Individuelle Förderung zahlt sich aus. Das zeigt das Programm der Jugendberatungsstelle «wie weiter?» in Birsfelden. Junge Erwachsene bereiten sich hier auf eine Lehre vor.
Schulische Lücken können bei «wie weiter?» aufgearbeitet werden. Foto: dp
Die neun Jugendlichen sind stolz auf sich: «Wir haben schon Dreisatz, Zinsrechnung, Bruchrechnung und das Verfassen von Berichten bearbeitet», sagt Yolmaz. «Wir haben hier mehr gelernt als in zwei Jahren Schule.» Seine Kolleginnen und Kollegen lachen, Yolmaz übertreibt mal wieder. Aber ein Quäntchen Wahrheit ist sicher dabei.
Die jungen Erwachsenen zwischen 16 und 20 Jahren, haben einen Schulabschluss in der Tasche, jetzt wollen sie Coiffeuse, Polymechaniker, Betriebspraktiker oder Logistikpraktiker werden. Aber anstelle von Berufserfahrung haben sie bisher nur Absagen gesammelt – bei Yolmaz waren es rund 150. Andere haben ihre Lehre abgebrochen oder hatten Schwierigkeiten bei der Lehrstellensuche.Verantwortung tragen
In der Beratungsstelle «wie weiter?» in Birsfelden wird die Situation angeschaut und geklärt: Was sind die beruflichen Ziele? Sind sie realistisch? Was braucht es noch, damit die Ziele erreicht werden können? In der Beratungsstelle, die zum Amt für Berufsbildung und Berufsberatung gehört, setzen sich die Jugendlichen mit sich auseinander und lernen ihre Stärken und Schwächen kennen. Sie trainieren selbstständiges Arbeiten, lernen Verantwortung für sich selber zu tragen, und sie üben scheinbar altmodische Verhaltensweisen, die in der Arbeitswelt wichtig sind, wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit.
Ergänzend dazu bietet «wie weiter?» Förderprogramme an, in denen sich die Jugendlichen für die Lehre fit machen können. In der Minilernwerkstatt haben sie drei Monate lang Gelegenheit, ihre schulischen Lücken aufzuarbeiten. Die Leiterin der Lernwerkstatt, Susanne Vedani: «Wenn ich mit nur neun Leuten arbeite, kann ich jede Schülerin und jeden Schüler individuell unterstützen.» Ab diesem Jahr wird das Angebot um die Kurse Selbstmanagement und Deutsch als Zweitsprache erweitert.Voll motiviert
Die Jugendlichen in «wie weiter?» sind aus freien Stücken hier, und sie müssen einen Vertrag mit der Beratungsstelle unterschreiben. Tobias und Danuta, die wie Yolmaz an der Lernwerkstatt teilnehmen, gefällt es, dass sie ihren Lernstoff selber bestimmen können. Auch die konsequente Selbstreflexion, die sie üben müssen, zeigt Wirkung. Tobias: «Wir können lernen, was wir wollen. Und im Grunde verarscht man sich ja nur selber, wenn man zum Beispiel abschreibt.»
Beatrice Ledergerber, Leiterin der Beratungsstelle, erklärt: «Alle Jugendlichen werden so lange begleitet und gecoacht, bis sie einen Ausbildungsplatz oder eine Anschlusslösung gefunden haben. Im Gegensatz zu den Vorjahren dauerte die Beratung im Jahr 2005 im Durchschnitt einen Monat länger.» Daran sehe man, dass es schwieriger geworden sei, einen passenden Ausbildungsplatz zu finden.

* alle Namen von der Redaktion geändert

Lioba SchneemannJugendberatungsstelle «wie weiter?»
Hauptstrasse 28, 4127 Birsfelden
Tel. 061 925 79 79 (Mo–Do 10–12 Uhr)Info-Veranstaltung für Jugendliche aus dem Kanton Basel-Landschaft von 16 bis 22 Jahren, die nicht mehr zur Schule gehen und eine Lehrstelle suchen: jeweils Donnerstag, 14 Uhr: 27. April / 11. Mai, 18. Mai / 8. Juni, 22. Juni



Herr Beck, Coiffeuse zählt bei jungen Frauen nach wie vor zu den Traumberufen. Haben Sie in letzter Zeit viele Bewerbungen erhalten?Das kann man wohl sagen! Seit Dezember haben wir um die 40 Bewerbungen erhalten und im Moment sind täglich zwei bis vier in der Post. Darunter ist übrigens kein männlicher Bewerber. Unter den Bewerberinnen sind ungefähr ein Drittel Migrantinnen.Was braucht es, um bei Ihnen einen Ausbildungsplatz zu bekommen?Wichtig ist eine gute schulische Grundbildung. Die Jugendlichen mit einem Realabschluss sollten gut in Deutsch und Mathematik sein. Das sind sowohl bei den Deutschschweizerinnen als auch bei den Ausländerinnen die grössten Hürden. Vor allem die Mädchen, die ein Werkjahr machen, sind schwer in den Schulbetrieb integrierbar.Hat sich die Lehrstellensituation in den letzten Jahren verschlechtert?Heute bewerben sich doppelt so viele Jugendliche wie vor fünf Jahren. Da bleiben die schwächeren Schüler und Schülerinnen mehr und mehr auf der Strasse. Die Anforderungen an die Lehre sind nicht gestiegen, es ist eher so, dass die Bewerberinnen schlechtere Schulleistungen aufweisen als früher.Wo sehen Sie einen Ausweg aus dieser Situation?Mit den Attestausbildungen und der Einführung des zehnten Schuljahres sehe ich eine Chance. Im August werde ich ein Mädchen aus Kosovo einstellen, das eine Attestlehre absolviert. Ich bilde drei Lernende aus, davon immer eine, die diese niederschwellige Ausbildung macht.Interview Lioba Schneemann
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