Mit Sprache und Spiel in der Fremde Fuss fassen

Knapp der Verhaftung entgangen: In Paris versuchte der Kabarettist Massimo Rocchi, im Rathaus zu über-
nachten. Foto: zVg
Als ich meine erste Heimat verlassen hatte, landete ich in einem Land, das mir anfangs doch sehr fremd war: Frankreich. Ich muss aber sagen, jedes Land wäre mir fremd gewesen damals, denn ausser Altgriechisch und Latein habe ich keine Fremdsprache gelernt, und die Emilia-Romagna hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt so gut wie nie verlassen.In Paris angekommen, begab ich mich auf die Suche nach einem Hotel. Die U-Bahn-Station «Hôtel de Ville» schien mir da genau richtig. An der Pforte gab es zwei Türsteher, sie standen rechts und links und ihre Hüte sahen wie Torten aus – irgendwie sympathisch. Ich fragte also: «Haben Sie ein Zimmer frei?» Ich entging nur knapp einer Verhaftung.Heute, der Sprache mächtig, ist es klar, «Hôtel de Ville» ist das Rathaus – was nichts mit «dem Haus der Ratten» zu tun hat, was ich auch zeitweise dachte. Um meine Theaterkurse zu bezahlen, arbeitete ich als Babysitter. Die Kinder wollten immer Sandwich mit Cornichons essen. Für mich aber war klar, dass Cornichon eine spezielle Salami sein musste, denn Cornichon und Cochon waren für mich sehr nah. Der Mimenlehrer im Unterricht beim Abfragen einer Übung sagte immer: und jetzt «tout le monde». Wie arrogant! Wie kann er erwarten, dass die ganze Welt diese Übung lernen muss. Irrungen und WirrungenKaum war mir Frankreich nicht mehr so fremd, kam ein neues Ausland und brachte mir gleich zwei neue Sprachen: Schweizerdeutsch und Hochdeutsch. In Italien spielen Vokale eine grosse Rolle: Jedes Wort hört mit einem Vokal auf. So war es eine grosse Herausforderung, in Deutsch drei bis vier Konsonanten gleichzeitig aussprechen zu müssen. Für mich war die «Länggassstrasse» ein unendlich langer Weg.Irrungen und Wirrungen bei der Begegnung mit diesen Sprachen haben mich vom Pantomimen zum sprechenden Schauspieler werden lassen. Der Fundus an Erlebnissen war so gross, dass sogar ein Theaterprogramm daraus entstanden ist. Aber nicht nur die Sprache, sondern auch das Spiel hat mir geholfen, in fremden Ländern Fuss zu fassen. In Indien, in Marokko, in Kopenhagen, auf Kreta oder in Wilderswil war es immer dasselbe: Sobald ein Ball auf einer Wiese lag, kamen Kinder und Erwachsene zusammen: Zwei Gesten – und das Spiel ging los. Vor vier Jahren schliesslich landete ich in Basel und erlebte ein eigenartiges Schauspiel: die Basler Fasnacht. 35 000 Menschen treffen sich in der Nacht und die Stadt wird dunkel. Die Larven verdecken jedes Gesicht, und Trommel und Piccolo werden lauter. Drei Tage und drei Nächte lang mischen sich Menschen ohne Namen und ohne Gesicht. Alle laufen und laufen und laufen zusammen. Ich habe das Gefühl gehabt, ich gehörte zu diesem Rhythmus, zu diesem Fest dazu.Um dazuzugehören, braucht es Spiele und Sprachen. Lassen wir uns gemeinsamen sprechen und spielen.Zusammen sein ist möglich – auch wenn man nicht immer einig ist.Massimo Rocchi
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