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 Hindernislauf statt freie bahn: Immer mehr Jugendlichen fällt der
Start ins Berufsleben schwer. Viele finden keine stelle, immer mehr sind von der Sozialhilfe abhängig.
Und trotz des Aufschwungs bleibt die Arbeitslosigkeit hoch. Was ist los in der Schweiz?
 Bildung
als Boden: Die Bereitschaft, zu lernen, wird schon früh geprägt und spielt für die Berufsausbildung
eine wichtige Rolle. Foto: pc
Viele mögen es schon
gar nicht mehr hören: Obwohl in der Schweiz wieder neue Stellen geschaffen werden, bleibt die Arbeitslosigkeit
hoch. Gerade für junge Menschen, die besonders auf Anerkennung angewiesen sind, ist es hart, in der
Arbeitswelt auf Ablehnung zu stossen. Und die Zahl der jugendlichen Arbeitslosen hat sich seit 2000
fast verdreifacht. Ausserdem sind immer mehr Jugendliche von der Sozialhilfe abhängig: In grösseren
Städten wird beinahe jeder zehnte 18- bis 25-Jährige unterstützt. Doch sind «die Jungen»
nicht auch selber schuld an der Misere, fragen sich viele Erwachsene. Da ist etwa der Eindruck, die
Jugend sei zu anspruchsvoll und immer weniger dazu bereit, sich einzusetzen. Als stossend wird oft auch
empfunden, dass viele der jungen Sozialhilfeempfänger Ausländerinnen und Ausländer sind. Im Kanton Baselland
zum Beispiel waren im Januar 2006 knapp 46 Prozent aller Bezüger keine Schweizer.Mangel
an Fachleuten Tatsächlich findet in der schweizerischen Wirtschaft zurzeit ein
tief greifender Veränderungsprozess statt. Laut Zahlen des Staatssekretariats für Wirt- schaft (seco)
sind von 2001 bis 2005 in Industrie, Gewerbe und bei den Dienst- leistungen 21 800 Vollzeitstellen abgebaut
worden. Auf Voll- und Teilzeitstellen umgerechnet, sind es sogar 70 800 Stellen. Betroffen davon waren
vor allem Branchen wie das Textilgewerbe (minus 23,7 Prozent), das Drucke- reigewerbe (minus 17,1 Prozent)
oder die Metall verarbeitende Industrie (minus 14,2 Prozent). Viele dieser Arbeitsplätze werden in Länder
verlagert, wo die Lohn- und Produktionskosten tiefer sind. Zwar werden zurzeit in der
Schweiz wieder neue Stellen geschaffen. Doch dieser Ausbau findet in anderen Branchen statt, zum Beispiel
in der chemischen Industrie, dem Immobilienwesen, der Forschung, dem Gesundheitswesen und der Verwaltung.
Und gesucht werden oft hoch qualifizierte und spezialisierte Arbeitnehmer, die in der Schweiz kaum zu
finden sind. 48 Prozent der Firmen klagen bereits über einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.
Dies ist eine grosse Herausforderung für das schweizerische Bildungssystem, zumal es für Leute mit schlechter
oder gar keiner Ausbildung immer schwieriger wird, eine Stelle zu finden. Herkunft
als Erfolgsfaktor: Jugendliche Secondos sind in der Schule oft erfolgreicher als Schweizer von vergleichbarer
sozialer Herkunft. Foto: dp
Nischenarbeitsplätze
verschwinden Wegen der schleppenden wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre
haben viele Unternehmen ihre Strukturen gestrafft und so den Leistungsdruck auf die Angestellten erhöht.
Das stellt auch der Berner Psychiater Holger Hoffmann fest, der das Job Coach-Projekt zur Wiedereingliederung
psychisch kranker Personen in den regulären Arbeitsmarkt initiiert hat (siehe auch Seite 7). «Der Arbeitsmarkt
ist durch die digitale Revolution und die Globalisierung in den letzten zehn Jahren viel komplexer und
anspruchsvoller geworden», sagt er. Dies bedeute nicht nur mehr Stress für die Angestellten. «Durch
den härteren Konkurrenzdruck sind auch viele Nischenarbeitsplätze verloren gegangen. Das führt dazu,
dass immer mehr Leute vom Arbeitsprozess ausgegrenzt werden.» Mangelnde
Unterstützung Dies gilt in immer grösserem Ausmass auch für Jugendliche und junge
Erwachsene. Jugendarbeitslosigkeit ist nicht nur die Folge der wirtschaftlichen Entwicklung, sondern
ist auch im Zusammenhang mit einem gesellschaftlichen Wandel zu verstehen. Dass man einen ganzen Lebensabschnitt
im selben Beruf oder mit Hausarbeit und Kindererziehung verbringt, ist passé. Die scheinbare Idylle
der 1960er-Jahre mit trautem Heim, festgelegter Rollenverteilung und Arbeit auf Lebenszeit ist überholt.
