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 Eine weisse Hautfarbe zu besitzen, ist bei uns eigentlich nichts Spektakuläres. Und
doch kann dieser Umstand irritieren, auch diejenigen, die «weiss» sind. Der
folgende Beitrag ist die persönliche Reflexion einer Weisshäutigen über ihr
zwiespältiges Verhältnis zu ihrer Hautfarbe.
Warum gibt es keine Farbstifte, die der Hautfarbe annähernd entsprechen?
«Weiss ist keine Farbe!» Die Zeichnungslehrerin blickte streng hinter der
goldgefassten Brille hervor. Die Nonne im schwarzen Habit, den Schleier wegen der
sommerlichen Wärme leicht verrückt, so dass ein paar widerspenstige Haare unter
der gestärkten Haube hervorlugten, schritt mit festem Gang die Zeichenbänke
entlang. Die Haut der Nonne nahm eine dunkelrote Färbung an und stand in scharfem
Kontrast zur weissen Umrandung ihres Gesichts - wie immer, wenn sie zornig wurde.
«Ich wiederhole, Weiss ist keine Farbe.» Beschämt legte die
Schülerin den weissen Farbstift zur Seite und schaute etwas hilflos auf das begonnene
Werk. Warum gibt es dann weisse Farbstifte, fragte sie sich. Lustlos kritzelte sie am
anderen Ende der Zeichnung herum und war froh, als endlich die Schulglocke zur Pause
losschepperte. Wie auf Kommando schossen die Schülerinnen hoch, versorgten die
Zeichenutensilien in den aufklappbaren Pulten und drängten zum Pausenhof. - Warum
soll «Weiss» keine Farbe sein?
Bereits als kleines Kind hatte sie sich schwer getan mit dem Zeichnen der Gesichtsfarbe.
Warum gab es bloss keine Farbstifte, die der Haut auch nur annähernd entsprechen?
Beige war einfach zu dunkel und schon fast braun, und Rosa benötigte man zum Zeichnen
der Schweine. Vermischt mit etwas Weiss, wurde immer alles ein wenig schmierig, vor allem,
wenn man dann noch die Lippen, Augen und Nase auf das Gesicht malen wollte. Da war es so
viel einfacher, Chinesen, Indianer und «Neger» zu malen, denn für die
galten die Farben Gelb, Rot und Braun. So jedenfalls waren sie auch in den Büchern
abgebildet, in «Zehn kleine Negerlein» und in dem Buch über die Kinder
der Welt.
Die weisse Haut hatte ihr nie besonders gefallen. Als Kind wünschte sie sich, sie
hätte mokkafarbene Haut und krauses schwarzes Haar. Das hellblonde glatte Haar, die
nahezu unsichtbaren Wimpern und Augenbrauen kamen ihr auf ihrer weissen, fast
durchsichtigen Haut so undefiniert vor. Sie gaben dem Gesicht keine Markierungen, keine
Konturen. Sie hatte das Gefühl, sie hätte deswegen keinen Charakter. Sie
bewunderte die Menschen, die von der Natur verwöhnt worden waren: die schwarz
Gelockten, diejenigen mit dunklem Teint, die mit kräftigen Augenbrauen und langen,
gut sichtbaren Wimpern.
Als Jugendliche verbrachte sie - sobald es die ersten Sonnenstrahlen im Frühling
erlaubten - Stunden, Tage und Wochen, um ihrer Haut den leicht bronzefarbenen Ton
anzulegen, welcher ihr aus den Illustrierten und von den Plakatwänden
entgegenleuchtete. Sie beneidete ihre dunkelhaarige Freundin um ihre Haut, welche in
geradezu rasantem Tempo zu der erforderlichen Bräune kam. Sozusagen zum Trost
betrachtete sie sich im getönten Tao-Spiegel der Badeanstalt - es gab noch Hoffnung,
dass sie dereinst auch so schön aussehen würde. Dabei vermied sie es, die real
existierende Weissheit ihrer Haut im daneben hängenden Spiegel, der mit «ohne
Tao» überschrieben war, zur Kenntnis zu nehmen. Einigermassen zufrieden war sie
erst gegen Ende des Sommers, wenn sich die Sonnenbräune deutlich von den durch den
Bikini bedeckten, weiss gebliebenen Hautteilen abhob. Um die Bräune zu erhalten,
badete sie während des Sommers nie in der Badewanne. Denn dadurch hätte sich die
oberste Schicht der Haut gelöst, und die gan- ze Pracht wäre dahingeschwunden.
