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 Ricardo Lumengo, SP-Nationalrat. Foto:
Andi Cortellini Yvette Estermann, SVP-Nationalrätin. Foto:
Andi CortelliniSie
sind beide seit den letzten Wahlen im Nationalrat, haben beide
eine ausländische Herkunft und sind exemplarisch für eine gelungene Integration. Hier hören die Gemeinsamkeiten
bereits auf – denn ihre politische Einstellung könnte nicht unterschiedlicher sein. Ein Streitgespräch
zwischen dem Sozialdemokraten Ricardo Lumengo, Nationalrat und ursprünglich aus Angola, und Yvette Estermann,
SVP-Nationalrätin mit slowakischen Wurzeln.Herr
Lumengo, Ihre Wahl im letzten Oktober hat internationales Medienaufsehen erregt, nicht zuletzt, weil
die SVP mit ihrem Wahlkampf viel dazu beigetragen hat, dass die Schweiz als fremdenfeindliches Land
wahrgenommen wurde. Und dann wird im selben Land der erste schwarze Nationalrat im deutschsprachigen
Raum gewählt. Das ist doch fast schon eine halbe Revolution. Ricardo
Lumengo (RL): Meine Wahl ist ein Signal für die Zukunft. Ich bin sehr stolz, dass die Wählerinnen
und Wähler im Kanton Bern den Mut hatten, einen Farbigen zu wählen. Das war ein historischer Moment.
Deshalb ist es für mich nicht nur eine halbe Revolution, sondern eine ganze.Yvette
Estermann (YE): Die Menschen schauen doch nicht mehr auf Hautfarbe und Abstammung, wenn es um
Politik geht. Das Individuum und die Inhalte stehen im Zentrum. Das negative Bild, das die Welt während
des Wahlkampfes von der Schweiz hatte, ist mit der Wahl von mir und Ricardo widerlegt worden. Die Schweiz
ist offen und gibt auch Menschen aus anderen Ländern die Chance, sich für sie einzusetzen. Ich wünsche mir noch mehr Ricardos und Yvettes für die Schweiz.Wäre
ein Schwarzer bei der SVP willkommen?YE: Selbstverständlich.
Sie haben eine wichtige Gemeinsamkeit:
Sie stammen beide nicht aus der Schweiz. YE: Und
diese Gemeinsamkeit ist zentral, sie macht uns zu Verbündeten. Und
trotzdem politisieren Sie in zwei fast verfeindeten Parteien. Wie kommt das?YE:
Ich bin in einem totalitären, sozialistischen Land aufgewachsen. Das hat mich sehr geprägt. Ricardo
hat in seiner Heimat andere Erfahrungen gemacht, die ihn geprägt haben. In der Schweiz sind wir nicht
zu neuen Menschen mutiert, sondern haben das fortgeführt, was wir sind. Wer weiss, vielleicht wäre Ricardo
heute bei der SVP, wenn er auch in der ehemaligen Tschechoslowakei aufgewachsen wäre.RL:
Ich bezweifle das, denn ich bin aus Angola geflüchtet, weil ich gegen das marxistische Regime war. Die
Meinungsfreiheit in der Schweiz erlaubt es uns, unterschiedlich zu politisieren.Frau
Estermann, fühlt man sich wohl in einer Partei, die nur negativ über Ausländer redet? YE:
Ich habe die SVP nie so wahrgenommen, obwohl ich immer wieder auf dieses Thema angesprochen werde. Man
hat mich nie spüren lassen, dass ich eine Ausländerin bin. Unsere gemeinsamen politischen Ziele stehen
immer im Vordergrund und das schweisst uns zusammen. Die SVP ist eine weltoffene Gemeinschaft, die ihr
Land liebt und zu ihren Traditionen steht. RL: Nur weil
jemand ursprünglich nicht aus der Schweiz stammt, muss er nicht automatisch ein SP-Wähler sein.Verärgert
die SVP mit ihrer Polemik nicht gut integrierte Secondas und Secondos? YE:
Das stimmt doch nicht. Viele Secondas und Secondos sind auf unserer Seite und unterstützen z. B. die
Ausschaffungsinitiative. Sie leiden doch am meisten unter der Situation, wenn kriminelle Ausländer in
die Schweiz kommen und unsere Sozialwerke missbrauchen, Frauen vergewaltigen und Drogen verkaufen. RL:
Es ist soziologisch gesehen ein menschlicher Reflex, wenn auch Ausländerinnen und Ausländer gegen ihre
eigenen Landsleute sind. Sie denken sich: «Wir haben es schon schwer genug, da brauchen wir nicht noch
andere, die unserem Image schaden.» Und die SVP trägt ja genug dazu bei, Öl ins Feuer zu giessen und
