«Hier leben Menschen aus 155 Nationen.»

In Basel-Stadt hat knapp ein Drittel der Bevölkerung einen ausländischen Pass, in Baselland knapp ein Fünftel. Das wird sich in den nächsten Jahren nicht gross ändern. Madeleine Imhof, Leiterin der Informationsvermittlung Statistisches Amt Basel-Stadt, Und August Lienin, Leiter Statistisches Amt Baselland, erklären, wieso.

Interview: Monika Wirth




Madeleine Imhof: «Zurücklehnen können wir uns nicht.»  Bild: pc

Frau Imhof, leben in Basel-Stadt zu viele Ausländerinnen und Ausländer?
Madeleine Imhof: Nein, denn «zu viele» würde heissen, dass wir riesige Probleme haben, die direkt auf die Anwesenheit von Ausländerinnen und Ausländern zurückzuführen sind. Und das ist nicht so.



Im Moment leben 56'000 Personen mit ausländischem Pass in Basel-Stadt, davon ist fast ein Viertel in der Schweiz geboren.
Der Ausländeranteil beträgt fast 30 Prozent, was vergleichbar ist mit anderen städtischen Werten: Die Stadt Zürich zum Beispiel weist aktuell ebenfalls 30 Prozent aus. Vor hundert Jahren lag der Wert im Kanton Basel-Stadt übrigens sogar bei 38 Prozent.




August Lienin: «Die ausländische Wohnbevölkerung ist jung.» Bild: pc


Herr Lienin, und in Baselland?
August Lienin: In Baselland ist der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung mit knapp 19% deutlich tiefer als in Basel-Stadt. Er konzentriert sich speziell auf den Bezirk Liestal mit über 25%. Die Oberbaselbieter Bezirke haben weniger als 15% Ausländerinnen und Ausländer.

Der höchste Ausländeranteil war in Basel-Stadt im Jahr 1900 zu verzeichnen. Was waren die Gründe?
Imhof: Damals war die Industrialisierung in vollem Gang, die Städte wuchsen, Industriezweige entstanden, das Schienennetz und Bahnhöfe mussten gebaut werden. Dafür wurden Arbeitskräfte gebraucht, die vom Land oder aus dem Ausland kamen. Viele Basler Familien hatten zudem Hauspersonal aus dem Badischen. Zur Jahrhundertwende waren rund 85 Prozent der Ausländerinnen und Ausländer im Kanton Basel-Stadt Deutsche, weitere 13 Prozent stammten aus anderen umliegenden Ländern. Schon damals gab es zum Beispiel eine ziemlich grosse italienische Gruppe.  


Nach dem zweiten Weltkrieg nahm die Zahl der Ausländerinnen und Ausländer in der Schweiz und auch in der Region stark zu. Was ist der Grund dafür?
Imhof: Bis in die 70er-Jahre hat man Menschen im Ausland zum Arbeiten in der Schweiz angeworben, das waren die so genannten Gastarbeiter. Das ist heute nicht viel anders, von Schweizer Firmen werden Spezialisten aus aller Welt angeworben. Weitere Gründe für Einwanderung sind binationale Partnerschaften und der Familiennachzug. Und im Asylbereich gibt es Schwankungen: Der Balkankrieg, politische Spannungen und Repressionen etwa in der Türkei und in afrikanischen Ländern oder Naturkatastrophen sind natürlich auch mit einer schwierigen wirtschaftlichen Situation in den betroffenen Ländern verbunden. Das führt zum an sich legitimen Verhalten, woanders ein Auskommen zu suchen. Bis weit ins 19. Jahrhundert sind Schweizerinnen und Schweizer übrigens aus denselben Gründen aus der Schweiz ausgewandert.


Ist der Ausländerstand auch ein Anzeiger für die Wirtschaftskraft einer Region?
Lienin: Sicher, denn in den Unternehmen der Region sind rund 30% der Beschäftigten Ausländerinnen und Ausländer. Die Wirtschaft ist in der Schweiz seit Jahrzehnten auf die ausländischen Arbeitskräfte angewiesen. Die regionale Wirtschaft mit ihrer starken Exportabhängigkeit wird deshalb angesichts der demografischen Entwicklung weiterhin auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen sein.

