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 Bildung präsentiert sich gerne wie ein wunderbarer, duftender und viel versprechender Bund farbiger Rosen. Die Wahrheit zum Thema Bildung hat aber – wie auch die Rosen – oft genug Dornen.
Dr. Rebekka Ehret, Ethnologisches Seminar der Universität Basel und Autorin des regierungsrätlichen Leitbildes Basel-Stadt zur Integrationspolitik
Verbesserung der Erwachsenenbildung braucht Zeit Das Lamento der letzten Jahre hat vor allem den Bildungsanbietenden gut getan. Zum sozialen Aufstieg oder zur gesellschaftlichen Akzeptanz der Zielgruppe haben die Kursangebote verhältnismässig wenig beigetragen. Es lässt sich nicht bestreiten, dass Erwachsenenbildung im Einzelfall eine echte, zweite Chance für den Aufstieg darstellen kann.
Jedoch lässt sich gesamtgesellschaftlich noch kein grundlegender Wandel erkennen. Dieser braucht eben Zeit. Weiterbildung für Erwachsene wird heute zunehmend als Möglichkeit verstanden, früher falsch gelegte Weichen auf dem Bildungsweg zu korrigieren oder einstmals verbaute, eventuell auch nicht dagewesene Chancen auszugleichen. Die Hindernisse, die den Weg zu diesem Chancenausgleich versperren, betreffen die in- und ausländische Bevölkerung in vergleichbarem Masse.
Keine Rose ohne Dornen; dieses alte Sprichwort trifft gerade auch auf dem Gebiet der Bildung zu.
Erwachsenenbildung, Integrationsbildung, Weiterbildung, Fortbildung, Berufsbildung, Allgemeinbildung, betriebliche und ausserbetriebliche Ausbildung: Die Reihe liesse sich fortsetzen. Das Wissen um Bildung ist komplex geworden. Oder wissen Sie vielleicht, was Tertiärstufe bedeutet? Kennen Sie den Unterschied zwischen Weiter- und Fortbildung?
Lebenslanges Lernen Seitdem das Jahr 1996 von der Europäischen Union zum Jahr für lebenslanges Lernen erklärt worden ist, sind auch in der Schweiz eine Reihe von Massnahmen in die Wege geleitet worden, die in der Bevölkerung eine Sensibilisierung für das Konzept des lebenslangen Lernens erreichen sollen. Die Idee vom lebenslangen Lernen ist für alle Bevölkerungs- und Altersgruppen gedacht. Meine Grossmutter hätte vielleicht gesagt: «Ich habe auch ein Leben lang gelernt.» Heute aber meinen wir die organisierte Weiterbildung. Sie umfasst Kurse, Programme und Veranstaltungen, in denen erwachsene Personen ganz Neues lernen können wie zum Beispiel eine Sprache. Oder aber sie erweitern ihre schon vorhandenen beruflichen Fähigkeiten, beispielsweise in einem Computerkurs für moderne Buchhaltung, oder entwickeln ihre Persönlichkeit in einem Selbstverteidigungskurs. Wir unterscheiden dabei berufliche und ausserberufliche Weiterbildung. Die Weiterbildung kann innerhalb oder ausserhalb des Betriebes stattfinden. Weiterbildung kann demnach eine konkret wirtschaftliche, in der Regel arbeitsmarktliche Funktion haben oder eine gesellschaftliche Aufgabe erfüllen. In der Politik wird die allgemeine und berufliche Aus- und Weiterbildung gerne als wirksames Heilmittel zur Lösung des Beschäftigungsproblems auf dem Arbeitsmarkt gepriesen. Sie gilt als «eine Voraussetzung für die Herausbildung eines neuen Wachstumsmodells mit verstärkter Schaffung von Arbeitsplätzen», wie es im Weissbuch der Europäischen Union heisst.
Die Zeiten ändern sich Wir alle wissen, dass sich die Zeiten geändert haben. Alte Ordnungen wurden zerstört, die neuen sind noch nicht vertraut. Der alte Fabrikbesitzer oder Betriebsinhaber, der in früheren Zeiten um seine Angestellten besorgt war, hat verkauft oder fusioniert und seine Produktionsleistungen ausgelagert. Die ökonomischen Prozesse, die in den 80er-Jahren begannen, haben eine Verschärfung des Standortwettbewerbs nach sich gezogen. Folge davon waren unter anderem Restrukturierungs- und Deindustrialisierungsprogramme.