diese Menschen noch mehr zu verunsichern. Und mit der Ausschaffungsinitiative tut die SVP so, als hätte
sie alles neu erfunden, dabei kann man straffällige Ausländer schon heute ausschaffen. Wird
das neue Ausländergesetz denn dieser Problematik nicht gerecht? YE:
Für mich geht es in die richtige Richtung, könnte aber noch schärfere Massnahmen beinhalten. Ich glaube,
Ricardo hat mehr Probleme mit dem neuen Gesetz.RL: Ja,
das stimmt. Zwar ist es gut, dass die Förderung der Integration endlich gesetzlich verankert ist, was
ich jedoch kritisiere, ist die Ungleichbehandlung von EU-Bürgern und Nicht- EU-Bürgern. Es kann nicht
sein, dass man eine Zweiklassengesellschaft in der Ausländerpolitik betreibt. Auch der Familiennachzug
ist schwieriger geworden für Menschen aus Nicht-EU-Ländern. Und das ist ungerecht. Bei
Ihnen beiden kann man von einer geglückten Integration sprechen. Was empfehlen Sie anderen? RL:
Man muss aufeinander zugehen und den Dialog suchen. Integration sollte aber nicht mit Assimilation verwechselt
werden. Es geht nicht darum, die eigene Herkunft zu vergessen, sondern darum, die schweizerische Kultur
als Bereicherung anzunehmen. YE: Die Schweiz tut bereits
genug für die Integration. Man kann aber Integration nicht erzwingen. Nur wer den Willen hat, sich zu
intergrieren, hat auch eine reale Chance, hier ein neues Leben aufzubauen. RL:
Ich denke nicht, dass unsere Möglichkeiten in der Integration ausgeschöpft sind. Das Ereignis im Tessin,
wo ein Jugendlicher zu Tode geprügelt wurde, zeigt, dass wir noch mehr tun müssen. Ich finde es immer
wieder erstaunlich, dass die gleiche Partei, die sich den Kampf gegen Ausländerkriminalität auf die
Fahne schreibt, gleichzeitig auch nichts in die Integrationsarbeit investieren will. Die Rechnung kann
so nicht aufgehen. YE: Du schreibst ja selbst auf deiner
Website, dass die Menschen, die zu uns kommen, sich an die Gesetze und Bräuche halten müssen. Wenn ich
jemanden so schlage, dass er stirbt, ist das doch kein Integrationsproblem, sondern einfach kriminell.
Wir haben schon heute grosse Löcher in der IV und der AHV. Die Ausschaffung ist die einzige Lösung.
RL: Die Ausschaffung sollte der letztmögliche Ausweg sein.
Um etwas zu verbessern, muss man doch verstehen, warum es so weit kommen konnte. Es ist doch veranwortungslos,
Minderjährige einfach auszuschaffen. Wir können doch nicht alle internationalen Abmachungen für ungültig
erklären. Oder willst du wieder in einem totalitären Staat leben? YE:
Ausschaffung ist eine präventive Massnahme. Es schreckt ab. Man kann so viel Geld in die Integration
reinbuttern, wie man will, aus Tätern kann man keine guten Menschen machen.
Was würden Sie denn mit einem Skinhead machen, der einen Ausländer
zu Tode prügelt?YE: Für solche Fälle haben wir ganz
klare Gesetze, die wir auch anwenden. Bei den Gesetzen, die Ausländer betreffen, handeln wir aber einfach
zu lasch. Wir haben doch schon genug problematische Jugendliche, da brauchen wir nicht noch importierte
Jugendgewalt. Mit der Ausschaffungsinitiative wollen wir den Staat zwingen, konsequenter zu handeln.
Wir haben alle das Bedürfnis nach Sicherheit, deshalb brauchen wir mehr Gesetze, die eine Abschreckungsfunktion
haben. Die Schweiz muss ihre Macht besser demonstrieren. Man sollte schon vor der Einreise das Gefühl
haben: Es lohnt sich nicht, in die Schweiz zu gehen, um sich kriminell zu betätigen.RL:
Wie erklärst du dir denn die Erfolge von Integrationsmassnahmen, die in vielen Kantonen funktionieren?
Menschen, die hier aufgewachsen sind, die hier zur Schule gegangen sind, importieren nicht Probleme
in die Schweiz, sondern entwickeln sie hier. Wir dürfen uns nicht dieser Verantwortung entziehen. Das,
was du verlangst, verstösst gegen internationales Völkerrecht. Interview:
Güvengül Köz Brown |
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