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 Fahrende ziehen meist nur im Sommer von Ort zu Ort. Offizielle Standplätze wie in
Liestal gibt es bislang nur wenige in der Schweiz. Dabei würden sie den Fahrenden das
Leben erleichtern.

Leben auf Achse: Familie Waser im Wohnwagen.
Eigentlich sieht es hier aus wie auf einem normalen Campingplatz: Auf dem
eingezäunten Kiesplatz steht ein grünes Waschhäuschen. Die sieben Wohnwagen
samt Autos und ein Wohnmobil sind ordentlich im Halbkreis aufgestellt. Jeder hat seine
Pergola ausgerollt, es stehen Tische und Stühle herum, Grills, ein Laufstall für
das Kleinste oder ein Kindervelo. Die Hunde begrüssen jeden, der den Platz betritt.
"Es wäre schön, wenn es mehr offizielle Standplätze wie diesen
gäbe", sagt Franco Waser. Waser gehört dem Volk der Jenischen an, ist
Schweizer Bürger und Fahrender aus Graubünden. Zusammen mit seiner Frau Tanya,
Tochter Nadja (13 Monate) und Sohn Franco (14) wohnt er seit fünf Wochen auf dem
Liestaler Platz. Auch Wasers Cousin Ernst mit Frau Liliane und Deborah (16), sein Bruder
und sein Vater sind in Liestal. "Im Sommer fahren wir stets zusammen",
erzählt er. "Wir bleiben aber selten so lange an einem Ort wie hier. Oft ziehen
wir nach drei Tagen weiter. Es gibt Zeiten, da haben wir das Gefühl, wir würden
von Platz zu Platz gejagt."
Rund 35 000 Jenische leben in der Schweiz, davon sind jedoch nur ungefähr 3000
Fahrende. Die anderen sind sesshaft geworden. Für die fahrenden Jenischen gibt es in
der Schweiz bislang nur wenige Standplätze wie jenen in Liestal, den die Stadt in
diesem Jahr eingerichtet hat.

Wie auf dem Campingplatz: Standplatz in Liestal. Bilder: pc
Unterschiedliche Reaktionen
Ob sich die Fahrenden an einem Ort wohl fühlen, hängt weniger von der Idylle das
Platzes ab als von der Reaktion ihrer Nachbarn auf Zeit. Dies sei sehr unterschiedlich,
sagt Tanya Waser: "Oft haben wir schöne Erlebnisse, etwa wenn uns ein Bauer, auf
dessen Wiese wir stehen dürfen, aushilft. Es gibt Orte, die gastfreundlich sind. In
Hausen am Albis standen wir mitten im Einfamilienhausquartier und es gab keine
Konflikte." Oft treten aber Probleme auf. In Huttwil (BE) zum Beispiel, erinnert sich
Franco Waser, habe man weiterziehen müssen, weil die Wohnwagen angeblich das
Ortschaftsbild gestört hätten.
"Jede grössere Gemeinde in der Schweiz hat einen Chilbiplatz, wo wir im Prinzip
gut stehen könnten", ereifert er sich. "Es wäre ja alles da! Die
Zirkusleute dürfen ja auch dort bleiben." Ernst und Liliane können nur
beipflichten. Die ungerechte Behandlung und die oft fehlende Akzeptanz, die sie immer
wieder erfahren müssen, verletzen sie sichtlich. Franco Waser: "Zwar werden uns
die Kinder nicht mehr weggenommen, wie das ja bis 1973 hierzulande geschah, aber es gibt
immer noch Leute, die uns ernsthaft fragen, ob wir unsere Kinder essen würden!"
Manchmal hätten sie auch Angst. "Im Kanton Aargau, wo wir als Nächstes
hinwollen, sind die rechten Parteien stark, und dort gibt es mehr Neonazis",
erklärt Waser. Ein Verwandter habe einmal einen Überfall von Skins erlebt. Die
Polizei habe dabei erst richtig eingegriffen, als einer der Täter auf einen
Polizisten geschossen habe.
Trotz vieler Vorurteile wissen doch die meisten Sesshaften, dass Fahrende in der Schweiz
keine Kriminellen sind, wie Nicole Loetscher von der Radgenossenschaft der Landstrasse,
der Dachorganisation des jenischen Volkes der Schweiz, sagt. "Diebstähle werden
- und das ist auch in den meisten Fällen richtig - mit ausländischen Fahrenden
in Verbindung gebracht. Man weiss, dass die Schweizer Fahrenden einer regulären
Arbeit nachgehen."
Festes Quartier im Winter
Im Winter wohnen die Wasers wie die meisten anderen Fahrenden in einem festen Quartier, in
einer "Baracke in Kloten", wie Franco Waser die Situation beschreibt.
"Insgesamt sind wird dort acht jenische Familien. Allerdings liegt hinter
uns das Asylbewerberheim, und wir schauen direkt auf das
Ausschaffungsgefängnis."
Doch sesshaft werden möchte die Familie nicht: "Obwohl es ein hartes Leben ist,
können wir uns kein anderes vorstellen", meint Tanya Waser. "In einer
Wohnung würde ich mir eingesperrt vorkommen." Sie brauche das Gefühl,
draussen sein zu können. Ihre Tochter Liliane stimmt zu: "Wenn im März die
Sonne wärmer wird, beginnt es zu kribbeln. Dann müssen wir weg." Auf die
Frage nach seinem grössten Wunsch muss Franco Waser nicht lange überlegen:
"Anerkennung und mehr Standplätze wie hier in Liestal."
Lioba Schneemann
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