Als sie nach den Sommerferien ihre Mitschülerinnen im Anschluss an den Turnunterricht
beim Duschen betrachtete und feststellen konnte, dass sie nicht die weisseste war,
erfüllte sie das mit Genugtuung.
...die schwarz Gelockten, diejenigen mit einem dunklen Teint, die mit kräftigen
Augenbrauen...
Dass sie wirklich weiss ist und nicht nur einfach heller als die andern, wurde ihr erst so
richtig bewusst, als sie einen schwarzen Freund hatte. Da nützte auch intensivstes
Sonnenbaden nichts. Sie konnte sich noch so sehr anstrengen, der Unterschied würde
nie wettzumachen sein. Blankes Weiss hob sich von dem dunklen Braun ab, selbst nachdem sie
sich mit Passion dem Sonnenkult hingegeben hatte. So also sieht «weiss» aus,
dachte sie, während sie ihre sonnengebräunte Hand neben seiner zimtfarbenen
betrachtete. Sie stellte sich vor, welche Hautfarbe das Kind haben würde, das aus
dieser Verbindung entstehen könnte. Halbe-halbe? Unwillkürlich erinnerte sie
sich an die verunglückten Zeichnungen, wenn sie als Kind versucht hatte, mit weissem
und beigem Farbstift die Hautfarbe weisser Menschen nachzuahmen. Es gab ein Geschmier. Wie
nur müsste man einen so genannten «Mischling» zeichnen?
Doch so schnell wurde sie von dem Verlangen, nicht so zu sein, wie sie eben ist, nicht
befreit. Gerade die Begegnung mit dem schwarzen Freund hatte ihr erst recht die
Hässlichkeit ihrer weissen Haut vor Augen geführt. Jeder Pickel, jedes geplatzte
Äderchen, jede Schnittwunde, jede Prellung und jede Narbe war sofort sichtbar und
präsentierte sich herausfordernd und blossstellend den Blicken der anderen. Sie
träumte von makelloser, bronzener und samtener Pfirsichhaut. Sie begann sich die
Wimpern zu schminken, um nicht wie eine farblose Labormaus auszusehen.
Das Bestreben, ihr Weiss-Sein abzumildern, gab sie erst auf, als sie als Forscherin in
Indonesien lebte. Der Bezugsrahmen war nun nicht mehr eine mehrheitlich weisse
Gesellschaft, die mit ihrer Weissheit kokettierte. Es ging nicht mehr um die Nuancen, um
die Schattierungen des Weiss. Niemand fragte mehr nach den erfolgreich Gebräunten,
welche die Früchte ihres Bemühens durch Blicke der Anerkennung ernteten. Von
keiner Plakatwand lächelten Sonnengebräunte mit ihren weiss bleckenden
Zähnen. Abgesehen von den Touristenghettos und den international bestückten,
sündhaft teuren Apotheken in der Hauptstadt, bot kein normaler Laden Sonnenmilch an.
Auf einmal war es nicht mehr notwendig, sich den anstrengenden und Zeit raubenden
Prozeduren zu unterziehen. Die Haut blieb weiss. So wie sie schon immer war.
Die Kinder Indonesiens riefen der Weissen «putih!, putiiih!» nach. Der
schrille, helle Klang des indonesischen Wortes für «weiss» schien ihr
genau passend für die auffällige, hervorstechende Farbe ihrer Haut. Bisher hatte
sie noch nie daran gedacht, dass sie eine Hautfarbe hätte. «Weiss ist keine
Farbe», hallte der Befehl noch in ihren Ohren nach. Bisher war sie immer bemüht
gewesen, sich selbst eine Farbe zu verpassen. Sie erinnerte sich an die Worte ihrer
Mutter, die jeweils erfreut bemerkte, wenn sie aus den Ferien zurückgekommen war:
«Hast du aber Farbe bekommen...» Oder an die penetranten Ermahnungen aus den
Modeheften: «Gönnen Sie Ihrem Gesicht Farbe!» In Indonesien bekam sie die
Farbe, die sie schon immer hatte: Weiss. Die Farbe, die sie immer zu überdecken
versucht hatte. Doch schliesslich war es ihre Farbe.
