Jugend macht Zeitung.

Jugend macht Zeitung als PDF File.


Anders sein, aber nicht OUT!

Auszüge aus den Beiträgen der KLASSE VORLEHRE A DER SCHULE FÜR BRÜCKENANGEBOTE.
Vollständiger Beitrag im PDF-File.

Unsere Klasse besteht aus 14 Schülerinnen und Schülern: Ünal 18, Dan 18, Zenel 18, Lule 18, Maria 19, Michel 17, Sandra 17, Sokol 17, Saskia 16, Emrah 17, Vergin 17, Ümmühan 17, Fatma 16 und Pascal 18. Wir kommen aus der Schweiz, der Türkei, der Dominikanischen Republik, aus Kosovo, Thailand und Sri Lanka. An zwei Tagen der Woche besuchen wir die Schule, an drei Tagen absolvieren wir ein Praktikum. Die Praktikumsplätze sind in verschiedenen Betrieben und wir lernen unterschiedliche Berufe kennen: Detailhandelsangestelle/-r, Pflegeassistentin, Maler, Kleinkinderzieherin, Verkäuferin. Unsere Klassenlehrerin ist Frau Zeynep Yerdelen Fanti.





ICH WOLLTE, DASS MAN AUF MICH AUFMERKSAM WIRD

INTERVIEW MIT ERHAN*, 19 JAHRE ALT. WAR IN EINER GRUPPE VON GEWALTTÄTIGEN  JUGENDLICHEN, ZOG MIT IHNEN DURCH DIE STADT UND SCHLUG ZU, WENN IHM ETWAS NICHT PASSTE. ÜMMÜHAN, EMRAH UND ZENEL TRAFEN IHN UND SPRACHEN MIT IHM ÜBER DIE ZEIT MIT GEWALT.

FINDEST DU ES GUT, DASS DIE MENSCHEN SICH GEGENSEITIG SCHLAGEN?
Nein, ich habe ja früher selber geschlagen, und daher weiss ich, was das heisst. Leute, die schlagen,  wollen sich zeigen, auf sich aufmerksam machen. Ich wollte auch, dass man auf mich aufmerksam  wird. Das bringt aber nichts, eben wirklich nichts. Man macht nur die eigene Zukunft kaputt.

WIE KAM ES BEI DIR ZU SCHLÄGEREIEN?
Es ist fast bei allen Schlägereien so; entweder guckt jemand dich schief an oder beleidigt dich   rgendwie. Aus solchen Gründen habe auch ich zugeschlagen.

WARST DU MITGLIED EINER GANG-GRUPPE?
Also, ich hatte keine Gruppe oder so. Ich hatte viele Kollegen, die habe ich eben immer noch, aber ich  war nie in einer Gruppe, auch jetzt nicht.

BIST DU WEGEN SCHLÄGEREIEN MAL AUF DEN POLIZEIPOSTEN MITGENOMMEN WORDEN?
Ja, sogar mehrmals.

DU KOMMST AUS DER TÜRKEI. MUSSTEST DU DESWEGEN IN DEINE HEIMAT ZURÜCKGEHEN?
Ja, man wollte mich zurück in die Türkei schicken. Da ich noch jung bin, haben sie mir noch mal eine Chance gegeben. Es ist dann auch die letzte Chance!

KANNST DU UNS SAGEN, WARUM DU IMMER GESCHLAGEN HAST? HAT ES AUCH DAMIT ZU TUN, DASS  DU EIN AUSLÄNDER BIST?
Nein. Ich habe sogar auch ausländische Leute geschlagen, wenn sie mich nervten oder meine Kollegen  stressten.

LEBST DU NOCH BEI DEINER FAMILIE?
Nein, ich lebe mit meiner Freundin zusammen. Meine Eltern sind schon in die Heimat zurückgegangen.

WAS WILLST DU DEN JUGENDLICHEN SAGEN?
Also, ich möchte euch sagen, dass Gewalt anzuwenden Scheisse ist! Versucht eure Probleme anders zu lösen. Wendet ja keine Gewalt an.

*Name geändert




MOBBING KANN DEIN LEBEN ZUR HÖLLE MACHEN!

Fatma ist Türkin und wurde wegen ihrer Herkunft auch schon angepöbelt. Sie erklärt das Wort  «Mobbing».

