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 Zwei Fünftel der jungen Sozialhilfebezüger verfügen über eine Ausbildung.
Statt sie abzuschreiben, sollte ihnen der Wiedereinstieg in die Arbeitswelt ermöglicht werden, fordert
der Sozialgeograf Matthias Drilling.
 Wieder
mit der Zukunft rechnen: Jugendliche Sozialhilfebezüger sollen wieder in die Wirtschaft eingegliedert
werden. Foto: dpArm gleich alt – diese Rechnung ging jahrzehntelang
auf. Doch seit den 1990er-Jahren sind immer mehr junge Menschen Bezüger von Sozialhilfe. Laut Schätzungen
beläuft sich ihre Zahl schweizweit auf 300 000. «Infantilisierung der Armut» nennt Matthias Drilling,
Dozent an der Hochschule für soziale Arbeit in Basel, das Phänomen. Am meisten von Armut betroffen sind
die unter 18-Jährigen, gleich an zweiter Stelle kommen die 18- bis 25-Jährigen. Besonders
markant ist der Trend in den Städten, wo jeder Zehnte dieser Altersgruppen Sozialleistungen bezieht.
Die Schweiz ist dabei kein Einzelfall, sondern sie bewegt sich im Gleichschritt mit dem europäischen
Umland, wie Drilling in seiner Studie «Young Urban Poor – Abstiegsprozesse in den Sozialstaaten» nachweist.
Vertieft hatte er seine Daten durch eine Befragung von 1123 Sozialhilfeempfängerinnen und -empfängern
der Alterskategorie 18 bis 25 Jahre aus Basel-Stadt.Trotz Arbeit
reicht der Lohn nicht Die Studie zeigt, dass nur noch 48 Prozent der Bezügerinnen
und Bezüger die Sozialhilfe als kurze Überbrückungshilfe verwenden, bis sich der Wiedereinstieg in den
Arbeitsmarkt anbietet. Weitere 20 Prozent der Betroffenen stehen in Ausbildung. Würde die Finanzleistung
des Staats neu unter dem Titel «Stipendium» fliessen, entfiele somit für sie das Problem, von der Sozialhilfe
abhängig zu sein – was den Wechsel in die freie Wirtschaft erleichtern würde. Eine dritte Gruppe von
rund 8 Prozent sind allein erziehende Mütter, die auch mangels Angeboten an externer Kinderbetreuung
auf diese Zuschüsse angewiesen sind. Eine vierte Gruppe von 15 Prozent bezieht
Sozialhilfe, obwohl sie arbeiten – sie sind so genannte «Working Poor». In dieser Gruppe sind die Staatsangehörigen
aus der Türkei und den Jugoslawien-Nachfolgestaaten überdurchschnittlich häufig vertreten. Schweizerinnen
und Schweizer hingegen führen das fünfte und letzte Segment von rund 9 Prozent an, die Drogen konsumieren
oder psychisch krank sind. Diese Gruppe ist zwar klein, aber aufgrund ihrer persönlichen Verfassung
sind die Betroffenen besonders lange finanziell vom Staat abhängig.Bildungsmanko
als Handicap Gerade bei jugendlichen Migrantinnen und Migranten gibt es oft Lücken
bei der Schul- und Berufsbildung, also der Basis für eine Anstellung. Und selbst wo ein Abschluss vorliegt,
wird dieser häufig nicht anerkannt. Der Zugang zum Arbeitsmarkt bleibt so blockiert. «Junge
Erwachsene ohne Arbeit sind nicht einfach faul und arbeitsscheu. Doch wer eine Ausbildung genossen hat
und sein Wissen zwei Jahre nicht mehr anwenden kann, verliert zu viele Berufskenntnisse, um nahtlos
wieder einsteigen zu können», so Drillings Erfahrung. Um zumindest jene zwei Fünftel junger Sozialhilfebezüger
vermittelbar zu halten, die eine Ausbildung haben, brauche es dringend verbesserte Zugänge zu qualifizierten
Erwerbstätigkeiten.Gesucht: ein Gesellschaftsvertrag Bringt
die sich abzeichnende Erholung der Wirtschaft eine Entspannung? Drilling ist skeptisch. Zum einen müsse
der Aufschwung auch wirklich langfristig sein, um sich auf den Arbeitsmarkt auszuwirken. Zum andern
zeige die Erfahrung, dass Wachstum nicht mit Vollbeschäftigung gleichzusetzen sei. Einfache Arbeiten,
auf die ein guter Teil der heutigen Arbeitslosen angewiesen ist, werden automatisiert oder ins Ausland
verlagert. Menschen, die psychisch krank sind, werden daher auch bei boomender
Wirtschaft kaum Aussichten auf einen Job haben. Kinder von Eltern ohne Ausbildung sind besonders gefährdet,
ebenfalls keine Erwerbsarbeit zu finden. Migrantinnen und Migranten sind von diesem Phänomen besonders
stark betroffen. Gute Bildung – so ein wichtiges Fazit der Studie – ist die beste Grundlage, um Arbeitslosigkeit
zu entgehen.Wer ist somit gefordert? Drilling plädiert für einen neuen, offen
kommunizierten Konsens zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Ziel müsse sein, dass die Verantwortung
gemeinsam wahrgenommen werde und nicht zwischen Vorortsgemeinden und Zentren hin- und hergeschoben werde.
Dafür nennt er zahlreiche erfolgreiche Ansätze, von Mentoring über Coaching und «1000-Franken-Jobs»
bis zu Kampagnen für Lehrstellen. Das Gewerbe, aber auch Vereine müssten vermehrt dabei unterstützt
werden, Plätze für Attestlehren und berufliche Eingliederung zu schaffen, fordert Drilling. «Die zahlreichen
vorhandenen Angebote brauchen ein gemeinsames ideelles Dach, damit sie öffentlicher, sichtbarer und
selbstverständlicher werden.»
Pieter Poldervaartwww.jugendarmut.ch |
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