So weiss wie in diesem Land war sie noch nie gewesen. Überall fiel sie auf.
Überall bestaunte man ihre weisse Haut. «Pass gut auf auf deine Haut»,
wurde sie ständig ermahnt. «Sonst wirst du schwarz wie wir. Schau mal, wie
hässlich schwarz wir sind und wie schön weiss du aussiehst. Kauf dir einen
Schirm, um dich gegen die Sonne zu schützen. Und überhaupt, du solltest nicht
dauernd auf die Felder gehen. Hast du gesehen, wie schwarz die Bäuerinnen sind? Es
wäre schade um dich. Um deine Haut.»
Umschwirrt von bisher nie erhaltenen Komplimenten, versuchte die Weisse, ihr
Schwarz-Weiss-Bild zu revidieren. Was war denn auf einmal geschehen? Sahen ihre
indonesischen Freundinnen nicht, dass sie gar keine Hautfarbe hatte? Dass sie sozusagen
farblos war? Dass sie lieber so gewesen wäre wie sie? Die Aufregung um ihre Haut,
diese Aufmerksamkeit war ihr irgendwie peinlich. Denn inzwischen assoziierte sie mit
«Weiss» nicht nur eigene Unzulänglichkeiten, die sie während ihrer
Jugend begleitet hatten, sondern auch die Tatsache, dass sie Angehörige jener
«Herrenrasse» war, die über Jahrhunderte hinweg im Namen ihrer
«Überlegenheit» andere unterdrückt hatte. Wie konnten diese Frauen
sich an ihrer Haut ergötzen, wo doch die Erinnerung noch lebhaft war, dass die
Holländer, wohl genauso blond und weiss und blauäugig wie sie,
dreihundertfünfzig Jahre lang dieses Land kolonisiert hatten? Sie versuchte sich
vorzustellen, wie sie sich wohl selbst verhalten hätte, als Weisshäutige in
einer Gesellschaft, welche sich uneingeschränkte Definitionsmacht angemasst hatte.
Sie sah die Befehle schreienden Kolonialbeamten mit hochrotem Gesicht, gefärbt von
tropischer Hitze, Alkohol und Zornesausbrüchen. Sie sah die Tee trinkenden Ehefrauen,
weiss gekleidet und mit breitkrempigen Hüten, blass sich in die Ordnung fügend.
Auf den von Sonnenlicht geschützten Veranden unterhielten sie sich
kopfschüttelnd über den Lauf der Dinge und empörten sich über die
dreisten Zumutungen, welche ein Leben in der Kolonie mit sich brachte. Sie sah die
geckenhaften Sprösslinge der Herren, die die ihnen zustehenden Rollen einübten,
dazu bestimmt, dereinst wie ihre Väter und Mütter Anordnungen auszuteilen.
Weiss, die Farbe der Macht, eingegangen als ewige Wahrheit in Fleisch und Blut.
Die Indonesierinnen betasteten interessiert die Haut der fremden Frau, klemmten sie
zwischen zwei Finger und zogen daran, um deren Textur und Festigkeit zu prüfen. Sie
zupften an den feinen Härchen, belustigt über die Behaarung an den Armen der
Weissen. Sie hielten sich die Bäuche vor Lachen, als diese die Arme theatralisch
aufschreiend wegzog, protestierend, sie sei kein Versuchskaninchen.
«Weiss» ist als Denkmodell eben auch Teil eines gesellschaftlichen
Diskurses...
