11 Schülerinnen und Schüler der Klasse 3e im Schöntalschulhaus in Zürich haben sich in ihrer Projektwoche mit der Chancengleichheit im Schweizer Bildungssystem auseinandergesetzt. Eine spannende Arbeit ist dabei herausgekommen.Mohamad, Sarafina, Valeria: Ausländer, die in der Schweiz zur Schule gehen oder gegangen sind, beherrschen meistens die Landessprache und die eigene Muttersprache. Bei der Lehrstellensuche kann das von grossem Vorteil sein, wenn man zwei Sprachen sprechen und schreiben kann. Ausserdem wachsen sie in verschiedenen Kulturen auf und kennen somit die Werte und Bräuche von zwei Ländern.
Doch es kann auch Schwierigkeiten geben. Manche Lehrbetriebe beachten die Bewerbung nicht, wenn sie von einem ausländischen Jugendlichen ist. Gleichzeitig können sie auch keine Hilfe von den Eltern erwarten, weil diese meistens kein Deutsch können, nie ein Bewerbungsschreiben verfasst haben und weil sie keine Zeit haben. Viele unserer Klasse entwickelten deshalb Strategien, um sich bei verschiedenen Stellen selbst Hilfe zu holen, wie z.B. bei der Berufsberaterin, bei den Lehrpersonen, bei Bekannten usw.
Oftmals haben die Migranteneltern aber auch sehr hohe Erwartungen und setzen ihre Kinder unter Druck, weil sie ihnen ein besseres Leben ermöglichen wollen, als sie selbst haben. Doch auch mit guten Noten und mit einer gut geschriebenen Bewerbung haben die Jugendlichen nicht immer eine Chance. Bei uns in der Klasse z.B. bekam eine Schülerin die Bewerbungsunterlagen zurückgeschickt, weil sie einen ausländischen Namen hat. Auch wenn wir als Ausländerinnen und Ausländer manchmal ungerecht behandelt werden, dürfen wir die Hoffnung nicht aufgeben. Wir müssen uns noch mehr Mühe geben, eine Lehrstelle zu finden.Chancengleichheit im Schweizer BildungswesenDimitri, Igor, Shanki: Die Bildungsdirektion des Kantons Zürich hat im Auftrag von NCBI bereits bestehende kantonale Daten analysiert und in der Statistik «Erfolg nach Schultypen» dargestellt. Wie diese Grafik zeigt, haben Schweizer in allen Schultypen mehr Erfolg als Ausländer, eine Lehrstelle zu finden oder ans Gymnasium zu gehen. Woran liegt das? Sind Schweizer bessere Schüler oder stellen Lehrmeister lieber Schweizer als Ausländer ein? Wir wollten von 60 Schülerinnen und Schülern der 2. und 3. Oberstufe unserer Schule wissen, warum das so ist (s. Grafik).

Frage 1: Haben ausländische Jugendliche die gleichen Chancen auf eine Lehrstelle, wie Schweizer Jugendliche?

Frage 2: Haben Name, die Nationalität und das äussere Erscheinungsbild Einfluss auf die Entscheidung des Lehrmeisters?Das Resultat unserer Umfrage zeigt, dass viele in unserem Schulhaus glauben, dass ausländische Jugendliche bei der Lehrstellensuche Vorurteilen ausgeliefert sind. Unserer Ansicht nach stimmt das: Ausländische Jugendliche haben mehr Probleme beim Übertritt in die Berufswelt als an der Volksschule. Wir hoffen, dass Lehrbetriebe zukünftig stärker auf die Leistungen und die Persönlichkeit ihrer Lernenden achten und somit allen die gleichen Chancen geben.Was bedeutet Bildung für uns?Nadine, Sabina, Susanne: Unserer Meinung nach ist Bildung sehr wichtig, denn wir alle wollen etwas im Leben erreichen und unsere Träume verwirklichen. Wir denken, dass Bildung vor allem für uns Jugendliche sehr wichtig ist, da wir später eine gute Stelle und vielseitige Beförderungsmöglichkeiten haben möchten. Auch für Ausländerinnen und Ausländer ist die Bildung wichtig, denn wir denken, dass sie mehr leisten müssen, um die gleichen Chancen zu erhalten. Den Begriff «Bildung» beziehen wir nicht nur auf die Schule. Bildung geht für uns viel weiter, denn man lernt tagtäglich Neues – ein Leben lang. Es ist schön, immer etwas Neues dazuzulernen und sein Wissen sowie sein Verständnis so ständig zu erweitern.Wir finden es wichtig, dass in der Schweiz jedes Kind in die Schule muss, während es in anderen Ländern überhaupt noch keine obligatorischen Schulen gibt oder man für sie bezahlen muss, denn jedes Kind hat ein Recht auf Bildung. Wir denken aber, dass es ausländische Kinder schwieriger haben, es in der Schule weit zu bringen, weil es viele Vorurteile gegen sie gibt.Wir wollten wissen, ob unsere Vermutung stimmt, und haben deshalb eine Umfrage im Kreis 3 und 4 in Zürich gestartet. Wir befragten 42 Passanten über ihre Ausbildung. Unsere Umfrage bestätigte unsere Vermutungen: Schweizerinnen und Schweizer haben eine besssere Ausbildung als Ausländerinnen und Ausländer. Wir haben leider festgestellt, dass nicht alle die Möglichkeit haben, eine gute Ausbildung zu machen.Auswertung der UmfrageMeine Chancen im Schweizer BildungssystemIgor: Ich bin ursprünglich aus Serbien, bin jedoch in der Schweiz geboren und besuche hier auch die Schule. Man liest oft von aggressiven jugendlichen Randalierern aus dem Balkan, deshalb bekommen sie keine Lehrstellen, weil die meisten Lehrmeister glauben, dass alle gleich sind. Ich denke, dass auch der Nachname häufig eine wichtige Rolle spielt, denn wenn der Nachname eine Endung hat, an der man erkennen kann, dass man aus einem bestimmten Land kommt, wie z.B. -i´c, können die Chancen auf eine Lehrstelle niedriger sein als bei einer Person, die die Schweiz als Heimatland hat. Auch Jugendliche, die erst seit Kurzem in der Schweiz leben oder die aus einem Krisengebiet in die Schweiz eingewandert sind, haben es schwer, eine Lehrstelle zu finden, weil auch oft das Geld für einen Deutschkurs fehlt. Jemand, den ich kenne, erhielt seinen Bewerbungsbrief für eine Schnupperlehre ungeöffnet zurück, obwohl ihm telefonisch zugesichert worden war, dass man sich bei dem Betrieb um eine Schnupperlehre bewerben kann.
