«Integrationsfragen gehen alle an.»


Fordert Integrationsbereitschaft: Micheline Calmy-Rey. Bild: Keystone

«Die Schweiz ist keine Insel im Europäischen Ozean», sagt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey im Interview mit der Migrationszeitung. Sie sieht Zuwanderung als Bereicherung, solange die Grundwerte von Demokratie und Rechtsstaat gewahrt bleiben.

Interview: Elias Kopf


In der Schweiz wird der rote Pass hochgehalten. Sind Geburtsort, Sozialisation und kulturelle Prägung nicht viel wichtiger?

Micheline Calmy-Rey: Selbstverständlich sind alle Aspekte wichtig. Einerseits gilt in der Schweiz bekann-termassen das «ius sanguinis». Das heisst, dass ein Kind von Ausländerinnen und Ausländern nicht als Schweizerin oder Schweizer geboren wird, auch wenn seine Eltern, Grosseltern und Urgrosseltern schon in der Schweiz gelebt haben. Andererseits ist die schweizerische Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten doch vielfältiger geworden. In der Schweiz sind die meisten Migrantinnen und Migranten in jeder Beziehung integriert, die Anzahl binationaler Eheschliessungen ist beachtlich, und auch die Mobilität von Schweizerinnen und Schweizern hat markant zugenommen. Ohne die Bedeutung der Staatsbürgerschaft hinunterspielen zu wollen, kann man sicher sagen, dass «Citoyenneté» noch mehr umfasst als ein rotes oder andersfarbiges Reisedokument. In diesem erweiterten Sinn gestalten alle Menschen, die in diesem Land leben, die Schweiz jeden Tag mit: im Alltag, im kulturellen Leben, beim Einkaufen, in der Schule, im Fussballverein.


Der Versuch, das GeburtsortKriterium via erleichterte Einbürgerung mit dem AbstammungsKonzept zu verschmelzen, ist an der Urne gescheitert. Welche Perspektiven zur politischen Integration des ausländischen Bevölkerungsteils gibt es?

Obwohl das Resultat der Abstimmung vom 26. September 2004 für mich persönlich enttäuschend war, sehe ich doch auch mehrere Silberstreifen am Horizont: Voraussichtlich ab 1. Januar 2006 werden einheitliche Gebühren für die Einbürgerung gelten. Das heisst, eine Einbürgerung wird überall in der Schweiz nur noch einige hundert Franken Verwaltungsgebühren kosten und nicht mehr mehrere Monatslöhne, wie das bisher in vielen Gemeinden der Fall war. Dann ist auch zu erwähnen, dass das Stimmrecht für Ausländerinnen und Ausländer auf Kantons- und Gemeindeebene zwar sehr langsam, aber sicher auf dem Vormarsch ist. Daneben gibt es auch andere Formen wie Ausländerbeiräte, welche den Migrantinnen und Migranten in der Schweiz eine Mitsprache ermöglichen.


Integration setzt neben Aufnahmebereitschaft seitens der Schweiz auch voraus, dass Personen kommen, die unser System mittragen wollen. Kann die Politik hier Weichenstellungen vornehmen?

Das Integrationskapitel, welches im neuen Ausländergesetz vorgesehen ist, räumt dieser Frage grossen Stellenwert ein. So ist zum Beispiel vorgesehen, dass die Behörden die schweizerische Bevölkerung aktiver über die spezifische Situation der Ausländerinnen und Ausländer informieren. Es sind hier aber nicht nur die Behörden gefragt: Integration ist ein Prozess, der Schweizer/-innen und Ausländer/-innen gleichermassen betrifft. Die zuwandernden Personen müssen bereit sein, sich mit den schweizerischen Gegebenheiten vertraut zu machen, die Prinzipien und Grundwerte des demokratischen Rechtsstaates wie Gleichheit der Geschlechter und so weiter anzuerkennen und sich beispielsweise aktiv in die Schulbildung ihrer Kinder einzubringen, wie das in der Schweiz üblich ist. Auch die Bereitschaft, eine Landessprache zu erlernen, ist ein wichtiger Beitrag zur Integration. Wir werden deshalb Migrantinnen und Migranten in Zukunft noch besser über die bestehenden Angebote wie Sprach- und Integrationskurse informieren.


Unser Land wird immer mehr zur Insel im «Europäischen Ozean». Hat das Konzept der «Schweiz als Willensnation» noch Zukunft?

Ich bin mit Ihnen nicht einig, dass die Schweiz eine Insel im «europäischen Ozean» ist. Die Schweiz ist ein zutiefst europäisches Land und ist mit ihren Nachbarländern von jeher aufs Engste verbunden. Die Willensnation Schweiz war und ist gerade dank der Zuwanderung unserer ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger und ihrer traditionellen Vielfältigkeit zukunftsfähig. Ausländer und Ausländerinnen haben von jeher unser Land mit kulturellen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Impulsen bereichert und uns damit Einheit in Vielfalt beschert. Ganz pointiert hat es einst Jean-Jacques Rousseau formuliert: «Ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen und das Land niemandem gehört.»


zurückblättern
blättern