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 Multikulturalität ist in Kanada Staatsprinzip. Programme wie «Access
Toronto» fördern die Integration der Eingewanderten und vermitteln bei
Konflikten. Ziel
ist ein tolerantes Nebeneinander der verschiedenen Identitäten.

In Toronto leben 2,5 Millionen Menschen. Bild: Keystone
Noch vor zwei Generationen verstand sich Kanada als «weisse
Siedlergesellschaft»; auch in den Städten waren über vier Fünftel der
Bevölkerung britischer Herkunft. Davon ist heute nichts mehr zu spüren. Im
Gegenteil: Toronto - mit 2,5 Millionen Einwohnern grösste Stadt des Landes - hat sich
zu einer globalen Vielvölker Gesellschaft entwickelt. Neben der angelsächsischen
Bevölkerungsmehrheit prägen Eingewanderte aus Süd- und Osteuropa sowie aus
Asien und der Karibik das Strassenbild.
Eine integrative Kultur schaffen
Eingeleitet wurde die globale Zuwanderung durch eine radikale Neuausrichtung der
Einwanderungspolitik Ende der 60er-Jahre: «Damals öffnete Kanada das Tor zur
Welt, indem es ein Punktesystem für Einwanderung einführte, das auf
Beschäftigung, Ausbildung, Sprache, Fähigkeiten und Alter beruht», stellt
Myer Siemiatycki von der Ryerson Polytechnic University in Toronto fest. Zudem wurde jede
Diskriminierung aus rassischen, religiösen oder ethnischen Gründen verboten und
Multikulturalität zum Staatsprinzip erhoben: «Die Regierung anerkennt, dass
Multikulturalität die kulturelle und die rassische Verschiedenheit der kanadischen
Gesellschaft spiegelt, und sie bekräftigt die Freiheit aller Gesellschaftsmitglieder,
ihr kulturelles Erbe zu bewahren und zu fördern», heisst es seit 1985 in der
kanadischen Verfassung. Einwanderer können somit die kanadische
Staatsbürgerschaft annehmen, ohne ihre eigene Kultur aufzugeben. Als Kanadierinnen
und Kanadier sind sie allerdings verpflichtet, die Grundwerte von Demokratie und Freiheit
mitzutragen. Damit avancierte Toronto rasch zum attraktiven Einwanderungsziel für
Menschen aus China, Vietnam, Indien, Sri Lanka, Jamaika, Lateinamerika und Afrika. Diese
offiziell «sichtbare Minderheiten» genannten Gruppen umfassen mittlerweile
fast zwei Fünftel der Stadtbevölkerung. Die Herausforderung besteht heute darin,
eine integrative politische Kultur zu schaffen, wie Siemiatycki konstatiert.
Zonenplanung ist Knacknuss
Schon vor 25 Jahren wurde in Toronto ein erstes beratendes Komitee für ethnische
Beziehungen (advisory committee on community race and ethnic relations) eingesetzt.
Seither hat man ein ganzes Bündel von Massnahmen umgesetzt, um die Beteiligung der
Zugewanderten am Stadtleben zu verbessern. Grosse Bedeutung hat vor allem das
Integrationsprogramm «Access Toronto». Über einen umfassenden
telefonischen Dolmetscher-Service sind beispielsweise Auskünfte in über 150
Sprachen zugänglich. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Access Toronto helfen
auch, die richtigen Ansprechpartner bei Behörden und Ämtern zu finden. Daneben
werden Publikationen wie die in 12 Sprachen erhältliche Broschüre «Unsere
Stadt» bereitgestellt, mit denen sich Neuzuziehende einen Überblick über
die städtischen Dienste verschaffen können. Unter Zonenplanung heisst es
beispielsweise: «Bevor mit einem Bau oder Abbruch begonnen werden kann, braucht es
eine Baugenehmigung.» Was harmlos klingt, führt in der Praxis immer wieder zu
Konflikten. Insbesondere die Einrichtung von Moscheen stösst häufig auf
Widerstand. Aber auch jamaikanische Gemeinschafts- oder chinesische Einkaufszentren und
Bestattungshallen rufen die Anwohnerschaft auf den Plan.
Einwanderung lohnt sich
Solche Raumplanungskonflikte führen unter den Vertretern der Eingewanderten zu
besonders bitteren Gefühlen von Marginalisierung und ungerechter Behandlung.
Andererseits gibt gerade die Vermittlung in Streitigkeiten den Behörden ein probates
Instrument an die Hand, um die verschiedenen Bevölkerungsgruppen an einen Tisch zu
bringen und Toleranz einzuüben. Zu diesem so genannten «Diversity
Management» gehören auch Programme, die ganz allgemein auf ein besseres
gegenseitiges Verständnis zielen, wie Diversity Manager Ceta Ramkhalawansingh
gegenüber der Migrationszeitung erklärte. Beispielsweise wurden in zwei
Stadtteilen, in denen viele Neuzugezogene aus Hongkong leben, mehrere Ausstellungen zur
chinesischen Einwanderung organisiert, oder es fanden Diskussionsveranstaltungen an
Schulen statt. Trotz dieses erheblichen Aufwandes steht für kanadische Politikerinnen
und Politiker ausser Frage, dass Migration nötig ist. Erst kürzlich
bekräftigte Staatssekretär Jean Augustine vor dem Economic Club in Toronto:
«Ein Viertel der Angestellten geht in den nächsten zehn Jahren in Pension.
Einwanderung ist wirklich unsere Chance - sowohl aus wirtschaftlicher wie auch aus
gesellschaftlicher Perspektive.»
Elias Kopf
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