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 Cacau ist ein Star. Der brasilianische Fussballer bereichert die deutsche Bundesliga.
Seine Fans bewundern ihn. Als Cacau noch Claudio hiess, sah die Welt für ihn noch
sehr anders aus.
Profi-Fussball: Die Ellbogenmentalität der kühlen Geschäftswelt wird im
Wettkampf reproduziert. Keystone
«Nürnbergs Aufschwung hat einen Namen», titelte die Neue Zürcher
Zeitung vom 26.2.02. Der Star heisst Cacau, ein begnadeter Fussballer. Er ist vom
Feierabendkicker zum begehrten Spekulationsobjekt avanciert und soll nun den Club vor dem
Abstieg in die zweite Bundesliga retten. Auf dem Transfermarkt jagen sich die Angebote.
Leverkusen, Stuttgart und Herta BSC bieten viel Geld für Cacau, der aus der
Versenkung kommt. Sein Beispiel zeigt die Nähe von Ablehnung und Bewunderung. Es
wirft auch die Frage auf, was zu tun ist, um den alltäglichen Rassismus abzubauen.
Ca-ca-u
In São Paulo verkaufte Claudio Jeronimo Beretto einst Getränkedosen.
Später wurde er in einem Freibad als Talent entdeckt, konnte sich beim renommierten
FC Bayern aber nicht durchsetzen und landete schliesslich über den Landesligaclub
Türk Gücü München bei der Amateurmannschaft des 1. FC Nürnberg.
Da im Bundesligakader mehrere Spieler vom Manager als «Dreck» und
«Lepra» verunglimpft und ausgemustert wurden, erhielt Claudio seine Chance. Er
nutzte sie, schoss Tor um Tor und gehört nun zum Stammkader. Aber wie lange?
Der 20-Jährige hat mittlerweile einen Künstlernamen, Cacau. Noch verdient er
bescheidene 2500 Euro im Monat. Aber das soll sich ändern. Der Präsident will
das Gehalt auf 35000 Euro erhöhen. Vielleicht kann er Cacau halten. Andere Clubs
bieten bereits mehr.
Cacau steht derzeit hoch im Kurs. Das kann sich ändern. Läuft's ihm weiter gut,
skandieren die Fans «Ca-ca-u». Der Name stört sie nicht. Im Gegenteil.
Sie haben ihn selber kreiert. Möglichst exotisch. Aber wehe, wenn Cacau keine Tore
mehr schiesst oder längere Zeit verletzt ausscheidet, dann verschwindet er bald
wieder in der Versenkung. Für Nachwuchs ist gesorgt. Der Markt ist gross. In Afrika
und Lateinamerika träumen Millionen von Jugendlichen von einem Leben als
Fussballprofi.
Dampf ablassen
Wer aus südlichen Kontinenten den Sprung nach Europa schafft, verdingt sich hier
meistens als Hilfskraft. Die einheimischen Arbeitskollegen sind reserviert und
gleichgültig. Es braucht nicht viel, um beschimpft zu werden; das kann auch auf der
Strasse passieren.
Im Freibad tschüttelen die «Exoten» oft unter sich. Dass einer dabei
entdeckt und verpflichtet wird, ist kein Märchen, aber eine Seltenheit.
Cacau hat's geschafft. Er wird bewundert und respektiert. Doch selbst im Stadion
genügt eine versiebte Chance, um angemotzt und beleidigt zu werden. Je
dunkelhäutiger ein Spieler ist, desto eher wird ihm «Busch einfach» oder
mit Anspielung auf Versklavung «Plantage einfach» empfohlen.
Menschen mit unsicherem Status entwickeln durch die Zugehörigkeit zur Masse ein
Gefühl von Macht. Sie wachsen über sich hinaus, lassen ihren Aggressionen freien
Lauf, rivalisieren auch gerne mit den Ordnungskräften, die nicht selten in Vollmontur
zu den Fussballspielen aufmarschieren. Ein wenig Radau gehört zum Spektakel.