Imhof: Es besteht weltweit eine Tendenz zu mehr Mobilität, die nicht nur vom wirtschaftlichen Umfeld abhängig ist. Es sieht aber so aus, dass jetzt vermehrt gut qualifizierte Arbeitskräfte kommen. Wir gehen davon aus, dass bereits gut 20 Prozent der hier lebenden Ausländerinnen und Ausländer eine Tertiärausbildung, das heisst eine Hochschulausbildung, haben. Das ist fast das Doppelte des Wertes von 1990.



Und woher kommen die Ausländerinnen und Ausländer heute?
Imhof: Im Moment leben in Basel-Stadt Menschen aus 155 Nationen. Wenn man die Bewegungen seit 1974 anschaut, zeigt sich, dass die Anzahl der Menschen aus den typischen Gastarbeiternationen Italien, Spanien, auch aus der Türkei in den letzten Jahren stagniert bzw. leicht abnimmt. Während des Konflikts auf dem Balkan haben Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien ihre Familien hierhergeholt, das ist normal in einer Krisensituation. Es kamen aber auch Flüchtlinge. Fasst man diese Ländergruppe zusammen, kommt heute die grösste Gruppe der hier lebenden Ausländerinnen und Ausländer aus dem ehemaligen Jugoslawien. Danach stellen Italien und Deutschland die grössten Gruppen, das hängt auch mit unserer Grenzsituation zusammen. Und seit den Bilateralen Verträgen nimmt der Anteil der Deutschen deutlich zu. Bald werden sie wie früher die grösste Gruppe stellen. In der Stadt Zürich sind sie bereits jetzt die am stärksten vertretene Nation.




Und in Baselland?
Lienin:  In Baselland stellt sich die Situation etwas anders dar. Ein Viertel der Ausländerinnen und Ausländer ist heute italienischer Staatsangehörigkeit. Ihre Zahl ist mit 12'000 seit längerem relativ konstant, anteilsmässig ist sie jedoch zurückgegangen. Die zweitgrösste Gruppe stellen die Länder aus Ex-Jugoslawien mit 9'500 Personen. Ihre Zahl hat sich seit Beginn der Neunzigerjahre verdoppelt. Ebenfalls stark zugenommen haben die Personen aus Deutschland, die mit 6'400 Personen die drittgrösste Gruppe stellen, vor den Menschen aus der Türkei.


Welche Ausländerinnen und Ausländer sind gut integriert, welche weniger gut? Kann man den Grad der Integration von Zugewanderten überhaupt statistisch festhalten?
Imhof: Integration hat eine Zeitkomponente. In der Regel ist besser integriert, wer länger hier ist. Auch wer aus einem grösseren Ballungszentrum kommt oder gut gebildet ist, hat es leichter, sich einzuleben. Wenn man Integration als gleichberechtigte Teilhabe aller Bevölkerungsgruppen am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben versteht, dann kann man den Grad der Integration untersuchen. Ein Teilbereich ist zum Beispiel das Thema Bildung: Ausländerinnen und Ausländer gehen insgesamt deutlich weniger ins Gymnasium als Schweizer Kinder. Aber deutsche Jugendliche machen häufiger Matur als Schweizer.


Werden die jungen Ausländerinnen und Ausländer in einigen Jahren unser Sozialversicherungssystem retten?
Lienin: Die ausländische Wohnbevölkerung ist relativ jung. Sie trägt damit zur Stabilisierung der Wohnbevölkerung bei. Ohne Ausländerinnen und Ausländer würde sich die Situation bei den Sozialversicherungswerken ungünstiger auswirken. Sie können finanziell aber nur gesichert werden, wenn die Leistungen der Zukunft der zukünftigen Wirtschaftskraft entsprechen, das heisst, die Renten sind abhängig vom Wirtschaftswachstum.