Meyers Enzyklopädisches Lexikon: «Weiss, Bezeichnung für diejenigen
neutralen, unbunten Körperfarben, die nach dem DIN-Farbsystem mit einer Dunkelstufe
Dund einer Sättigungsstufe Sdie hellsten von allen Farben sind und (im Gegensatz zu
qSchwarz) das andere Ende der Grauskala (qGrau) bilden; auch Bezeichnung für jede vom
Gesichtssinn vermittelte Farbempfindung, die durch weisses Licht, speziell von
Normlichtarten bestimmter Spektralverteilung, hervorgerufen wird. Das dem Unbuntpunkt der
Normformtafel zugeordnete ideale Weiss (mit der Dunkelstufe D = 0) würde eine
Körperoberfläche aufweisen, die sichtbares Licht jeder Wellenlänge
vollständig reflektiert und dabei möglichst vollkommen streut. Als Weiss werden
aber noch die Körperfarben von Oberflächen mit einem Reflexions- bzw. einem
Remissionsgrad in allen Spektralbereichen empfunden: Weisses Schreibpapier hat einen
Reflexionsgrad von etwa 0,7 bis 0,8, frisch gefallener Schnee einen solchen von 0,8. Neben
Kreide-, Lilien- und Schneeweiss gehören zu den Weissfarben u.a. das
gesättigtere Milchweiss, das silberig-cremestichige Perlweiss und das Atlasweiss mit
schwach gelblichem Stich (Weisspigmente). In der Farbensymbolik bezeichnet Weiss das Reine
und Vornehme; bei vielen Völkern ist Weiss die Farbe des kultischen Kleides und
Symbol der Unschuld, Jungfräulichkeit und Keuschheit; auch Trauerfarbe. Als
Symbolfarbe wurde Weiss von verschiedenen politischen Gruppen verwendet, die eine
hergebrachte und 'legitime' monarchische Ordnung verteidigten und Träger von
Gegenrevolutionen waren.»
Manche Firmen bieten bis zu zwanzig Farbtöne für Hellhäutige an...
Die Kosmetikindustrie hat sich der weissen Hautfarbe wie keiner anderen angenommen. Manche
Firmen bieten bis zu zwanzig Farbtöne für Hellhäutige an. Dabei gibt es -
zumindest in Europa - mehr Variationen als beispielsweise für Schwarze. Für sie
steht je nach Marke gerade mal ein einziger Farbton zur Verfügung: Die eine Firma
stellt das diskrete 2008 zur Verfügung, eine andere spicy und eine dritte
schliesslich unterscheidet immerhin nach kaltem und warmem Hauttyp: matte Bronze oder
warme Bronze. Die Farbbezeichnungen für «Weiss» lauten porcelaine, beige,
clair, naturel, vanille, alabaster, wheat, pearl, suntan, ivory, und so weiter und so
fort, jeweils mit Dunkel- und Hellabstufungen variiert - eine reiche Palette für die
Hautfarbe «Weiss». Weiss ist eine Farbe. Das war ja eigentlich schon immer
klar. Das belegt auch der neueste Trend, der die weisse Hautfarbe zur Modefarbe
erklärt hat. Nachdem die Blässe in den Neunzigerjahren wieder salonfähig
wurde, war es nur noch ein kleiner Schritt, skin und nude zum letzten Schrei zu machen.
Perlweiss, schneeweiss, blendend weiss, signalweiss, blütenweiss, reines Weiss,
eierschalenweiss, elfenbeinweiss, kreideweiss, zahnpastaweiss, lilienweiss, milchweiss,
atlasweiss, crèmeweiss, silberweiss. Noch immer jedoch gibt es keine Farbstifte
für hautfarbenweiss. Darüber hat sich auch ihre hellhäutige Tochter schon
geärgert.
Postscriptum
«Weiss» ist eine Farbe. Und zwar nicht irgendeine. Mit dieser Tatsache haben
sich in jüngerer Zeit, vornehmlich in den Vereinigten Staaten und Australien,
Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler auf akademischer Ebene auseinander
gesetzt. Sie stellen fest, dass die Hautfarbe «weiss» nicht einfach neutral
ist. Sie ist nicht die simple Umkehrung aller anderen Hautfarben, die unsinnigerweise
unter dem Stichwort «farbig» zusammengefasst werden. Die Hautfarbe
«weiss» ist als Denkmodell Teil eines gesellschaftlichen Diskurses, genauso
wie dies vor Jahren für «schwarz» oder «farbig» festgehalten
wurde.ô
Mit dem Hinweis auf die soziale Konstruktion von «schwarz» bzw.