Gemässigtes Dampfablassen wird toleriert. «Gute Sprüche» gelten als
Markenzeichen. Wenn ein «Du schwarze Sau verrecke!» bis zu den teuersten
Tribüneplätzen dringt, schmunzeln einzelne Geschäftsleute; andere verziehen
die Mundwinkel. Sie selbst titulieren die «Versager» allenfalls als
Tölpel, Stümper oder als Hanswurst. Wir kennen das.
Wenn zum Beispiel der FC Basel gegen die Zürcher Grasshoppers (GC) spielt, ist
ritualisiert auch ein wenig Krieg im Spiel. Die Kommerzialisierung des Sports
fördert dessen Brutalisierung. Es geht um Geld, Prestige und mehr.
Beim militanten GC-Fanklub Hardturmfront herrschte zeitweise ein makabres Bonussystem. Wer
einen gegnerischen Fan niederschlug, bekam einen Punkt. Handelte es sich um einen
Italiener, gab es zwei, bei einem Türken waren es fünf Punkte.
Idealisiert und verteufelt
Fans lieben die «Kuhstallwärme der Gemeinschaft», die von der Ausgrenzung
anderer lebt. Die distanzlose Bande unter Zugehörigen kontrastiert die
Ellbogenmentalität der kühlen Geschäftswelt, die allerdings im Wettkampf
reproduziert wird. Es geht um Sieg und Niederlage. Wer sich selber schwach fühlt,
identifiziert sich gerne mit Starken. Er kuscht nach oben und gibt den Druck nach unten
weiter. Schwache treten noch Schwächere. Das Fussballstadion dient als Ventil. Hier
lassen sich Ressentiments gegenüber scheinbar Andersartigen ausleben. Stars aus
«exotischen» Kulturen bieten sich als Projektionsfläche an. Sie werden
idealisiert und verteufelt. Die beiden Extreme liegen nahe beisammen.
Im Sport gibt es die Begeisterung aus spielerischer Freude, aber auch die
übermässige Identifikation, die den Frust im Alltag kompensieren soll. Da muss
die Teilhabe an sportlichen Erfolgen andere Misserfolge wettmachen. Da gibt es auch einen
fliessenden Übergang zu chauvinistischen und nationalistischen Tendenzen.
Was individuell ein wenig hilft, ist die Frage: Was verliere ich, wenn ich nicht gewinne.
Sie schafft Distanz zum Geschehen. Glücklich ist, wer ohne Siegen lächeln kann.
Aber die persönlichen Anstrengungen genügen nicht.
Die Verehrung irgendwelcher Helden, ob schwarz oder weiss, hat viel mit der eigenen Person
zu tun: Ich schätze an andern, was ich nicht habe und gerne haben möchte; oder
mich stört an andern, was ich an mir selbst nicht mag.
Aber es kann auch vorkommen, dass man einer Person, mit der man sich
identifiziert, nicht nur mehr verzeiht, sondern sich sogar freut, wenn sie Fehler begeht,
die man selber gut kennt. Das mag entlastend wirken.
Die Verehrung irgendwelcher Helden, ob schwarz oder weiss, hat viel mit der eigenen Person
zu tun: Ich schätze an den anderen, was ich nicht habe...
Menschen aus andern Kulturen erleben vereinzelt solche Nachsichtigkeit, sofern sie als
Star gesehen werden. In alltäglichen Zusammenhängen laufen sie jedoch Gefahr,
unerkannt so behandelt zu werden, wie ihre Landsleute auch. Der Unterschied ist gewaltig.
«Wie der letzte Dreck»
«Ich habe Angst, in gewisse Restaurants zu gehen», erzählte mir einst
eine Afghanin. «Ich wurde schon auf offener Strasse angegriffen, schlage aber nicht
zurück, um Provokationen zu vermeiden. Ich renne einfach davon. Gott sei Dank kann
ich gut rennen. Im Restaurant, wo ich arbeite, gibt es nette Leute. Andere sagen mir
Sachen, die sie einer Schweizerin nie sagen würden: Hast du überhaupt Unterhosen
an, du stinkst ja, und so.»