Doch jetzt belasten Ausländerinnen und Ausländer das Sozialversicherungssystem, indem sie mehr IV und mehr Sozialhilfe als Schweizerinnen und Schweizer beanspruchen. Stimmt das?
Lienin: Ja, das stimmt, wenn man das anteilmässig betrachtet. So sind ausländische Arbeitskräfte stärker von Arbeitslosigkeit betroffen. Ihr Anteil an den Working Poor ist besonders gross. Auch sind sie in  Branchen beschäftigt, in denen Berufsunfälle und -krankheiten häufiger vorkommen.


Die hohe Kriminalitätsrate von «Ausländern» ist Anlass für Ärger. Wie hoch ist sie wirklich? Wie erklärt man das?
Imhof: Dazu gibt es viele Quellen. Die letzthin bekannt gemachten Zahlen der Staatsanwaltschaft deuten auf eine allgemein steigende Kriminalitätsrate in Basel-Stadt hin. Es ist erfreulich, dass man bei den ausländischen Delinquenten eher von Stagnation oder sogar einem leichten Rückgang sprechen kann. Allerdings werden Ausländerinnen und Ausländer immer noch rund viermal häufiger verurteilt als Schweizerinnen und Schweizer. Dabei muss man aber die Verstösse nach Gesetz unterscheiden: Am grössten ist die Anzahl jener Ausländerinnen und Ausländer, die gegen das Gesetz über den Aufenthalt und die Niederlassung von Ausländern in der Schweiz (ANAG) verstossen. Aber auch bei Verstössen gegen das Strassenverkehrs-, das Betäubungsmittel- und das Strafgesetz ist der Ausländeranteil fast doppelt so hoch. Zudem ist bekannt, dass besonders junge ausländische Männer, die hier wenig Perspektiven haben, kriminell werden. Das zeigt ganz klar, dass hier der Integrationsbedarf sehr gross ist. Allerdings muss man auch sehen, dass mehr als die Hälfte der durch das Strafgericht beurteilten Personen nicht im Kanton Basel-Stadt wohnhaft ist. Im letzten Jahr hatte fast ein Drittel der ermittelten Täter ihren Wohnsitz im Ausland. Dass Ausländerinnen und Ausländer durchschnittlich öfter gegen das Gesetz verstossen als Schweizerinnen und Schweizer, lässt sich nicht wegdiskutieren. Doch die öffentliche Wahrnehmung ist stark geprägt vom Verhalten einer kleinen Gruppe wie etwa der Raser oder Kriminaltouristen. Ich finde es sehr ungerecht, wenn deshalb einzelne Nationen pauschal verurteilt werden.


Es gibt Quartiere in der Stadt, aber auch in Baselland, die einen viel höheren Ausländeranteil aufweisen als andere. Ist heute eine stärkere räumliche Separierung bei den Zuwanderer-Gruppen zu beobachten?
Imhof: Seit den letzten zehn Jahren nimmt die Separierung ab. Das ist ein Hinweis dafür, dass die Integration am Fortschreiten ist. Am gleichmässigsten sind Personen aus Deutschland über die Stadt verteilt, auch die Menschen aus Italien und Spanien verteilen sich zunehmend besser. Viele davon sind Angehörige der zweiten und dritten Generation, die von den Beschränkungen des Wohnungsmarkts, von den Vorbehalten der Vermieter nicht mehr betroffen sind. Die Stigmatisierung nimmt mit der Zeit ab. Es gibt sicher Quartiere mit starkem Durchgangsverkehr und Häusern mit Sanierungsbedarf, wo jene Menschen leben, die nichts anderes bekommen. Menschen aus Bosnien und Herzegowina, Mazedonien und Serbien-Montenegro sind zum Teil noch nicht so lange da, und sie werden im Moment in diesen wenig attraktiven Wohnraum abgedrängt. Es geht etwa 15 Jahre, bis eine zunächst stigmatisierte Gruppe akzeptiert wird. Ich habe den Eindruck, dass zum Beispiel die türkische Gruppe langsam in diesen Bereich kommt.
Lienin: Die ausländische Wohnbevölkerung ist im Baselbiet sehr unterschiedlich verteilt. Das Muster unterscheidet sich jedoch nicht wesentlich von jenem in der Stadt. Einzelne Gemeinden mit sehr günstigem Wohnraum haben einen entsprechend hohen Ausländeranteil aus Ex-Jugoslawien und der Türkei. Einen doppelt so hohen Ausländeranteil wie im Kantonsdurchschnitt hat die Gemeinde Pratteln mit gut 37%. Hier stellen sich besondere Probleme bei der schulischen Eingliederung der Kinder.


