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Was ist Schweizer Identität? Rainer Münz. Bild: Keystone
Die Zuwanderung verändert unser Land. Damit die Integration der Migranten gelingen
kann, muss die Schweiz zu einer offenen Heimat für alle werden, sagt
Migrationsforscher Rainer Münz.
Interview: Elias Kopf
Unser Land hat immer weniger eigene Kinder. Wird die Schweiz zum Rentnerstaat, der von den
Migranten am Leben erhalten wird?
Zuwanderung war - zumindest in der Vergangenheit - nicht direkt von der Geburtenzahl
abhängig. Bislang hatte Einwanderung vorrangig mit den besseren
Verdienstmöglichkeiten in der Schweiz sowie mit politischen Konflikten oder
wirtschaftlichen Problemen in den Herkunftsländern zu tun. Künftig wird
allerdings auch die demografische Entwicklung in der Schweiz für ein gewisses Mass an
Zuwanderung sorgen. Das Altern unserer Gesellschaft lässt sich aber durch Zuwanderung
nicht aufhalten. Mit oder ohne Einwanderung wird es in der Schweiz zukünftig deutlich
mehr alte Menschen geben.
Welche Möglichkeiten zur politischen Integration der Migrationsbevölkerung gibt
es heute?
Die politische Integration von Zuwanderern kann auf zwei Wegen erfolgen: Entweder wir
geben Ausländerinnen und Ausländern mehr politische Rechte oder wir ermutigen
sie zur Einbürgerung. Der Ausgang der Abstimmung vom 26. September 2004 ist dabei
freilich kein hilfreiches Signal. Eines sollten wir allerdings nicht übersehen: Auch
nach der bisherigen Rechtslage wurden in jüngerer Zeit jährlich 30'000 bis
35'000 Personen eingebürgert.
Kann die Schweiz angesichts des Zustroms von Menschen aus aussereuropäischen
Kontexten ihre Identität bewahren?
Ob Zuwanderung die Identität der Schweiz bedroht oder bereichert, ist nicht bloss
eine Frage der Integration jener, die neu zu uns kommen. Es hängt auch davon ab, wie
wir uns Schweizer Identität im 21. Jahrhundert vorstellen. Wenn wir uns für das
21. Jahrhundert eine weltoffene Heimat vorstellen, passen Eingebürgerte und Secondos
besser dazu, als wenn wir uns eine Schweiz als christlich-alpines Bollwerk gegen
Globalisierung und europäische Integration wünschen.
Drohen bei uns arabische, indische und afrikanische Parallelgesellschaften?
Parallelgesellschaften entstehen, wenn es beiden Seiten am Integrationswillen fehlt. Oder
wenn es keine gemeinsame Klammer mehr gibt. In Belgien ist dies zwischen Flamen und
Wallonen der Fall. Bei uns spricht man ja schon lange über den Röstigraben, der
alemannische Schweizer von den Romands trennt. Auch Migranten können in einer
Parallelgesellschaft leben. Wenn es dazu kommt, sind sie an dieser Entwicklung genauso
beteiligt wie jene Einheimischen, die auf völliger Assimilation der Zuwanderer
bestehen. Auch jahrelanger Aufenthalt ohne klares Aufenthaltsrecht verhindert Integration.
Für das Entstehen einer eigenen Subkultur ist es dabei egal, ob die Zugewanderten aus
Europa oder aus Übersee kommen.
Welche Einwanderung braucht die Schweiz?
In Zukunft geht es voraussichtlich darum, mehr gut qualifizierte Zuwanderer ins Land zu
holen. Um sie werden sich allerdings auch viele andere Staaten Europas bemühen. Denn
mit einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung ist zukünftig ganz Europa
konfrontiert.
Man spricht immer nur von Einwanderung. Doch auch Rückwanderung sowie Auswanderung
von Schweizern werden zunehmen. Welches sind die Folgen?
Auswanderung aus der Schweiz hat es in den letzten Jahrhunderten immer gegeben. Vor 150
Jahren geschah dies aus Not. Heute spielen Studienaufenthalte, Karrieren im Ausland oder
bessere Forschungsmöglichkeiten eine Rolle. Zurzeit wandern daher jedes Jahr einige
tausend Schweizer Bürger mehr ins Ausland ab, als von dort zurückkommen. Dadurch
wird unsere Bevölkerung noch nicht «instabil». Zunehmen wird allerdings
ohne Zweifel die Abwanderung älterer Menschen. Viele werden ihren Ruhestand nicht in
der Schweiz, sondern in einer Region mit besserem Wetter und niedrigeren
Lebenshaltungskosten zubringen.
Prof. Rainer Münz, aufgewachsen in Riehen, ist Senior Fellow der Migration Research
Group am Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA). Im Auftrag von Avenir Suisse hat er
an verschiedenen Studien zu den Themen Migration und Demografie mitgearbeitet.
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