Auf dem Weg zur multikulturellen Gesellschaft

Integration ist die beste Prophylaxe gegen Rassismus. So zeigts jedenfalls der Vergleich von vier Agglomerationsgemeinden. Was sich am runden Tisch ebenfalls zeigt, ist, dass sich die Struktur der traditionellen Arbeitergemeinden wie Pratteln und Reinach stark von den Stadtgemeinden wie Riehen und Bettingen unterscheidet. Vier Gemeinden im Gespräch.


Wie ist die Bevölkerungsstruktur in Ihrer Gemeinde, hat es viele Völkergruppen?

Eva Ruetschi, Reinach

Eva Ruetschi, Reinach: Reinach hat zurzeit etwa 18 600 Einwohner/innen. Rund 16% sind Ausländer/innen. Die Ausländer/innen sind Angehörige von 91 Nationen.

Peter Nyikos, Bettingen

Peter Nyikos, Bettingen: Der grösste Anteil an Ausländern in Bettingen ist aus Deutschland, vereinzelt sind jedoch noch folgende Länder vertreten: Grossbritannien, Amerika, Russland, Italien, Bulgarien, Dänemark,  Ungarn und Japan sowie ca. 20 Personen aus anderen Ländern.

Denise Stöckli, Pratteln

Denise Stöckli, Pratteln: Pratteln hat 16 000 Einwohner und bietet 10 000 Arbeitsplätze. Traditionell ist die Gemeinde ein Arbeiterdorf. Die Struktur hat sich gewandelt von Italienern, Portugiesen hin zu Türken und Menschen aus dem jugoslawischen Raum. Der Ausländeranteil beträgt 36,6 Prozent. Er ist seit dem Jahr 2000 nicht wesentlich angestiegen. Das ist alles historisch gewachsen. Im Vergleich zu anderen Gemeinden, wie etwa Muttenz, spielt es in Pratteln auch eine Rolle, dass in den 70er-Jahren die Längi als Trabantenstadt gebaut wurde. Dort hat es eine Mehrheit von fremdsprachigen Leuten, in den Schulen sind dort fast 80 Prozent Ausländerkinder.

Michael Raith, Riehen

Michael Raith, Riehen: Der Anteil von Ausländerinnen und Ausländern an der Bevölkerung der Gemeinde Riehen betrug im Jahr 2000 13,1 Prozent, was 2689 Personen entspricht. Von diesen sind 34,7 Prozent Deutsche (933). 16,1 Prozent, also 432 Personen, stammen aus Italien. 239 Leute aus dem ehemaligen Jugoslawien (8,9 Prozent). 7,5 Prozent, also 202 Menschen, kommen aus der Türkei und mit einem Anteil von 3,9 Prozent kommen 106 Leute aus Grossbritannien. Insgesamt leben 85 Nationen in Riehen.

Wie wird sich das weiterentwickeln, wie schätzt dies der Gemeinderat ein?
Eva Ruetschi: Nachdem nun die ISB (Internationale Schule) bei uns Wohnsitz genommen hat - sie ist uns sehr willkommen -, rechnen wir allenfalls mit einer Zunahme der ausländischen Bevölkerung. Wir denken auch, wenn wir die Regio Basiliensis als Wirtschaftsstandort stärken und fördern wollen, müssen wir auch bereit sein, ausländische Arbeitskräfte bei uns willkommen zu heissen.
Peter Nyikos: Es sind in Bettingen zurzeit ein paar Einfamilienhäuser im Bau, dort ist bestimmt auch mit Zuzügern ausländischer Nationalität zu rechnen. Ansonsten gibt es in Bettingen relativ wenige Zu- bzw. Wegzüge, somit ist mit keinen grossen Veränderungen zu rechnen.
Denise Stöckli: Ich habe die Kommission für Integration und Förderung des kulturellen Austauschs wieder zum Leben erweckt, da Pratteln diese schon lange hatte. Ein Ziel ist sicherlich, die Quartiere aufzuwerten, um so eine bessere Durchmischung in den Quartieren zu erreichen. Daneben wollen wir die Bildung fördern. Schon jetzt werden in den Schulen die Ausländerkinder doppelt gezählt. So entsteht das Potenzial, diese besser zu fördern. Auf jeden Fall sind die Bemühungen in der Gemeinde da, so konnte unlängst ein Grünstreifen bei der Längi realisiert werden. Ebenso beginnen die Massnahmen zur Verkehrsberuhigung zu greifen. Grosse Hoffnung setzen wir auf die Schulen, also auf die Kinder, und auf die Vereine, die in Pratteln jetzt schon eine sehr gute Arbeit zur Integration leisten.
Michael Raith: Globalisierungstrends im Allgemeinen und etwa die bilateralen Verträge im Besonderen werden zu einer weiteren Zunahme des ausländischen Bevölkerungsanteils führen. Dies ist eine persönliche Einschätzung.