Wie wird sich die Bevölkerungsstruktur in Baselland bis in 30 Jahren verändern?
Lienin: Die Wohnbevölkerung des Baselbiets hat sich von 1950 bis 1973 verdoppelt. Es war das stärkste Bevölkerungswachstum aller Kantone. Zwei Drittel des Wachstums gingen auf die Zuwanderung zurück und nur ein Drittel auf den Geburtenüberschuss. Dieses starke Wachstum der Fünfziger- und Sechzigerjahre wird in den nächsten Jahrzehnten zu einer entsprechend starken Alterung der Bevölkerung führen. Die Zahl der Rentnerinnen und Rentner wird in den nächsten 30 Jahren um bis zu 75% zunehmen. Die Zahl der Geburten bei den Schweizerinnen wird in den nächsten Jahren massiv abnehmen. Die Geburten bei der ausländischen Wohnbevölkerung haben in den letzten Jahren zugenommen und erreichen gegenwärtig 28 Prozent aller Geburten.



Was heisst das für den Anteil der ausländischen Bevölkerung? Wie sieht das für den Stadtkanton aus?
Imhof: In Basel-Stadt sind wir in einer relativ guten Position, weil die «Überalterung» fast schon auf dem höchsten Level ist. Als Stadtkanton und mit der Zentrumsfunktion haben wir viele Arbeitsplätze und Ausbildungsstätten, die junge Menschen anziehen. Und viele bleiben hier. Bei gleich bleibender Einbürgerungspraxis wird der Ausländeranteil steigen, selbst wenn die Zuwanderung nicht zunimmt. Das hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen, unter anderem damit, dass Secondos und Terceros Kinder bekommen, die immer noch einen ausländischen Pass haben.


Wo sehen Sie persönlich die grössten Probleme der Zuwanderung nach Basel und in die Region? Wo liegen die Chancen?

Lienin: Die demografische Entwicklung führt ohne Zuwanderung zu einem Rückgang der Beschäftigung. Wachstum ist also eng verknüpft mit der Zuwanderung. Diese muss mit vermehrten Anstrengungen zur Integration insbesondere in den Schulen verbunden sein.

Imhof: Ich bin ein optimistischer Mensch, ich sehe keine Probleme, sondern Herausforderungen; zurücklehnen können wir uns nicht. Es gibt Integrationsdefizite bei der Gastarbeitergeneration, dort hat die Wirtschaft versagt. Und wir sollten nicht dieselben Fehler zweimal machen, das heisst: Das Integrationsgesetz sollte unbedingt von allen Wirtschaftskreisen unterstützt werden. Eine ganz grosse Herausforderung sind für mich die Jungen: Ihnen müssen Staat und Wirtschaft Perspektiven für ein erfolgreiches Berufsleben aufzeigen, dabei muss es auch Arbeitsstellen für weniger Qualifizierte geben. Zuwanderung erzeugt immer Reibung. Aber wenn diese überwunden ist,   war Zuwanderung immer eine Bereicherung, sowohl für die Wirtschaft wie für die Gesellschaft.

www.statistik.bs.ch |  www.bl.ch/stabl

Kennzahlen zur Integration unter:
www.statistik.bs.ch/kennzahlen/akt/akt_integration



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