«farbig» ist die Relativierung scheinbar feststehender Kategorien und der
ihnen zugeordneten Eigenschaften angesprochen. «Schwarz» und
«farbig» sind Konstrukte herrschaftlichen Denkens, die als Legitimation
benötigt und hergestellt wurden, um die so definierten Menschengruppen zu
unterwerfen, zu zähmen, zu diskriminieren. Die «Bürde des weissen
Mannes» war es, im Rahmen seines «Zivilisationsauftrages» alles
Andersartige in Abgrenzung von sich und seinem «hoch stehenden
Entwicklungsstand» zu definieren, für seine Zwecke und für das
«Wohl» der Betreffenden herzurichten, es in Ghettos zu verbannen und - wenn es
ihm notwendig und dienlich erschien - es auszumerzen.
Die Aufdeckung der sozialen Kon- struktion von «schwarz» und
«farbig» öffnete den Blick auf die Macht gesellschaftlicher Diskurse und
deren verheerende Wirkung. Dass die Wissenschaft als Mitverantwortliche an der
Diskriminierung und Marginalisierung der «Anderen» anzusehen ist, gilt heute
als unbestritten. Ausserhalb des Fokus blieb hingegen diejenige Kategorie von Menschen,
welche die «Anderen» ausgrenz(t)en: «die Weissen». Dass das
Gegenstück zu den «Schwarzen» und «Farbigen» demselben
Denkmuster unterlag und nicht als «neutral» zu betrachten ist, entging
zunächst den Argusaugen kritischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. In der
Zwischenzeit haben sich jedoch einige von ihnen die Aufgabe gestellt, die Farbenblindheit
bezüglich der «Weissen» zum Gegenstand einer kritischen Analyse über
Herrschaft und Gewaltausübung zu machen. Die (Selbst-) Reflexion kam zum Schluss,
dass «Weisse» nicht länger automatisch und unreflektiert als Mass aller
Dinge gelten sollen und können.
Darüber hinaus - das hat Toni Morrison als eine der Wortführerinnen in ihrem
viel beachteten Essay «Im Dunkeln spielen» nachgewiesen - ist die
«weisse Rasse» in ihrem Herrschaftsdenken und ihrem Herrschaftsdiskurs darauf
angewiesen, bewusst oder unbewusst auf die «Anderen», die Geknechteten und
Sprachlosen, Bezug zu nehmen. Morrison betont, es gehe nicht darum zu zeigen, dass
Rassismus ein «natürliches, wenn auch ärgerliches Phänomen»
ist, sondern dass «Weissheit» gar nicht existieren könnte ohne den
Gegenpart des «Schwarzen». In ihrer Untersuchung über die literarische
Imagination US-amerikanischer Autorinnen und Autoren zeigt sie, dass alles, was als nicht
weiss, nicht rein, nicht rational verstanden wird, schwarzen Figuren in den Mund oder in
den Körper gelegt wird. Das Ungeheuerliche, Unheimliche und Wilde, das so gar nicht
zur Vorstellung von «weiss» passt, wird den «Schwarzen»
übertragen. Obwohl offiziell unsichtbar gemacht und selbst von den für
gesellschaftliche Verhältnisse sensiblen Schriftstellern/-innen fast völlig
ignoriert, sind die «Schwarzen» dadurch, dass sie für die
Selbstdarstellung des weissen Egos benötigt werden, in ihren Werken
allgegenwärtig. Übertragen auf europäische Verhältnisse, könnte
ein analoges Verhalten der Europäer/innen gegenüber den hiesigen
«Anderen», den Juden, den Fahrenden, den Fremden, vermutet werden:
«Weisse» brauchen «Schwar- ze» für ihr
Selbstverständnis.ô
Die Aufdeckung der sozialen Kon- struktion der Hautfarbe «Weiss»
holte nicht nur - so Ruth Frankenberg - «Whiteness» aus der vorgegebenen
Unschuld und dem angeblich apolitischen Zustand heraus. Sie weist auch darauf hin, dass
mit «Weissheit» Eigenschaften assoziiert werden, die paradoxerweise auf
«Weisse» sowohl zutreffen wie auch deren individuelle Situation
vollständig verkennen (können). Denn «Weisse» sind ja nicht nur
mächtig, sondern auch der Macht ausgeliefert; nicht nur reich, auch arm; nicht nur
erfolgreich, auch gescheitert; nicht nur rational, auch irrational; nicht nur
männlich, auch weiblich, und so weiter. Die Zuordnung von Menschen zur «Rasse
der Weissen» wirkt somit sowohl gegen aussen wie gegen innen ausgrenzend. Gegen
aussen, weil damit Normen und Werthaltungen gesetzt werden, an welchen man
«Nicht-weisse» misst, bewertet, unterscheidet. Und gegen innen, weil
zahl- reiche Existenzen und Lebensentwürfe von «Weissen», die
von der Norm des «reichen weissen Mannes» abweichen, negiert werden.
