Foto: Emel
Nach dem Duett «Alles scho mal ghört» (2001) mit Bligg gibt es von Emel endlich Frisches zu hören.
Foto: z.V.g.Auf ihrem aktuellen Album «Komm in mein Leben» gewährt Emel einen intimen Einblick in ihr Leben. Mit MIX sprach die ursprünglich aus der Türkei stammende R’n’B- und Soul-Sängerin über Liebe, Heimat, Integration – und natürlich über Musik.Es mag ein Klischee sein, aber man sagt, Musik baut Brücken zwischen den Kulturen und verbindet die Menschen. Siehst du das genauso? Natürlich! Dieser Aussage stimme ich zu, seit ich sechs Jahre alt bin. Mein Vater kaufte mir damals ein Akkordeon, damit ich die Schweizer Kultur besser verstehen und kennen lerne – also habe ich angefangen, Ländlermusik zu spielen. Ich muss noch heute darüber schmunzeln, aber so, wie es aussieht, wusste mein Vater schon vor 26 Jahren, was die richtigen Integrationsmassnahmen waren. Es wäre jedoch illusorisch, Musik im Allgemeinen als ein verbindendes Element anzusehen, denn mit Musik kann man auch ganz bewusst Distanzen aufbauen. Kommt ganz darauf an, für welchen Zweck man sie benutzt. Von Schweizer Ländlermusik zur erfolgreichsten Soul-Sängerin der Schweiz – wie kam es dazu? Als weisse Soul-Sängerin wird man zwar oft als Exotin abgestempelt, für mich war es jedoch eine ganz natürliche musikalische Entwicklung. Zudem vergisst man immer, dass es ein Türke war, der in den USA die afroamerikanische Musik wie kein anderer geprägt hat. Mit der Gründung seiner Plattenfirma Atlantic Records in den 40er-Jahren hat Ahmet Ertegün Künstlern wie Ray Charles oder Aretha Franklin den Weg zur Popularität geebnet.Dein Lebenspartner ist halbjüdisch. Dein Ex-Ehemann stammt ursprünglich aus Jamaika. Du warst lange mit dem Schweizer Rapper Bligg zusammen. Die multikulturelle Gesellschaft hast du in deinem privaten Leben mehrmals schon umgesetzt und gelebt. Was ist dein Geheimnis?Das Problem ist ja, dass wir unser Leben zu einem beträchtlichen Teil auf Vorurteilen aufbauen – sei es aus Gemütlichkeit oder aus Faulheit. Auch wenn nicht alle Vorurteile böse gemeint sind, lassen sie in den Köpfen der Menschen ein starres Bild zurück. Diese «positiven» Vorurteile prägen genauso das Bild, das wir vom «Fremden» haben, wie die «negativen». Ein Beispiel: Viele glauben, alle Afroamerikaner können tanzen und singen. Das stimmt schlicht nicht. Wenn man einem Menschen aus einer anderen Kultur offen begegnet, kriegt er die Chance, zu zeigen, wer er als Individuum ist. Für mich persönlich funktioniert diese so genannte multikulturelle Gesellschaft, weil ich nichts anderes kenne. Das ist meine Realität. Dein aktuelles Album ist sehr persönlich. Woher nimmt man den Mut, einen solch intimen Einblick in sein Privatleben zu gewähren?Es braucht immer Mut und Überwindung, ehrlich zu sein. Doch ich möchte die Menschen berühren. Und das kann man meiner Meinung nach nur mit ehrlichen Texten. Wenn ich heute meine alten Lieder höre, weiss ich, was mich damals beschäftigt hat und mit welchen Problemen ich mich herumgeschlagen habe. Meine Musik widerspiegelt meine persönliche Entwicklung – so, als wären es Auszüge aus meinem Tagebuch. Und das gefällt mir. Du hast nie einen Hehl daraus gemacht, dass du aus der Türkei stammst. Was bedeutet Heimat für dich?Das ist ein sehr schwieriges Thema. Grundsätzlich fühle ich mich in der Schweiz zu Hause. Wenn ich aber muslimfeindliche Plakate sehe, auf denen eine Frau mit Kopftuch abgebildet ist und man sich die Frage stellt «Aarau oder Ankara?», dann fühle ich mich von dieser Diskriminierung auch direkt betroffen. Nichtsdestotrotz steht für mich die Schweiz in der Heimatfrage auf Platz 1, denn Heimat hat mit Vertrautheit, Erinnerungen, Freunden und der eigenen Geschichte zu tun. Und dieses Gefühl kann mir kein SVP-Plakat wegnehmen. Wo möchtest du in fünf Jahren sein – beruflich und privat?Weiterhin in der Schweiz leben, ganz viele erfolgreiche Alben produzieren, Mutter werden und endlich mit dem Physikstudium anfangen.Interview: Güvengül Köz Brown
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