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 Ein Gespräch mit Julia Morais und Thomas Kessler, den Migrationsbeauftragten der
Kantone Basel-Landschaft und Basel-Stadt, über die Strukturen und Strategien der
Migrationsdienste.
Wenn es um Migrationsfragen geht, kann eine Amtsstelle alleine ja oft nicht viel
ausrichten, hier müssen Synergien geschaffen werden - wie wurde diesbezüglich in
den letzten Jahren in Basel-Stadt und Baselland vorgegangen?
Migrationsbeauftragte, Baselland
Julia Morais: Synergien wurden auf verschiedenen Ebenen geschaffen. Mit dem Bund findet
via EKA eine enge Zusammenarbeit statt, die auch darauf abzielt, dass der Zusammenfluss
von Kantons- und Bundessubventionen optimiert wird. Auf kantonaler Ebene hat die
Stabsstelle in allen Direktionen Ansprechpartner, mit denen ich je nach Fragestellung
direkt zusammenarbeite: Zum Beispiel mit der Sanitätsdirektion, wenn es um die
Thematik «Migration und Gesundheit» geht, und mit der Polizei- und
Justizdirektion, wenn das geplante Integrationsgesetz Thema ist. Ausserdem spielt
natürlich die Zusammenarbeit mit Fachstellen verschiedener Bereiche und
Migrantenvereinen eine grosse Rolle.
Migrationsbeauftragter, Basel-Stadt
Thomas Kessler: In Basel-Stadt sorgt eine schlanke Projektorganisation für die
grösstmögliche Effizienz und Effektivität der Integrationsmassnahmen (siehe
Organigramm). Darin sind die Regierung, die wichtigsten Stellen aller sieben Departemente,
eine unabhängige kleine Begleitkommission und alle staatlich unterstützten
Projekte eingebunden. Mit der zentralen Koordination durch den kantonalen Delegierten und
dem Projektcontrolling im WSD sollen namentlich Doppelspurigkeiten vermieden, Innovatives
rasch gefördert und Synergien genutzt werden. Dies gelingt eigentlich recht gut, und
durch die enge Zusammenarbeit mit Baselland bezieht sich diese fortlaufende Optimierung
auf beide Kantonsgebiete. Meine Kollegin aus Baselland ist auch Mitglied der
baselstädtischen Migrationskommission, und alle Projekte, die nicht ausdrücklich
nur auf die Stadt oder das Land bezogen sind, führen wir gemeinsam bikantonal. Diese
Kooperation ist auch für den Bund interessant, deshalb fördert er Basler
Projekte überdurchschnittlich stark.
Ist es nun in befriedigender Weise gelungen, die Gedanken aus dem Leitbild in den
amtlichen Alltag einfliessen zu lassen - wo herrscht noch Nachholbedarf?
Julia Morais: In Baselland haben wir ja auf ein eigenes Leitbild verzichtet. Die
Grundgedanken des Leitbildes, nämlich die Wahrung der Chancengleichheit, den
ressourcen-orientierten Ansatz in der Integrationsarbeit und gute (Sprach-)Bildung als
prioritäres Instrument für eine gute Integration sind natürlich auch die
Grundpfeiler der baselland-schaftlichen Integrationspolitik.
Thomas Kessler: In den amtlichen Alltag fliesst das Leitbild systematisch ein, dies wird
über das Interdepartementale Netzwerk Integration (INI) in allen sieben Departementen
sichergestellt. Dieses Einfliessen ist ein Prozess, der seit 1999 läuft und
fortlaufend an die aktuellen Bedürfnisse angepasst werden muss. Für
Verwaltungsangestellte mit viel Kontakt zur Migrationsbevölkerung wird seit diesem
Jahr ein spezielles Ausbildungsmodul angeboten, bei Bedarf werden ganze Abteilungen
instruiert und unterstützt. Nachholbedarf besteht weiterhin; namentlich im
Gesundheitswesen, bei der Polizeiarbeit, an den Schulen und im Sozialbereich sind die
Leitbildgedanken durch Information, überzeugende Führungsarbeit und durch
konkrete Unterstützung in der Alltagsarbeit noch besser umzusetzen. In der
Gesamtbevölkerung soll die Integration vor allem über die
Quartierarbeit verbessert werden.
