Jugenkultur: Problemorientierte Wahrnehmung schafft Probleme

Die Hip-Hop-Leute stellen eine modellhafte, interkulturell aktive Szene dar.



Sie haben beide seit vielen Jahren in ihrem Berufsalltag mit jungen Menschen und Jugendkultur zu tun; mit jungen Menschen vieler Nationalitäten, aus vielen Kulturkreisen. Die Migrationszeitung sprach mit George Hennig vom Sommercasino und Albrecht Schönbucher, Leiter Jugendtreffpunkte der Basler Freizeitaktion, über Talente und Potenzial von Migrationsjugendlichen.


George Hennig vom Sommercasino bringt es auf den Punkt: «Die gesellschaftliche Wahrnehmung ist, wenn es um Jugendliche geht, ohnehin schon meistens problemorientiert. Und den Begriff Migrationsjugend verbinden viele sowieso schon mal grundsätzlich mit Problemen. Das verstellt dann gerne die Sicht darauf, dass wir es hier mit einer Gruppe zu tun haben, die eben auch das ganze mögliche Spektrum an Talenten aufweist...»

Von diesen Talenten zeugt «Hennigs Haus», das real existierende Kulturzentrum Sommercasino. Früher ein Jugendhaus – heute eine Villa voller Kultur, in der interkulturelle Zusammenarbeit so alltäglich ist, dass man kaum mehr über Nationalitäten zu reden braucht. Hier können Jugendliche und junge Erwachsene an eigenen Projekten arbeiten, selbstbestimmt, im selbstgesetzten Rahmen. Die Konzertschiene des Sommercasinos ist gleichzeitig sehr vielfältig, bringt verschiedenste Musik aus verschiedensten Szenen und Kulturen und Subkulturen auf die Bühne.
Hennig und sein Team haben in den letzten Jahren aus einem Jugendhaus im alten Stil ein modernes Kulturhaus gemacht, es ist beinahe ein Biotop zeitgemässer Kultur- und Jugendprojekte, welches die Basler Freizeitaktion (BFA) hier ermöglicht.

Hennig und sein Team haben hier ganz allgemein mit talentierten jungen Leuten zu tun, die etwas machen, auf die Beine stellen wollen – und er kann ihnen einen passenden Rahmen anbieten. George Hennig: «Je mehr die Möglichkeiten gegeben sind, Potenzial zu entwickeln, desto weniger Schranken sind da, die es erschweren würden, über Kultur- und Nationalitätsschranken zusammenzuarbeiten. Bei den Leuten, die etwas machen wollen und können, gibt es keine Hemmschwellen, mit Leuten aus verschiedensten Szenen und Kulturen zusammenzuarbeiten. Wenn du ein Ziel hast, dir eine Aufgabe gesetzt hast, spielt die Nationalität der Leute, mit denen du zusammenarbeitest, plötzlich keine Rolle mehr. Ich stelle hier im Sommercasino fest, dass Migrationsjugendliche heute interessierter daran sind, sich innerhalb eines soziokulturellen Experimentes zu engagieren.
Junge Schweizer verhalten sich eher wieder Karriere- und Konsumbetont.» Als modellhafte, interkulturell aktive Szene hat Hennig in den letzten zehn Jahren die Hip-Hop-Leute beobachten können, denen das Sommercasino für ihre Projekte Gastrecht bietet; sie haben im Sommercasino einiges ins Rollen gebracht und sehr interessante Enwicklungsprozesse gemacht – gerade in der Hip-Hop-Szene ist es eben egal, woher jemand kommt, was er oder sie für Pässe im Sack hat; hier geht es um die Sache.

Sommercasino: eine Villa voller Kultur.



Hennigs Kollege Albrecht Schönbucher, Leiter Jugendtreffpunkte im grossen BFA-Rahmen, macht ähnliche Erfahrungen. «Auf junge Albaner, Türken, Kurden wird man gerne dann aufmerksam, wenns crasht. Rein statistisch gesehen ist es einfach so, dass es unter den bestimmten Gruppen von Migrationsjugendlichen einzelne junge Männer gibt, die überdurchschnittlich viele Delikte begangen haben. Das lässt aber noch lange nicht auf die Mehrheit schliessen. Es gibt ja auch das Gegenteil: Junge Spanier etwa
liegen – wenn es um Delikte geht – weit unter dem allgemeinen Schnitt. Ich und meine Leute in den Jugendtreffpunkten erleben gerade auch bei türkischen und albanischen Jugendlichen, die eben immer als Problemgruppen wahrgenommen werden, sehr viele positive Energien.» Diese Jugendlichen aus der Migrationsbevölkerung würden in der Regel nicht gegen die Treffregeln verstossen. Schönbucher: «In Wahrheit ist es auch bei den Migrationsjugendlichen nur ein kleiner Prozentsatz, der problembehaftet ist.»

Auffallen würde den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der BFA-Jugendtreffs auch die Tendenz, dass junge Migrantinnen und Migranten «sehr viel ehrgeiziger» geworden seien. Vor so drei oder vier Jahren, so Schönbucher, sei da viel mehr Resignation zu spüren gewesen: «Heute schreiben die oft – ohne mit der Wimper zu zucken – auch noch die siebzigste Bewerbung...»
Nebst dem kulturellen Angebot ist es eine zunehmend wichtige Aufgabe der BFA-Jugendtreffs, Jugendlichen bei den Hausaufgaben, beim Schreiben von Bewerbungen und ähnlichen Arbeiten zu helfen.

In vielen Punkten sind sich der Sommercasino-Mann Hennig und Jugendtreff-Leiter Schönbucher einig – obwohl Kulturhaus und Jugendtreffpunkte ganz verschiedene Problemfelder zu beackern haben: Wenn man die jungen Leute ernst nimmt, ihnen Angebote macht, die auf Selbstverantwortung, Partizipation, Teilnahme beruhen, macht man eigentlich vor allem gute Erfahrungen. Und aus so genannten Problemfällen werden plötzlich ganz normale junge Leute mit vielen Talenten und gehörig Potenzial.

Schön wäre, wenn sich das auch bei bestimmten behördlichen Stellen herumsprechen würde. Schon mehrmals wären Projekte des sehr aktiven und erfolgreichen Jugendtreffs Gundeli wegen fehlender Bewilligungen fast gescheitert. Wenn junge Hip-Hopper, zwischen 17 und 20 Jahre alt, mit viel Herzblut etwa ein Festival feiern wollen, hat es doch keinen Sinn, ihnen eine simple Biergenehmigung zu verweigern.

Wenn man Wohlverhalten verlangt, muss man gleichzeitig erst mal Vertrauen investieren – eine Taktik, die erfahrene Jugend- und Kulturarbeiter wie Hennig und Schönbucher längst kapiert haben.

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