Die Schattenseite von Liestal

Einen besonders guten Ruf geniesst das Fraumatt-Quartier im Norden von Liestal nicht. Doch den Bewohnerinnen und Bewohnern gefällt es hier.


Die Weihermatt-Blöcke in Liestal.

Das Fraumatt-Quartier liegt auf Liestals Schattenseite, die Ergolz und die J 2 trennen die Gegend vom "Stedtli" ab. Das Quartier wird gerne als "Ghetto von Liestal" bezeichnet, ein Ausdruck, der eine ganze Reihe von Vorurteilen anklingen lässt: Ausländer, schlechte Wohnungen, dreckige Strassen und Gewalt. Tatsächlich sind die Weihermatt-Blöcke nicht unbedingt eine Zierde. Und tatsächlich wohnen hier viele Leute, die nicht in der Schweiz geboren sind: Etwa die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner von Kesselweg und  Fraumattstrasse hat einen ausländischen Pass; total liegt der Ausländeranteil in Liestal bei 25 Prozent. Doch grundsätzlich gilt: Wer in einen der Blöcke zieht, tut es meist aus finanziellen Gründen - egal, ob Schweizerin oder Ausländer.

Die Bewohnerinnen und Bewohner der Fraumatt würden ihr Quartier nie als "Ghetto" bezeichnen. "Die Leute hier sind viel toleranter als in einem Einfamilienhausquartier", sagt etwa Ernst Gebhard, Präsident des Quartiervereins Liestal Nord, Einwohnerrat und Abwart im Fraumattschulhaus. Wenn es in letzter Zeit zu Problemen mit Jugendlichen kam, stand die Gegend am Bahnhof im Zentrum und nicht die Fraumatt. Doch auch Gebhard hat festgestellt, dass seine Nachbarn mit den Jahren "fremder geworden" sind. Er wünscht sich, dass die Leute ihr Quartier mehr geniessen würden und dass sie mehr Kontakte knüpfen würden.


Ernst Gebhard ist langjähriger Abwart an der Primarschule Fraumatt.

Deutschkurse für Frauen
Bei der Familie Karadeniz wird das getan. Weil Gülsare Karadeniz Mühe mit Deutsch hatte, ergriff ihr Mann Ibrahim vor vier Jahren die Initiative zur Schaffung von Deutschkursen für Frauen. Erst lief das Projekt unter der Leitung der Integrationskommission, der auch Ibrahim Karadeniz angehört, nun hat es die Gemeinde übernommen. Kommissionspräsidentin Annegreth Zimmermann-Martin kann die Wichtigkeit der Kurse nicht genug betonen: "Wenn die Mütter kein Deutsch können, verstehen sie ihre eigenen Kinder nicht mehr." Der Unterricht könne einen Schub bewirken, der die ganze Familie mitziehe.


Gülsare und Ibrahim Karadeniz, mit Söhnen Jusuf (4), Vahit (11) und Ahmed (7) (von links).

Das war auch bei Gülsare Karadeniz der Fall: Sie hilft heute als Dolmetscherin selbst bei den Deutschkursen mit, und sie hatte die zündende Idee zu einem Dienst für Aufgabenbetreuung und Förderung fremdsprachiger Schulkinder. Ihrem Mann war bei Schulbesuchen aufgefallen, dass viele Kinder im Unterricht Mühe hatten. Tatsächlich sprechen über 70 Prozent der Kinder im Fraumattschulhaus eine andere Muttersprache als Deutsch. Das Angebot stiess auf grosses Echo: Heute betreuen drei Lehrerinnen insgesamt 34 Kinder.
Ibrahim Karadeniz, der als Lokführer bei den SBB arbeitet, macht sich keine Illusionen über das Quartier: "Es ist mir schon klar, warum man die Gegend als ‹Ghetto› bezeichnet", sagt er. "Sobald die Leute besser verdienen, ziehen sie weg. Man hat hier nicht viel Kontakt mit Schweizer Familien." Aber die Beziehungen zu den Nachbarn seien gut, "egal, ob es Spanier, Türken oder Ex-Jugoslawen sind".
Einen Block weiter wohnt die Familie Thevathas aus Sri Lanka. Auch Srojinidivi Thevathas hat den Deutschkurs für Frauen besucht, die Kinder gingen in die Spielgruppe. Heute arbeitet die Mutter als Reinigungskraft im Spital, ihr Mann Kanthaiah Thevathas ist im Coop-Lager in Füllinsdorf tätig. Als er noch Junggeselle war, wohnte er bei einer Schweizer Familie in Seltisberg. Der Umzug nach Liestal war eine Umstellung, er vermisst heute manchmal den Kontakt zu den Nachbarn: "Auf dem Land habe ich mehr Leute gekannt", meint er.


Srojinidivi und Kanthaiah Thevathas, mit Thanujaah (4) (von links).

Blöcke werden renoviert

Die Familien Thevathas und Karadeniz kennen sich nur vom Sehen. Was sie verbindet, ist der Kontakt zu Elisabeth Augstburger. Die EVP-Politikerin, die sich im Landrat und im Einwohnerrat für die Integration einsetzt, wohnt mit ihrem Mann Daniel und ihren zwei Töchtern am Kesselweg. Die Situation im Quartier habe sich in den letzten Jahren klar verbessert. "Einige der alten Blöcke sind renoviert worden, andere werden es noch." Aus ihrer Wohnung blickt Elisabeth Augstburger direkt ins Grüne. Sie und ihre Familie hätten sich bewusst dazu entschlossen, weiterhin in der Fraumatt zu wohnen, sagt sie: "Ich werde hier bleiben, bis ich alt bin."


Elisabeth Augstburger vor ihrem alten Bauernschrank. Bilder: dp

Andreas Merz

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