Mobbing in der Schule. Was ist Mobbing? Das Wort Mobbing stammt aus dem Englischen und bedeutet «anpöbeln». Mobbing ist nichts anderes, als einen Mitmenschen fertig zu machen. Das kann sogar mehrere Jahre dauern.

Wie entsteht Mobbing? Es beginnt sehr harmlos. Es fängt mit dummen Sprüchen an, wird mehr und  knallhart. Es kann auch Formen von mündlichen oder schriftlichen Drohungen geben. Die gemobbten  Menschen fühlen sich ganz allein.

Wer ist Mobber/-in? Es können Leute sein, die sich stark fühlen wollen, die eventuell soziale oder  schulische Probleme haben und deshalb andere, vor allem schwächere Menschen, mobben.

Wer sind die Opfer? Eigentlich können alle Menschen betroffen werden. Man schätzt, dass an  Universitäten und Schulen etwa jeder Zehnte unter Mobbing leidet. Auch unter den Schülerinnen und  Schülern ist Mobbing sehr verbreitet.

Die Folgen von Mobbing. Menschen, die gemobbt werden, sind unter extremem Stress und werden auch  psychisch krank. Sie leiden unter Depressionen und haben Angst vorm Versagen. In wenigen Fällen  kann es sogar zum Selbstmord kommen. Die häufigsten gesundheitlichen Störungen sind  Kopfschmerzen, Schweissausbrüche, Magen- und Gallenbeschwerden, Rückenschmerzen und Schlafstörungen. Gegen Mobbing kann man sich wehren, indem man sich Hilfe holt. Zum Beispiel bei den Lehrern oder der Schulpsychologin oder bei anderen Beratungsstellen.

Hier sind Adressen von Stellen, an die man sich wenden kann:
Schulpsychologischer Dienst, Austrasse 67, 4045 Basel, 061 272 69 00
Jugendberatung, Theodorskirchplatz 7, 4058 Basel, 061 683 08 80
Beratungstelefonnummer: 147
www.mobbing-info.ch | www.kidsmobbing.de





UNTERWEGS MIT SIBEL ARSLAN, GROSSRÄTIN (BÜNDNIS)

WIR BEGLEITEN DIE NEU GEWÄHLTE SIBEL ARSLAN EINEN HALBEN TAG UND STELLEN IHR DABEI FRAGEN. SIE HAT AN DIESEM NACHMITTAG EINE VORLESUNG AN DER UNIVERSITÄT. SIE STUDIERT JURA.



WIE ALT BIST DU?
Ich bin 24 Jahre alt.

DU BIST SCHWEIZERIN, SONST WÜRDEST DU JA NICHT IN DEN GROSSEN RAT GEWÄHLT WERDEN. WO KOMMST DU URSPRÜNGLICH HER?
Ich bin in der Türkei geboren, ich bin Kurdin.

SEIT WIE VIELEN JAHREN LEBST DU IN DER SCHWEIZ?
Seit 13 Jahren.

WANN BIST DU MIT DEINER FAMILIE IN DIE SCHWEIZ GEKOMMEN?
Ich war 11 Jahre alt, als wir nach Basel kamen.

HAST DU GESCHWISTER?
Ja, Zwei Brüder. Sie sind 20 und 22 Jahre alt.

WAR DIE SCHULE UND DEUTSCH LERNEN SCHWIERIG FÜR DICH?
Es war nicht sehr einfach. Aber ich war jung, so konnte ich die Sprache ziemlich schnell lernen.

WELCHE SCHULEN HAST DU BESUCHT?
Zwei Jahre die Fremdsprachenklassen, und dann kam ich ins Gymnasium Bäumlihof. Ich habe dort die Maturität gemacht. Danach fing ich an, Jura zu studieren.

WARUM WOLLTEST DU JURA STUDIEREN?
Weil ich als Tochter eines Flüchtlings und Ausländers schon immer mit Recht zu tun hatte, war auch mein Interesse daran gross. Ich habe ein starkes Gerechtigkeitsgefühl.

WIE BIST DU AUF DIE POLITIK GEKOMMEN?
Mein Vater war politisch. Deswegen war und ist über die Politik zu reden, immer der Alltag in meiner Familie. Ich kenne die Probleme der Jugendlichen und Migranten/-innen aus eigener Erfahrung sehr gut. Ich wollte hier politisch aktiv werden, weil ich nicht mehr in die Türkei zurückgehen will. Ich habe mir eine Partei ausgesucht, die mir entsprach.