Gerade Rassismus entsteht ja oft aus einem Wahrnehmungs-, einem Kommunikationsproblem. Wie
kann man solche Bilder in der Öffentlichkeit günstig beeinflussen, Transparenz
zwischen einheimischer und Migrationsbevölkerung schaffen?
Julia Morais: «Tatsachen gegen Vorurteile» ist natürlich ein Versuch der
Regierungen beider Basel, den Meinungsbildungsprozess in der Öffentlichkeit durch
klare Information positiv zu beeinflussen. Parallel zu dieser Kampagne führen wir in
Baselland gezielte Aktionen für Jugendliche durch. So finden zum Beispiel ab
Frühherbst 02 Ausstellungen zum Thema Migration/Integration (Wanderausstellung
«Da und fort» von Heinz Nigg) in verschiedenen Jugendhäusern statt. Die
Jugendlichen sind aufgefordert, sich mit dieser Thematik vertieft auseinander zu setzen
und eigene Beiträge zu dieser Ausstellung zu schaffen. Auch Schulen beteiligen sich.
Solche Aktionen sollen eben helfen, Vorurteile abzulegen und ein Aufeinanderzugehen der
verschiedenen Nationalitäten zu fördern.
Aber auch ein Stadtfest, wie es letzten September unter dem Motto «gemeinsam»
in Liestal stattgefunden hat, kann die öffentliche Meinung positiv beeinflussen.
Thomas Kessler: Information und Aufklärung sind die Basis, also stetige Arbeit. Die
Aufklärungsarbeit muss aber ergänzt werden durch Sinnliches, direkte Begegnungen
und Beziehungen im Alltag. Kenntnisse über die Fakten nützen wenig, wenn sie
nicht in der eigenen Erlebniswelt bestätigt werden. Und da die meisten
Verhaltensweisen emotional geprägt sind, ist der sinnliche Aspekt fast noch wichtiger
als die eigentliche Information. Gerade hartnäckige Fremdenhasser wollen ja an ihren
Vorurteilen und Projektionen festhalten, weil sie sie für die eigene
Alltagsstrukturierung brauchen. Sie werden erst davon ablassen, wenn sie für sich
ganz konkrete Vorteile der Integration spüren und persönlich Zugezogene kennen
lernen, die sie als Bereicherung und nicht als Bedrohung empfinden. Unter anderem deshalb
ist die Quartierarbeit so wichtig.
Es ist ja in den letzten beiden Jahren auf dem Migrationsfeld viel
passiert - in Baselland und Basel-Stadt -, können Sie uns die wichtigsten Neuigkeiten
erklären?
Julia Morais: In Baselland ist in den letzten beiden Jahren sozusagen die kantonale
Integrationsarbeit erst entstanden. Es wurde die Stabsstelle für Integrationsfragen
geschaffen und somit eine Struktur, die es erlaubt, nicht nur reaktiv zu handeln.
Ausserdem wurde ein Forum für Integrationsfragen einberufen. Konkret entstanden sind
in der Zwischenzeit, um einige Beispiele zu nennen, die 1-mal monatlich beim
Ausländerdienst stattfindenden Begrüssungs- und Informationsanlässe
für Neuzugezogene. Die «Connectica»-Deutschkurse für Frauen mit
integriertem Kinderhort, die bereits in vielen verschiedenen Gemeinden des Kantons
angeboten werden, und nicht zu vergessen die Schulinformationsveranstaltungen in
verschiedenen Sprachen. Diese Infoveranstaltungen finden statt, weil es sich gezeigt hat,
dass Eltern von Migrantenkindern häufig unter einem Informationsmanko, was unser
Schul- und Bildungswesen anbelangt, leiden, und wir möchten auf diese Art das
Vertrauen der betroffenen Eltern fördern und kulturell bedingte
Missverständnisse verhindern. Ausserdem gibt es neu eine bikantonale Datenbank
(integration-bsbl.ch) mit allen integrationsrelevanten Daten und eine Fachstelle
Integration beim Ausländerdienst BL. Ab Spätherbst 2002 werden in BL auch
Deutsch-Intensivkurse für Jugendliche angeboten, die auch Elemente der
Gewaltprävention enthalten. Und auf politischer Ebene wird an der Schaffung eines
Integrationsgesetzes gearbeitet.