An die Stelle der Berechenbarkeit ist eine Offenheit getreten, die viele Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung
anbietet, gleichzeitig aber eine grosse Verunsicherung bringen kann, wie der Basler Regierungsrat Ralph
Lewin feststellt. «Die Übergänge im Lebenslauf, jene von der Kindheit zur Ausbildung und von der Ausbildung
zur Berufstätigkeit, werden vor diesem Hintergrund immer schwieriger zu bewältigen», sagte er an der
Sozialkonferenz in Basel, die im Februar zum Thema «Jugendarbeitslosigkeit» durchgeführt wurde. Dazu
kommt, dass viele Jugendliche von ihrer Familie zu wenig unterstützt werden. Doch dies wäre sehr wichtig,
wie Bildungsforscher Rolf Dubs in einem Interview der NZZ am Sonntag sagt: «Die Bereitschaft, zu lernen,
die Motivation, etwas zu leisten, wird sehr früh im Leben geprägt, und deshalb spielt hier das Elternhaus
eine entscheidende Rolle. Wenn ein Kind mit Eltern aufwächst, die keine Anregungen geben können, die
mit ihrem Kind also zum Beispiel zu wenig sprechen oder spielen, dann kommt es zu Defiziten, die auch
der beste Lehrer mit dem bes- ten Unterricht nicht überwinden kann.» In vielen Elternhäusern
sind tatsächlich feste Strukturen, die den Kindern Halt und Sicherheit geben, nicht mehr auszumachen.
Gemeinsame Treffen, wie Mittag- oder Abendessen, bei denen die kleinen Kränkungen oder Erfolge eines
Tages besprochen werden können, sind rar. Oft sind es ökonomische Zwänge, die beide Eltern zu Vollzeitjobs
oder Nachtarbeit zwingen. Überfordert mit dieser Situation sind gleich mehrere Parteien: die Kinder
und Jugendlichen, die Eltern selber, und auch die Schule und die Ausbildungsbetriebe. In diesem Vakuum
wachsen unrealistische Berufswünsche der Jugendlichen in den Himmel. Quelle:
seco/Arbeitsmarktstatistik. Schlechte
Karten Die Erziehungswissenschaftlerin Dorothée Schaffner von der Hochschule für
soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz hat bei ihren Untersuchungen von jungen Sozialhilfeempfängern
festgestellt, dass beinah alle einen Bruch in ihrer Biografie erlebt haben und sehr plötzlich für sich
selber Verantwortung übernehmen mussten. «Viele sind absolut überfordert, ihren Alltag so plötzlich
selbstverantwortlich zu gestalten.» Ein weiterer Grund für den schwierigen Zugang zum
Berufsleben ist, dass viele ausländische Eltern mit dem hiesigen Bildungssystem nur wenig vertraut sind.
Die Erfahrungen in der Herkunftsfamilie reichen oft nicht aus, um Unterstützung im komplexen schweizerischen
Berufsbildungssystem zu bieten. Eine handwerkliche Ausbildung ist etwa in Sri Lanka anders aufgebaut
als in der Schweiz und hat deshalb nicht denselben Stellenwert. Vor diesem Hintergrund ist der Wunsch
eines jungen Tamilen zu verstehen, eine KV-Lehrstelle zu finden, obwohl er erst zwei Jahre in der Schweiz
ist und die Sprache noch nicht gut beherrscht. Überhaupt haben ausländische Jugendliche
der ersten Generation oft schlechte Karten bei der Lehrstellensuche. Ihre Schwierigkeiten hängen damit
zusammen, «dass sie weniger Vertrauensvorschuss geniessen und selten gute Beziehungen haben», heisst
es in einer Studie der Universität Fribourg. Untersucht wurde auch, welche Chancen Jugendliche mit den
Namen Afrim oder Mehmet mit ihren Bewerbungen haben – dies bei glei-cher Qualifikation wie Bewerber
mit Schweizer Namen. Das Resultat: «Bei 100 Bewerbungen, in deren Folge der Schweizer zu einem Bewerbungsgespräch
eingeladen wurde, blieb dem türkischen Kandidaten mit demselben Profil diese Chance 30-mal verwehrt.»
Die Autoren sprechen von einer «massiven Diskriminierung». Quelle:
seco/Arbeitsmarktstatistik/Arbeitslosenquote. Prozentangaben entsprechend Bevölkerungsanteil
in den erwähnten Kantonen.Integration ist zentral Je
besser jedoch Einwanderinnen und Einwanderer in der Schweiz integriert sind, desto einfacher wird auch
die Stellensuche. So sind Secondos und Secondas italienischer und spanischer Herkunft beruflich bedeutend
erfolgreicher als ihre Schweizer Altersgenossen, die aus ähnlichen Verhältnissen stammen, wie verschiedene
Untersuchungen zeigen. Der Schulerfolg der zweiten Generation gehe parallel
mit «einer bemerkenswerten Abnahme der Diskriminierung dieser Einwanderergruppen» einher, stellen die
Autorinnen und Autoren einer Studie fest, die Jugendliche in Basel und Genf befragten. Tatsächlich galten
noch in den 1960er-Jahren Einwanderer aus Italien und Spanien als nicht integrierbar. Damit junge Erwachsene
türkischer oder exjugoslawischer Herkunft in einigen Jahren ähnlich erfolgreich sein werden, sei eine
Integrationspolitik mit genügend Weitblick gefordert, betonen die Wissenschafter. Mit dem neuen Integrationsgesetz
haben die beiden Basel diesen Weg beschritten. Doch egal, ob Schweizerinnen
oder Ausländer – für Jugendliche ist es enorm wichtig, zu wissen, dass sie in der Berufswelt gebraucht
werden. Welche Möglichkeiten, Lösungen und Probleme es dabei gibt, zeigen die Beiträge in dieser Ausgabe
der Migrationszeitung.
Andreas Merz, Monika Wirth |
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