«Weiss» ist somit als ebenso vielschichtig, sprich genauso
«farbig» zu verstehen wie jede andere Hautfarbe auch. Dass die weisse
Hautfarbe - vorläufig jedenfalls noch - gleichzeitig auch für die Norm steht,
dessen müssen sich deren Trägerinnen und Träger bewusst sein.
Zusammenfassung
Ist «Weiss» eine Hautfarbe? Wie fühlt man sich als «Weisse»?
Was bedeutet es, eine Hautfarbe zu besitzen, die eigentlich gar nicht als
«Farbe» gilt? Die Autorin reflektiert anhand von eigenen Erfahrungen ihr
Verhältnis zur Hautfarbe «Weiss». Es ist eine persönliche
Annäherung an jenen Hauttypus, der im Gegensatz zu demjenigen der
«Farbigen» als «neutral» und «farblos» verstanden
wird.
In einem Nachspann wird auf neuere sozialwissenschaftliche Ansätze eingegangen,
welche die vorgebliche politische und gesellschaftliche Neutralität der
«Weissheit» (Whiteness) demontieren (Ruth Frankenberg) und darüber hinaus
aufzeigen, dass für das Selbstverständnis des «weissen» Egos
«Schwarze» benötigt werden (Toni Morrison).
Literatur
Frankenberg, Ruth 1993
White Women, Race Matters. The Social Construction of Whiteness. Minneapolis: University
of Minneapolis Press.
Frankenberg, Ruth 1996
«Weisse Frauen, Feminismus und die Herausforderung des Antirassismus.» In:
Fuchs, Brigitte Gabriele Habinger: Rassismen und Feminismen. Differenzen,
Machtverhältnisse und Solidarität zwischen Frauen. Wien: Promedia, S. 51-66.
Frankenberg, Ruth (ed.) 1997
Displacing Whiteness. Essays in Social and Cultural Criticism. Durham and London: Duke
University Press.
Hage, Ghassan 1998
White Nation. Fantasies of White Supremacy in a Multicultural Society. Annandale: Pluto
Press Australia.
Melber, Henning 1992
Der Weissheit letzter Schluss. Rassismus und kolonialer Blick. Frankfurt a.M.: Brandes
& Apsel.
Morrison, Toni 1994
Im Dunkeln spielen. Weisse Kultur und literarische Imagination. Essays. Reinbek: Rowohlt.
Nakayama, Thomas K. and Martin, Judith N. (ed.) 1999
Whiteness: The Communication of Social Identity. Thousand Oaks, London and New Delhi:
Sage.
Quelle: Tangram, Bulletin der eidg. Kommission gegen Rassismus, Nr. 8, März 2000. Zu
beziehen: EDMZ, 3003 Bern
Zur Autorin
Simone Prodolliet, Ethnologin, Dr. phil. I, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der
Eidgenössischen Ausländerkommission (EKA). Herausgeberin des Sammelbandes
Blickwechsel. Die multikulturelle Schweiz an der Schwelle zum 21. Jahrhundert Luzern 1998.
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