Wie sehen Sie es persönlich, gibt es in Ihrer Gemeinde Rassismus?
Eva Ruetschi: Ich bin mir nicht so ganz klar, was Sie unter «Rassismus» verstehen. Ich habe noch nie - auch nur ansatzweise - etwas von Antisemitismus gespürt. Vermutlich ist aber auch die Reinacher Bevölkerung nicht anders als andere Einwohnerschaften auch: «Fremde» machen uns - wenn sie in grosser Zahl auftreten - Angst. Wir kennen sie nicht, können sie auch nicht einschätzen. Sie bringen eine andere Kultur etc. Ich spreche bewusst von der Reinacher Bevölkerung und meine damit alle Personen, die hier Wohnsitz haben.
Peter Nyikos: Dem Gemeinderat ist nichts bekannt.
Denise Stöckli: Rassistisches Gedankengut ist unterwegs, das äussert sich in kleinen Sachen. Ich bekam etwa einen anonymen Brief, als wir bekannt gaben, dass wir zusammen mit den Landeskirchen einen Teil des Friedhofes für Muslime ausscheiden würden. Ich habe auch schon Hakenkreuze gesehen. Es gibt im Oberbaselbiet bekanntermassen solche Gruppierungen. Wir sollten das anpacken und vor allem ernst nehmen.
Michael Raith: Es gab einmal ein Treffen rechtsextremer Jugendlicher auf Gemeindegebiet. Das gehört der Vergangenheit an. Ein sich öffentlich akzentuierender Rassismus ist mir nie begegnet.

Können Sie uns die Stimmung in der Gemeinde beschreiben?
Eva Ruetschi: Reinach ist in den Jahren zwischen 1950 und 1980 enorm gewachsen, nämlich von ca. 3000 auf ca. 18000 Personen. Ein beachtlicher Teil der zugezogenen Bevölkerung sind Ausländer und Ausländerinnen, die bei den chemischen Industrien arbeiten oder gearbeitet haben. Viele davon sind in der Zwischenzeit Reinacher Bürger/ innen geworden. Böse Zungen behaupten, an der Reinacher Bürgerversammlung müsse Schriftdeutsch gesprochen werden, weil sonst ein Teil der Anwesenden der Diskussion nicht folgen könne. Reinach ist also «Ausländer gewohnt», und ich habe nie gehört, dass es gegen die Mitbewohner/innen irgendwelche Vorbehalte gibt. Viele davon sind ja auch recht bekannt. Ich denke an Peter Rogge u.a. Daneben gibt es eben die «Fremden», insbesondere die Asylbewerber/innen. Wir haben - so denke ich - eine Zahl, die verkraftbar ist. Ich bin überzeugt, dass es hier in Reinach keine «aktiven Fremdenhasser» gibt. Jedenfalls sind sie nicht spürbar. Aber - und das entnehme ich gelegentlichen Gesprächen - auch in unserer Einwohnerschaft gibt es viele Stimmen, die die Ausländerpolitik des Bundes kritisieren und finden, man sollte besser schauen, wer in die Schweiz kommt.
Schliesslich noch eine Bemerkung: Reinach ist eine klassische Mittelstandsgemeinde. Wir haben sehr viele Einfamilienhäuser für den oberen und unteren Mittelstand. Die Bevölkerungsstruktur ist also nicht vergleichbar mit Pratteln, gewissen Quartieren in Muttenz oder gar mit  dem Kleinbasel. Mit anderen Worten: Das Ausländer-(Fremden-)Problem wird oft zum sozialen Problem, weil Schweizer/innen in direkter Nachbarschaft mit Fremden wohnen und ihre (anderen) Lebensgewohnheiten direkt und hautnah zu spüren bekommen. Ihre Kinder gehen in Schulen, wo die Mehrheit der Kinder fremdsprachig ist. Solche Situationen gibt es in Reinach kaum.
Peter Nyikos: Es sind in der Gemeinde keine Probleme in dieser Richtung feststellbar.
Denise Stöckli: In Pratteln wird der Dorfkern vor allem von Schweizern bewohnt, während die Ausländer eher am Rande des Ortes wohnen. Beide Seiten bleiben unter sich. Ich persönlich suche einen Kontakt zu anderen Kulturen. Doch die Mehrheit  bleibt wohl unter sich. Das hat vielleicht auch religiöse Gründe. Und diese machen vielleicht vielen Schweizern Angst.
Michael Raith: Die Gemeinde Riehen hat kein Ausländerproblem. Auch die hier wohnenden Asylsuchenden verursachen keine Schwierigkeiten. Die Bevölkerung Riehens ist weltoffen und tolerant. Einzelne Bemerkungen über Kopftücher oder Gegenstimmen bei Einbürgerungen ändern daran nichts.