Thomas Kessler: Allein dieses Jahr sind rund 10 neue Projekte lanciert worden. Alle
Informationen zu Integrationsfragen können jetzt über die von Frau Morais
genannte Website (integration-bsbl.ch) abgefragt werden. Neben dem Ausbau des Angebots in
den Bereichen Bildung und Sport stehen derzeit die Unterstützung und der Ausbau der
integrativen Quartierarbeit im Vordergrund. Die kantonale Integrationsstelle des PMD
schaltet in sämtlichen Quartierzeitungen in Basel-Stadt Anzeigen zur örtlichen
Zusammensetzung der Quartierbevölkerung und den Angeboten an Sprach- und
Integrationskursen; die Begrüssungsanlässe werden auf weitere Quartiere
ausgeweitet. Zudem werden einzelne Quartierprojekte direkt unterstützt, sofern sie
der wirksamen Integration dienen, wie z.B. das Kinderprojekt Bärenfelserstrasse.
Dabei wird auf den Einbezug der Einheimischen geachtet, insbesondere der benachteiligten
oder vereinsamten Menschen wie etwa ältere Personen, die sich durch die rasche
Umstrukturierung der Bevölkerung durch Zu- und Wegzüge im eigenen Quartier nicht
mehr heimisch fühlen. Das Treffpunkt-Projekt Union der Kirchen und der CMS im
ehemaligen Kirchgemeindehaus Mat- thäus ist für den gleichzeitigen
Einbezug der Einheimischen und Zugezogenen beispielhaft. Für die Quartierarbeit ist
aber grundsätzlich das Erziehungsdepartement zuständig (Roland Frank, Tel. 061
267 84 60); die Integrationsstelle PMD ergänzt und unterstützt gezielt die
integrativen Projekte.
Derzeit laufen Verhandlungen mit dem Projekt NachbarNET, das eine effiziente und
interessante Form der Nachbarschaftshilfe für Einheimische und Zugezogene
ermöglicht. In der Gesundheitsförderung planen wir ein ganz neuartiges
Erfassungsprojekt für alle Kleinkinder, das im nächsten Frühjahr
veröffentlicht werden kann.
Es wurden ja auch ganz neue amtliche Instrumentarien, Kommissionen geschaffen -
was tun diese Kommissionen?
Julia Morais: Bei uns gibt es eine regierungsrätliche Kommission, das so genannte
Forum für Integrations- und Migrationsfragen. Das Forum trifft sich im Plenum
ungefähr 5-mal im Jahr. Die 20 Kommissionsmitglieder sind in themenbezogene
Arbeitsgruppen aufgeteilt und diese arbeiten autonom.
Die Resultate dieser Arbeitsgruppen werden dann im Plenum eingebracht. Die Hauptaufgaben
des Forums beinhalten einerseits die Prüfung von Integrationsprojekten und
Antragsstellung auf finanzielle Unterstützung und andererseits das Erarbeiten
integrationsfördernder Massnahmen und Konzepte zuhanden des Regierungsrates. Auch
Stellungnahmen zu integrationsrelevanten Vernehmlassungen sind Aufgaben des Forums. Der
Präsident dieser Kommission ist alt Landrat Oskar Stöcklin.
