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 Religiöse Überzeugungen haben im Verlauf der Menschheitsgeschichte immer wieder
zu Missverständnissen, Krisen, Konflikten, Kriegen geführt. Religion beeinflusst
die Gesellschaft auf vielfältigste Art und Weise.
Von Regierungsrat Peter Schmid, Vorsteher der Erziehungs- und Kulturdirektion des Kantons
Basel-Landschaft
Fremdes Brauchtum scheint uns dann besonders ungewöhnlich, wenn der religiöse
Hintergrund unbekannt ist...
Die heute mehr oder weniger freiwillig oder durch Katastrophen hervorgerufene weltweite
Mobilität führt bei uns zu zunehmenden Begegnungen mit verschiedenen
Weltreligionen. In Westeuropa und damit auch bei uns wird die gesellschaftspolitische
Bedeutung der Religion in zunehmendem Masse als gering eingestuft. Vor diesem Hintergrund
- so scheint mir - gerät die Beurteilung der Religionen in eine Schieflage. Auch
Menschen, die keine einzige Religion echt kennen, erlauben sich dennoch ein Werturteil,
vorwiegend über Religionen, die in anderen Teilen der Welt stärker verbreitet
sind als bei uns. Angehörige der schweizerischen Landeskirchen, die selber ihr
eigenes Leben sehr kirchenfern gestalten, halten Menschen aus andern Ländern für
grundsätzlich frommer und dadurch auf unbestimmte Weise für bedrohlicher.
Angehörige der christlichen Kirchen neigen bei uns nicht selten zu einer wenig
differenzierten Betrachtungsweise, die zu einem unbedachten Werturteil führt, sei
dies auf idealisierende oder allzu negative Weise.
Nicht nur unterscheiden sich die Weltreligionen als Ganzes beachtlich, auch innerhalb der
einzelnen Glaubensausrichtungen gibt es beachtliche Unterschiede, deshalb sind
Einheitsaussagen über ganze Weltreligionen äusserst problematisch. Das weite
Feld lässt sich in einem kurzen Beitrag nicht ausreichend nachzeichnen.
Die gegenwärtige Situation der traditionellen Religionszugehörigkeit in
Westeuropa wird allzu rasch als für weite Teile der Welt gültig beurteilt.
Grosszügige Menschen, die sich selber als religionsfern verstehen, meinen nicht
selten, mit etwas Toleranz sei der Sache schon beizukommen. So einfach liegen die Dinge
nicht. Religionen beeinflussen auf vielfältige Weise eine Gesellschaft, und dies auch
dann, wenn die praktische Ausübung einer Religion wirklich oder nur scheinbar
zurückgeht. Religion beeinflusst Werthaltungen und damit auch politische Meinungen
nachhaltig, sie wirkt in Redewendungen, im Brauchtum, im Jahreslauf, in
Ernährungsgewohnheiten nach. Diese erscheinen dann als besonders fremd, wenn der
religiöse Hintergrund kaum mehr jemandem bekannt ist.
Besonders monotheistische Religionen, das heisst der Glaube an einen einzigen Gott, tragen
ein Grundproblem in sich, das nicht einfach übergangen werden darf. Je klarer die
Gottesvorstellung ist, je dichter das religiöse Regelwerk ausgestaltet ist, umso
stärker stehen die verschiedenen Religionen in Konkurrenz gegeneinander. Im besten
Fall schlummert hier ein Konfliktpotenzial, im schlimmsten Fall kommt es zum offenen und
gewaltsamen Konflikt. Die Beurteilung ist häufig nicht frei von Widersprüchen.
So verzichtet das Judentum auf eine Missionstätigkeit, wird jedoch seltsamerweise
dennoch als besonders machtbewusst eingestuft.
Die einst erhoffte Überwindung der Religion durch politisch erwirkte Gerechtigkeit
ist nicht eingetreten. Aus den Trümmern der zerbrochenen politischen Systeme in
Osteuropa tauchen beispielsweise die religiösen Bedürfnisse in alter Frische
auf, oftmals in reichlich konservierter und somit konservativer Form. Gleichzeitig dringen
die Weltreligionen gegenwärtig vor allem in einer besonderen Ausgestaltung - dem
Fundamentalismus - in unser Bewusstsein. Verbinden sich religiöse und weltliche
Machtansprüche, so entstand in der Vergangenheit und entsteht in der Gegenwart selten
und nie Gutes. Es besteht ein Zusammenhang zwischen Nationalismus und religiösem
Fundamentalismus und der Bereitschaft zu Gewaltanwendung. Es gibt deshalb gute und
zwingende Gründe, um auch Religionen, eigene und fremde, kritisch zu betrachten. Auf
Initiative des Schweizer Theologen Hans Küng unternahm 1993 in Chicago das
«Parlament der Weltreligionen» den Versuch, Beurteilungsmassstäbe zu
entwickeln. Diese Versammlung verabschiedete in einer Erklärung vier
Grundverpflichtungen. Das Ziel dieser Erklärung war nicht die Bildung einer
Einheitsreligion, sondern die Suche nach Beurteilungskriterien. Die vier Verpflichtungen
lauten:
- Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben.
- Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung.
- Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit.
- Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und der Partnerschaft von Frau und
Mann.
Aus meiner Sicht bieten diese vier Grundverpflichtungen ein mögliches Raster zur
Beurteilung der Religionen.
Verfassungsmässig garantiert unser Staatswesen die Religionsfreiheit. Somit
schützt der Rechtsstaat im Rahmen der Religionsfreiheit drei Dinge:
die Religionsausübung, den Religionswechsel und den Religionsverzicht. Im Rahmen
dieser garantierten Religionsfreiheit ist meines Erachtens ein demokratisch gewolltes
Anknüpfen an die jüdisch-christliche Überlieferung bei der Ausgestaltung
unseres Staatswesens zulässig. Allerdings: Ein Baugesuch für eine Moschee ist
ausschliesslich unter dem Gesichtspunkt der gültigen Baugesetzgebung zu beurteilen.
In einer Gesellschaft, die viele unterschiedliche Religionszugehörigkeiten kennt,
wäre eigentlich das Gespräch über, mit und zwischen den verschiedenen
Religionen sehr wichtig. Diese Notwendigkeit steht für mich in einem seltsamen
Gegensatz zur merkwürdig weit verbreiteten Sprachlosigkeit in religiösen Dingen.
Ich halte deshalb den fachlich fundierten religionskundlichen Unterricht an unseren
Schulen für wichtig. Der Verzicht auf solche Unterrichtsinhalte ist nichts weniger
als ein teilweiser Kulturverzicht!
Im Gespräch unter den verschiedenen Religionen ist es meiner Meinung nach sehr
wichtig, die Unterschiede klar zu benennen, diese zu akzeptieren und sich über
entdeckte Gemeinsamkeiten zu freuen.
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