Was kann man tun, um Rassismus in einer Gemeinde zu vermeiden?
Eva Ruetschi: Ich denke, wenn ich ein Rezept wüsste, würde man mich im kommenden Jahr für den Nobelpreis vorschlagen. Darum nur ein paar Stichwörter. Ich denke, man muss die Zahl der «fremden Ausländer/innen» so halten, dass es für die Schweizer/innen verkraftbar ist, d.h., dass eine Integration überhaupt möglich ist. Wir sollten alles tun, um die Integration zu erleichtern und zu fördern. Vor allem der jungen Leute. Und wir sollten verhindern, dass es Ghettos gibt. Das ist schlecht für die Integration, und es macht, wie bereits erwähnt, das Fremdenproblem zum sozialen Problem, d.h., nur die unterste soziale Schicht trägt die ganzen Lasten, während der Mittelstand und die Oberschicht die «Fremden» fast ignorieren können. Denn diese leben weder im Gellert noch am Reinacher Rebberg, arbeiten nicht als Manager oder Arzt und besuchen weder Gymnasium noch Technikum.
Peter Nyikos: Infos bzw. kultureller Gedankenaustausch an sozialen Anlässen. Die Ausländer werden auch immer an die Gemeindeversammlung eingeladen und dürfen mitreden, jedoch nicht abstimmen.
Denise Stöckli: Ganz vermeiden kann man Rassismus wohl nicht. Aber man kann einiges verbessern und versuchen, das Verständnis für die Kulturen zu wecken. Ein Beispiel ist in Pratteln das «Mitenand-Fest», das den kulturellen Austausch in der Gemeinde fördert.
Michael Raith: Integration bietet die erfolgreichste Rassismusprophylaxe. Die Gemeinde fördert auf verschiedenen Ebenen Deutschkurse und andere kulturelle Integrationsprojekte, verschiedene Gruppen umfassende Sportarbeit unter Jugendlichen, einen «table ronde» - als Austauschforum und so weiter. Auch wer keinen Schweizer Pass besitzt, wird zur Jungbürgerfeier eingeladen. Im Übrigen sorgt der Alltag und die Nichtexistenz irgendwelcher Ghettos für eine natürliche Integration. Mehr tun lässt sich noch im kulturellen und informellen Bereich. Wobei es manchmal paradox wirkt, wenn die einheimische Bevölkerung, der die Kenntnis über die eigenen Wurzeln abhanden gekommen ist, über die Wurzeln der anderen aufgeklärt werden soll...

Gibt es längerfristig Pläne, um weiter zwischen den Kulturen zu vermitteln?
Eva Ruetschi: Wir versuchen eigentlich permanent, die ausländische Bevölkerung in unser Denken und Planen einzubeziehen. Zum Beispiel verschicken wir Umfragen heute mehrsprachig. Wir haben auch schon daran gedacht, einen besonderen Neuzuzügerapéro für Englisch Sprechende zu veranstalten. Unsere 1.-August-Feier feiern wir bewusst mit unserer ausländischen Bevölkerung, die an Ständen Essen aus ihrer Heimat anbietet. Auch an die Jungbürgerfeier laden wir alle 18-Jährigen ein. Wir fördern und unterstützen auch diejenigen Jugendvereine, die zur Integration beitragen; zum Beispiel den FC Reinach (mit etwa Fr. 150 000.- pro Jahr), der sehr viele ausländische Jugendliche aufnimmt und über das gemeinsame Spiel auch integriert. Etc. etc.
Peter Nyikos: Keine, da zur Zeit kein Bedarf.
Denise Stöckli: Wir versuchen, die Vereine aktiv zu unterstützen, da beim Sport meist viele Kulturen zusammenkommen. Dazu fördern wir
so genannte Integrationsklassen. Darüber hinaus muss man die Anliegen aller ernst nehmen auf dem Weg zur multikulturellen Gesellschaft.
Michael Raith: Es gibt solche Pläne. Dieser Tage wurde beispielsweise ein Projekt «Deutsch-Integrationskurs für ausländische Familienfrauen» mit einem Kostendach von Fr. 25 000.- vom Gemeinderat bewilligt.

Ist die Identität Ihrer Gemeinde stark, wie gross ist die Toleranz Fremden gegenüber?
Eva Ruetschi: Reinach hat als Wachstumsgemeinde keine starke Identität. Dort, wo sie besteht - und der Gemeinderat versucht mit verschiedenen Massnahmen und Aktivitäten, Identität, sprich Heimatgefühl, zu schaffen -, ist die ausländische Wohnbevölkerung teil davon.Michael Raith:  Wer sich der echten Stärke der eigenen Identität bewusst ist, kann umso toleranter sein. Die Verhältnisse in Riehen selbst führen kaum zu Diskussionen. Aber das Kleinbasel ist nah. Wie es mit der Akzeptanz des kantonalen Integrationsleitbildes bestellt ist, vermag ich nicht zu beurteilen.
Denise Stöckli: Einen Weg, eine Identität für den kulturellen Austausch zu pflegen, sehen wir darin, das Kinderprojekt des roten Kreuzes «Mitten unter Euch» voranzutreiben. Hier besuchen Kinder aus verschiedenen Kulturen einander gegenseitig.
Das hilft, langfristig Angst abzubauen.  Unterdessen haben wir das Projekt beim Kanton eingereicht und hoffen auf die Finanzierung einer 20-Prozent-Stelle einer Sozialarbeiterin zur Organisation und Koordination und schliesslich zum Schreiben des Berichts, der zur Auswertung nach zwei Jahren dienen soll.
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