf einen bestimmten Termin konzentrieren. Weihnachten und die Adventszeit waren nicht immer so, wie wir sie heute begehen. Farbiges Packpapier, die Weihnachtskarten, die Kollekte der Heilsarmee, all das gab es früher nicht. Vor dem 17. Jahrhundert gibt es kaum einen Hinweis auf den Christbaum, und im öffentlichen Raum - zum Beispiel auf Plätzen -, zudem umspielt von Lichterkettenglanz, taucht die Tanne erst recht nicht auf. Ihr Erscheinen hat mehr mit der Elektrizität zu tun als mit Tradition. Ja, lange Zeit, bis tief ins 20. Jahrhundert hinein, mochte man sich im Baselbiet an die tannenbaumlose Zeit erinnern.
«Zu Hause auf unserem Höflein hängte der Vater jeweils eine Stechpalme an d Schtuubebüüni, mit bachnige Sache draa, aber ooni Liechtli», heisst es beim Heimatforscher Strübin. Weihnachten ist ein durchaus modernes Fest, das aber nicht neu erfunden ist, sondern Teile und Bruchstücke alter Feiern (auch der altrömischen Saturnalien) immer wieder anders zusammensetzt.

Der Nikolaus an und für sich ist älter, aber derjenige, der heute in unserer Region umgeht, ist mit dem Weihnachtsmann und mit Santa Claus vermischt. Zwar ist sein Gewand noch rot, aber in ihm ist kein Bischof mehr zu erkennen. Er ist eine vergleichsweise neue Schöpfung. Und er passt sich laufend der Entwicklung an. Erst sah man ihn nur mit seinem Esel, dann wurde das Rentier auch bei uns ein Running Gag, schliesslich gibt es den Santiglaus auch auf dem Töff und zu guter Letzt sieht man ihn seit einigen Jahren immer an mehr Hausfassaden hoch- (oder runter-) klettern.
Mit ihm verknüpft sich keine Geschichte, die von seinem Ursprung berichtet. Es gibt keine Legende, die ihn auch nur halbwegs in seiner heutigen Rolle schildert.

Unser Nikolaus des 6. Dezember ist etwas Sonderbares.

Unser Nikolaus des 6. Dezember ist etwas Sonderbares. Er schwebt über uns. Er hat etwas Eigenartiges an sich, weil die Erwachsenen den Kindern sagen, sie sollen an den Nikolaus glauben, während sie - die Erwachsenen - gerade dies nicht tun. Maskierte und kostümierte Personen, die jährlich wiederkommen und Kinder belohnen oder strafen, kannten übrigens auch die Indianer im Südwesten Amerikas. Unser Nikolaus ist mit ihnen verwandt.

Eine für uns überraschende Geschichte erlebte der Weihnachtsmann 1951 in Dijon. Dort wurde er vor der Kathedrale in einem feierlichen Akt aufgehängt und später verbrannt. In den wenigen Jahren nach dem Krieg hatte Frankreich zu einem langsamen Wohlstand gefunden. Plötzlich tauchten da Dinge auf, die neu waren und die Leute herausforderten. Die Vertreter des Klerus sahen das sakrale Weihnachtsfest derart von der Weltlichkeit bedroht, dass sie dessen unverschämten Konkurrenten schlicht massakrieren liessen. Freilich erreichten sie damit das Gegenteil, der Nikolaus wurde erst recht bekannt.

Vieles von dem, was wir zu unseren Traditionen und Bräuchen zählen, als urschweizerisch und urbaslerisch schätzen, zerfliesst bei näherem Hinsehen wie Butter an der Sonne. Wir haben es uns von irgendwoher geborgt oder es ist kaum wesentlich älter als wir selber. Das Weihnachtsfest, so wie wir es begehen, hat seinen Aufschwung erst nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt und ist seither zu einem solchen Konsumrausch avanciert, dass ich als sein Kritiker bereits die stillen Momente schätze und verteidige, die es doch auch hat. Die Fasnacht, wie sie sich in der Stadt Basel mittlerweile schon fast über das ganze Jahr breit macht, hat erst etwa hundert Jahre auf dem Buckel, und es wird der Moment kommen, an dem mir meine Grosskinder erklären, dass sie dieses Kürbiskopffest «Halloween« als typisch schweizerischen Brauch erachten.

Der Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit wegen - und weil ich natürlich fürchte, der Niggi Näggi stecke mich in seinen Sack - gestehe ich freimütig, dass ich mein Wissen vom französischen Philosophen Claude Lévi-Strauss habe. Seine Gedanken zum St.-Nikolaus- und Weihnachtsmann- Brauch veröffentlichte er 1952 in der Zeitschrift «Les temps modernes». Ich habe eine leicht gekürzte Übersetzung der «Weltwoche» vom 21. Dezember 1995 benützt. Das Buch von Eduard Strübin heisst «Kinderleben im alten Baselbiet» und ist 1998 im Verlag des Kantons Basel-Landschaft erschienen.


Zum Autor
Martin Leuenberger leitete als Historiker fast 10 Jahre lang die Forschungsstelle Baselbieter Geschichte und damit das Projekt einer neuen basel-landschaftlichen Kantonsgeschichte.
Seit 1998 arbeitet er als Generalsekretär der Erziehungs- und Kulturdirektion in Liestal.
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