«Auch ich habe viel Schlimmes gehört, aber einfach ignoriert»,
ergänzte eine Frau aus El Salvador. «Wegen meines Aussehens werde ich oft als
Prostituierte angesprochen. Da fühle ich mich wie der letzte Dreck. Beklemmend ist
für mich die Vorstellung, nicht weiter flüchten zu können. Wenn ich
erfahre, wie Freunde ermordet werden, stirbt in mir etwas mit. Der Zusammenhalt mit meinem
Land bricht ab, ohne dass die Schweiz zu einem neuen Daheim wird. Nur mein Mann und meine
drei Kinder verstehen meine Bilder.»
«Wenn unsere Kinder laut sind, droht unser Nachbar mit der Pistole», sagte mir
ein Tamile. Nach der Ermordung von fünf Asylbewerbern getraute sich seine Frau nicht
mehr ausser Haus. Nur Gutes erlebte er am Arbeitsplatz. Schade, dass das nicht bleibt.
Alle Gesuche und Rekurse wurden abgelehnt. Vor der Flucht sah seine älteste Tochter
zu, wie sein dritter Bruder ermordet wurde. Seither fällt sie immer wieder in
Ohnmacht. Inzwischen ist auch die Nachricht von der Ermordung des Vaters und der ersten
Schwester eingetroffen.
Ich frage mich: Wie kann ein Mensch das aushalten und so herzlich bleiben? Und was
können wir tun, damit solche Erfahrungen sinnlich wahrnehmbar werden? Gelingende
Kontakte und Beziehungen verändern die Einstellungen wohl mehr als Zahlen und
Argumente, wobei auch der Blick für die grösseren Zusammenhänge wichtig
bleibt.
Global denken
«Global denken, lokal handeln.» Die 68er-Bewegung hat diesen Ausspruch gerne
zitiert und «hoch die internationale Solidarität» skandiert. Heute
stellen die weltwirtschaftlichen Verflechtungen die zivilgesellschaftlichen in den
Schatten. Die «grosse Freiheit» erweist sich dabei oft als Freiheit der
Grossen.
In zehn Jahren hat sich der Welthandel auf fünf Billionen US-Dollar verdoppelt. Die
Finanzströme sind von zwanzig auf über dreihundert Billionen US-Dollar
gestiegen. Noch nie hatten so wenige Menschen so viel Macht wie heute. 450 Personen
verfügen über gleich viel Geld wie die Hälfte der Menschen. Transnationale
Unternehmen entziehen sich dem gesellschaftlichen Korrektiv. Staaten geraten in
Standortwettkämpfe mit andern Staaten. Sie fangen an, selber wie Unternehmen zu
funktionieren. So betrieben, was keineswegs zwingend ist, refeudalisiert der gängige
Globalismus die Besitzverhältnisse. Er gibt fundamentalistischen Strömungen
Auftrieb und ersetzt Institutionen der Demokratie durch elektronische Kommunikation
zwischen atomisierten Individuen. Steht uns somit, wie verschiedentlich prophezeit, ein
autoritäres 21. Jahrhundert bevor, das auch rassistische Denkmuster neu legitimiert?
Heute handeln, morgen denken, scheint das Motto zu lauten. Gut ist, was sich für die
Privilegierten als nützlich erweist.
Um Standortvorteile zu ergattern, sollen die Arbeitskräfte billiger, flexibler und
mobiler werden. Die Gesamtarbeitsverträge werden geschwächt, soziale Sicherungen
privatisiert. Während sich die beruflichen Aussichten verschlechtern, nimmt der
Selektionsdruck zu. Das verstärkt die Ellbogen-Mentalität sowie die «No
future»-Haltung. Die Konkurrenz treibt an und lähmt. Die «flexible
Persönlichkeit» muss Kontinuität verabschieden und Fragmentierung
akzeptieren. Doch wenn der Hafer knapp ist, beissen sich die Pferde. Wer migrieren muss,
bekommt das am deutlichsten zu spüren. Menschen, die so behandelt werden, als
wären sie beliebig zu ersetzen, ziehen sich zurück oder sie flüchten nach
vorn. Die Flexibilisierung strapaziert die Dehnfestigkeit von Individuen und Familien. Sie
ist das Abbild wirtschaftlicher Leistungsanforderungen. Doch das Menschenbild eines
marktgerechten Individuums grenzt weite Teile der Bevölkerung aus.