Thomas Kessler: Unsere Migrations- und Integrationskommission hat den Auftrag, kritisch
und innovativ die ganze Integrationspolitik zu begleiten. Sie soll Lücken und
Fehlentwicklungen erkennen und eigene Impulse einbringen. Sie ist völlig
unabhängig und kann die Ide-en über Regierungsrat Jörg Schild (Vorsitz)
direkt in die Regierung und Verwaltung einspeisen. Sie setzt sich aus maximal zehn
Fachleuten mit Migrationserfahrung zusammen, dabei wurde auf eine ausgewogene Verteilung
der Geschlechter, der Altersgruppen, der Quartiere und des religiös-kulturellen
Hintergrunds geachtet. In der Praxis bewährt sich dieses Gremium: Ohne Rücksicht
auf irgendwelche Interessenbindungen wird die Politik reflektiert und Neues eingebracht.
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Die regierungsrätliche Delegation Integration wiederum leitet strategisch die Arbeit
des Interdepartementalen Netzwerks Integration (INI), in dem bekanntlich alle Departemente
vertreten sind und das 40 Projekte koordiniert (siehe Or-ganigramm). Der kantonale
Delegierte ist für die gesamte Koordination zuständig und pflegt auch die
Kontakte zu den ausserstaatlichen Partnern.
Wie bewerten Sie die Zusammenarbeit zwischen Baselland und Basel-Stadt in Sachen
Migration?
Julia Morais: Die Zusammenarbeit läuft sehr gut. Wo es Sinn macht, planen und
finanzieren wir Projekte bikantonal. Unsere gemeinsame Kampagne «Tatsachen gegen
Vorurteile» ist ja ein gutes Beispiel für ein solches Projekt. Weitere
gemeinsame Projekte sind Streit.los (Konfliktmediation in den Quartieren, Hotline: Tel.
061 317 66 70) und die Vernetzung von ALD mit GGG zu einem Kompetenzzentrum. Die seit dem
13.6.02 laufende Islamausstellung im Unternehmen Mitte in BS ist auch mit der
Unterstützung beider Integrationsstellen organisiert worden. Für die Zukunft
sind weitere gemeinsame Projekte in Planung.ô
Thomas Kessler: Die Zusammenarbeit ist nicht nur aus der eigenen Optik, sondern auch aus
Sicht externer Beobachter, wie etwa den Bundesbehörden, ausgezeichnet. Dazu
gehört auch der konstruktive Umgang mit allfälligen Differenzen. Wir haben
vergleichsweise weniger Koordinationsprobleme als grosse Kan- tone, die nicht selten unter
gegensätzlichen Strategien von Regionen, dem Hinterland und der Hauptstadt leiden.
Wir führen viele Projekte gemeinsam, inklusive der Vorarbeiten für kantonale
Integrationsgesetze.
Was sind nun die nächsten wichtigen Ziele?
Julia Morais: Als eine sehr wichtige Aufgabe erachte ich in der Integrationsthematik,
Formen der Zusammenarbeit und Koordination zwischen Kanton und Gemeinden gemeinsam zu
entwickeln oder auch zu verbessern. Das Ziel ist die optimale Ausgestaltung von Projekten
auf Gemeindeebene sowie die verstärkte Ausnutzung bestehender, auch kleinerer
Projekte, auch über die jeweilige Gemeindegrenzen hinweg. Hier gilt es, Synergien zu
nutzen!
Thomas Kessler: Die Integration ist ein Gewinn für alle, Einheimische und Zugezogene,
und muss noch besser so wahrgenommen werden. Die Massnahmen müssen früh und
spürbar greifen, schon bei der Ankunft durch Information, den Integrationskursen, der
Kleinkinderbetreuung, der Quartieraufwertung, der Sicherung der Schulqualität und der
verbesserten Nachbarschaftshilfe.
Das Ziel ist, die Wirkung der Integrationsmassnahmen durch fortlaufende Optimierung
messbar weiter zu verbessern. Innovative Projekte sollen diesen Prozess beschleunigen, die
Integrationspolitik soll Impulse geben für eine prosperierende Kantonsentwicklung. Im
aktualisierten Politikplan der Regierung sind die entsprechenden Ziele und Massnahmen
festgehalten (erhältlich bei der Staatskanzlei Basel-Stadt).
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