Glücklicherweise habe ich bis jetzt keine schlechten Erfahrungen gemacht, ich hoffe, dass dies so bleibt!Shankeernan: Ich komme ursprünglich aus Sri Lanka, bin wie Igor aber in der Schweiz geboren und besuche auch hier die Schule. Ich finde, dass das Schweizer Bildungssystem allen die gleichen Chancen bietet. Ich sehe alles aus einer anderen Perspektive. Ich habe noch nie eine Lehrstelle gesucht, weil ich ans Gymnasium gehen werde. Bei der Aufnahmeprüfung spielt nicht das Äusserliche, sondern die Leistung eine Rolle. Ich finde, ich hatte bis jetzt die gleichen Chancen wie ein Schweizer. Aber die Schweizer haben es trotzdem einfacher. Zum Beispiel mit der Sprache. Sie verstehen alles schneller. Als ich in die erste Sekundarschule kam, merkte ich schnell, dass ich, vor allem in Deutsch und Französisch, noch Nachholbedarf hatte. Ich musste alles noch einmal wiederholen, was wir in der Schule gelernt hatten. In dieser Zeit haben mich meine Eltern sehr stark unterstützt. Sie übten keinen Druck auf mich aus, sondern sie motivierten mich. Diesen Erfolg, dass ich ins Gymnasium gehen kann, verdanke ich meinen Eltern. Daher finde ich es wichtig, dass ein Kind jemanden an seiner Seite hat, der ihn immer unterstützt.Wie wachsen Kinder aus binationalen Familien auf?In einem Interview mit einer Schweizerin, die mit einem Türken verheiratet ist, sind Besime und Selda dieser Frage nachgegangen. Ein Auszug. Beschreiben Sie doch einmal, wie Sie Ihren Alltag zwischen den zwei Kulturen, in denen Sie leben, gestalten.Nicht nur zwei Kulturen, auch zwei Sprachen, damit zwei Denkweisen und schliesslich zwei Religionen treffen in unserer Familie aufeinander. Das bedeutet, dass wir in vielen Fragen des alltäglichen Lebens einander immer wieder vieles erklären. Wir gehen nicht davon aus, dass wir einander automatisch verstehen. Das meiste muss besprochen und verhandelt werden. Dadurch gibt es sehr viele und spannende, manchmal auch spannungsreiche Gesprächsthemen. Wie erziehen Sie Ihre Kinder? Welche Werte vermitteln Sie ihnen?Wir vermitteln unseren Kindern in erster Linie ethische Werte, wie sie in beiden Religionen und Kulturen überliefert sind. So versuchen wir sie zu Menschlichkeit, Respekt vor anderen, Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft zu erziehen. Wir machen ihnen Mut zum Leben, indem wir als Eltern selbst in dem Vertrauen in die Nähe Gottes leben. Darüber hinaus gehören unsere Kinder zur islamischen Glaubensgemeinschaft. Dies hat auch damit zu tun, dass wir eine Patchwork-Familie sind, in der die älteren Kinder bis ins jugendliche Alter in der Türkei aufgewachsen sind. Wir wollen zwischen ihnen und den jüngeren Kindern keine religiöse Trennung, deshalb wachsen alle in der islamischen Tradition auf. Alle Kinder wissen durch mich auch vieles über den christlichen Glauben, ohne dass sie das verunsichern würde. Sie sehen vor allem die Gemeinsamkeiten. Wir hoffen, dass unsere Kinder davon geprägt werden und sich später einmal in einer Welt wohlfühlen, in der viele Kulturen auf engem Raum zusammenleben.Wie und wer unterstützt Ihre Kinder in schulischen Fragen und bei der Lehrstellensuche?Hauptsächlich ich. Das hat damit zu tun, dass mein Mann und ich aus unterschiedlichen Bildungsschichten stammen. Ich bin mit schulischen Themen und Anforderungen vertraut und es fällt meistens mir zu, Kontakte zu Lehrpersonen und Lehrmeistern zu pflegen oder die Kinder beim Lernen zu motivieren. Mein Mann unterstützt mich und die Kinder dort, wo er kann.Was denken Sie, welche Vor- und Nachteile haben Ihre Kinder in der Schule oder bei der Lehrstellensuche gegenüber anderen Kindern, die in nur einer Kultur aufwachsen?Ich höre immer wieder, dass Kinder, die in zwei oder mehr Kulturen aufwachsen, eine höhere Sozialkompetenz haben. Bei unseren eigenen Kindern fällt mir auf, dass sie sehr tolerant sind gegenüber Kindern aus anderen Kulturen. Ich beobachte auch, dass sie Konflikte oft fantasievoll und friedlich lösen.
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