UND WIESO PARLAMENT?
Ich lebe in einer Gesellschaft. Es passieren viele Dinge und ich möchte mitbestimmen und etwas bewirken. Und das kann ich im Moment, indem ich in der parlamentarischen Politik mitwirke.

WAS SAGEN DEINE ELTERN UND FREUNDE DAZU?
Alle haben sich gefreut. Nicht alle interessieren sich für die Politik, aber sie finden trotzdem toll, dass ich gewählt wurde. Meine Eltern unterstützen mich sehr.

DU STUDIERST, DU BIST GROSSRÄTIN, HAST DEINE FAMILIE. HAST DU NOCH ZEIT FÜR DEINE FAMILIE UND ZUM AUSGEHEN?
Im Moment habe ich nicht so viel Zeit wie früher. Ich nehme mir schon noch Zeit für Familie und Freunde. Und zum Ausgehen nehme ich mir immer Zeit, denn ich bin gerne mit Freunden zusammen und amüsiere mich auch gerne.

MÖCHTEST DU DEN JUNGEN MENSCHEN ETWAS SAGEN?
Jeder und jede soll den Weg gehen, den er oder sie anstrebt. Man soll nie aufgeben.

Vielen Dank für deine Bereitschaft, mit uns zu sprechen.
Maria 19 | Ljuljmire 18 | Vergin 17





JETZT WILL ICH DIE SZENE VERGESSEN

DIE HARD-CORE-SZENE GAB FABIO* FRÜHER EINMAL KRAFT UND ANERKENNUNG. TROTZDEM IST ER NICHT MEHR DABEI.

   Illustration von Ünal


Fabio* hatte eine ganz andere Meinung über Ausländer als wir. Er war mal in einer Szene. Die Szene war nicht die Neonazi-Szene, sondern die HC-Szene. Er hatte Probleme mit Ausländern. Sie hätten ihn nicht respektiert, und so habe er auch den Ausländern gegenüber den Respekt verloren, sagt er. In der Szene, in der er war, wurde er hingegen respektiert. Deswegen ist er ja in dieser Szene gewesen. Ihn könne man sehr schnell provozieren. Das war schon immer so. Wir haben ihn getroffen und mit ihm über die Zeit, in der er in der HC-Szene war, gesprochen.

WIE BIST DU ZU DIESER SZENE GEKOMMEN?
Ich kam durch die Kumpel in die Szene.

HATTE DIESE GRUPPE FÜR DICH EINE BEDEUTUNG? WELCHE?
Die Gruppe gab mir Kraft, Anerkennung, Mut und Sicherheit. Die Kumpel waren für mich da.

WAS IST MIT DEINER FAMILIE?
Ich hatte Probleme zu Hause, meine Mutter war sehr krank.

DU BIST JA NICHT MEHR IN DER SZENE. WIE BIST DU DA RAUSGEKOMMEN?
Es gab öfters Polizeikontrollen. Einige Leute von der Gruppe haben Drogen genommen und damit wollte ich nichts zu tun haben. Mein Onkel hat das alles mitbekommen. Er hat auf mich eingeredet.

WAS HAT ER GESAGT?
Er sagte, dass ich die Szene vergessen soll, weil sie mir meine Zukunft kaputtmacht. Ich solle mich um eine Lehrstelle kümmern.

HATTE DEIN ONKEL RECHT?
Ja, er hatte vollkommen Recht.

WAS IST DEIN TRAUMBERUF?
Ich möchte gerne im Wald arbeiten. Als Hilfsförster zum Beispiel.

HAST DU SCHON EINE SCHNUPPERLEHRE GEMACHT?
Ja, bei einem Förster. Dort durfte ich mit der Kettensäge Bäume sägen, es war toll und sehr  interessant.

HAST DU DIE LEHRSTELLE?
Nein, noch nicht. Aber ich bin am Suchen.

Wir danken dir, dass du dir Zeit genommen hast, mit uns zu sprechen, und viel Glück bei der Lehrstellensuche.
Interview: zwei Schüler der Klasse Vorlehre A, 17 und 18 Jahre alt.
* Name geändert


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