Horizonte erweitern
Die «postnationale Konstellation» weicht Landesgrenzen auf. Sie baut soziale
Leitplanken ab, könnte aber auch Horizonte erweitern. Dass die Vereinzelung die
sozialen Bande schwächt, wird zu Recht beklagt. Ich halte die
Individualisierung trotzdem für eine historisch notwendige Phase. Sie löst enge
Kontrollen auf. Damit ist allerdings die Gefahr verbunden, in eine Beliebigkeit
abzudriften, die sich um Mitmenschen foutiert. Mehr freiwillige Solidarität
anzustreben, ist, wie verschiedentlich postuliert, gewiss gut und recht. Wenn es aber um
die Existenzsicherung geht, ist gesellschaftliche Verbindlichkeit notwendig. Eine gute
soziale Infrastruktur kann die Individuen darin unterstützen, eigene Verantwortung
wahrzunehmen. Die Autonomiedebatten der Sechzigerjahre haben sich stark am Individuum
orientiert. Sachliche Distanziertheit sollte die Zwangsgeborgenheit ablösen.
Mittlerweile ist es aber allzu «cool» und anonym geworden. Da und dort nimmt
indes die Bereitschaft zu, verbindlichere soziale Beziehungen einzugehen. Solidarische
Netze versuchen, sich dem «Zeitalter des Narzissmus» zu entziehen. Sie halten
die Selbstbestimmung hoch, lehnen aber die Fiktion eines ungebundenen Selbst ab.
Glücklich ist, wer ohne Siegen lächeln kann. Aber die persönlichen
Anstrengungen genügen nicht.
Die ökonomistische Weltmarktdominanz ist weder sozialverträglich noch
umweltgerecht. Der Globalismus strebt eine gewinnträchtige Konsumkultur an. Er
betrachtet die Welt als Spielcasino und beurteilt die Menschen nach ihrer Kaufkraft.
Anders die Globalität. Sie ist weltoffen und zivilgesellschaftlich orientiert. Sie
umfasst die Gesamtheit der sozialen Beziehungen und versucht, die Kluft zwischen Nord und
Süd auszugleichen. Gerechtigkeit ist keine Antithese zur Freiheit, sondern ihre
Voraussetzung. Ich bin für einen selektiven Welthandel, der die Preise für
Rohstoffe an jene der industriell gefertigten Güter anpasst; dann reichen dem
Süden die Hälfte des Mehrerlöses, um die existenziellen Bedürfnisse zu
befriedigen. Zudem erfordert die wirtschaftliche Dominanz ein politisches und
gesellschaftliches Korrektiv. Dies nicht im Sinne einer Weltregierung, die alles im Griff
hat. Vielmehr gilt es, die UNO sowie die sozialstaatlichen und zivilgesellschaftlichen
Einrichtungen zu stärken. Sie können den sozialen Zusammenhalt weltweit
fördern und dazu beitragen, den Migrationszwang zu mindern. Interessierte Claudios
fänden so weiterhin den Weg zum FC Biberist oder zum FC Nürnberg, aber unter
freiwilligen Bedingungen. Mehr Gerechtigkeit im wirtschaftlichen und politischen Fundament
trügen auch wesentlich dazu bei, den zwischenmenschlichen Austausch und die
soziokulturelle Verständigung zu fördern.
Ueli Mäder
Zum Autor
Ueli Mäder ist Soziologe an der Fachhochschule für Soziale Arbeit beider Basel,
Privatdozent an der Uni Basel und a.o. Professor an der Uni Fribourg. Im Zürcher
Rotpunktverlag sind von ihm u.a. die Bücher erschienen: Für eine solidarische
Gesellschaft (1999, 300 S., Fr. 36.) und, zusammen mit Elisa Streuli verfasst,
Reichtum in der Schweiz. Fakten (2002, 230 S., Fr. 36.).
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