Der Wechsel zur Dienstleistungsökonomie hat eine im Steigen begriffene Beschäftigung von Frauen mit sich gebracht.
Viele Arbeitnehmende haben dadurch ihre Arbeit, ihre Sicherheit, eben ihre ganze «Lebensordnung», verloren; in der Schweiz und ausserhalb. Aber auch neue Arbeitsplätze sind entstanden. Flexible, spezialisierte Produkteorganisation hat die starre Massenfertigung verdrängt: Man spricht von einer «zweiten industriellen Revolution». Die neuen, den Bedürfnissen der «postindustriellen» Gesellschaft angepassten und technologieintensiven Produkte benötigen zur Herstellung viel weniger und vor allem anders qualifizierte Arbeitnehmende, als dies die mechanisierten Massenanfertigungen der Industriegesellschaft getan hat.
Der Dienstleistungssektor wächst Im letzten Jahrhundert hat sich dieser Teil des Arbeitsmarktes mehr als verdoppelt. Immer weniger wird für die eigentliche Warenproduktion aufgewendet; ein immer grösserer Teil der Wertschöpfung eines Produkts wird für Werbung und Verkauf, für Transportleistungen und Finanzdienste eingesetzt. Ein weiterer, wichtiger Trend in der Arbeitswelt liegt im so genannten informellen Sektor. Neue Arbeitsnischen sind entstanden, die oft von Klein- und Kleinstunternehmen ausgefüllt werden. Hier reicht die Palette von der frei arbeitenden Computerspezialistin über das Zügelunternehmen bis hin zur Kinderbetreuerin und Raumpflegerin im Privathaushalt. Der Wechsel zur Dienstleistungsökonomie hat eine im Steigen begriffene Beschäftigung von Frauen mit sich gebracht, was wiederum einen erhöhten Bedarf an Arbeitskräften im häuslichen Dienst- leistungsbereich zur Folge hat.
Wer lernt denn nun wirklich? Im Lichte all dieser weitreichenden Veränderungen ist der Ruf nach einem neuen Bewusstsein für Aus- und Weiterbildung zu verstehen. Der Bildungs- und Wissensstand der Beschäftigten ist zu einem der ganz wichtigen Faktoren für die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft geworden. Sind wir also zur lebenslang lernenden Gesellschaft geworden? Sind wir nun alle ständig am Lernen? Vielleicht sollten wir lieber fragen, wer denn wirklich am Lernen ist. Eine Erhebung des Bundesamtes für Statistik (Schweizerische Arbeitskräfteerhebung) zeigt, dass die Hoffnungen auf einen Ausgleich der Startbedingungen durch Weiterbildung nicht erfüllt werden. Tendenziell bilden sich diejenigen Leute weiter, die bereits gut ausgebildet sind. Sie verbessern in der Tat ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Je höher die Bildung ist, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, vom Weiterbildungsangebot zu profitieren. Personen mit schon hohem Bildungsniveau nehmen rund dreimal häufiger Weiterbildungsangebote in Anspruch als Erwachsene ohne Ausbildung nach der obligatorischen Schulzeit. Dazu kommt, dass wenig und unqualifizierte Beschäftigte kaum Zugang zu betrieblich unterstützten Weiterbildungsangeboten haben.
Deutlich mehr Männer als Frauen sind vollerwerbstätig und haben eine hohe berufliche Stellung.
Die Bedeutung von Weiterbildung nimmt mit der Distanz zum Arbeitsmarkt ab. So profitieren nur 21% der erwerbslosen Personen (Hausfrauen, Rentner/innen, Studenten/-innen etc.) vom allgemeinen Angebot, während es bei den Erwerbstätigen doppelt so viele sind. Von diesem Wissen ausgehend, sind wir nicht erstaunt, dass sich mehr Männer als Frauen weiterbilden. Denn deutlich mehr Männer als Frauen sind vollerwerbstätig und haben eine hohe berufliche Stellung. Die typisch weiterbildungsaktive Person bildet sich aus beruflichen Gründen weiter. Das heisst, sie ist klar durch berufliche Aufstiegschancen motiviert. Das leuchtet auch ein: mehr Bildung gleich mehr Lohn.
Was bedeutet das nun für die Integrationsbildung? Bei der Erhebung wurden nach dem repräsentativen Zufallsprinzip Personen der ständigen Wohnbevölkerung im Alter von 20 bis 74 Jahren, sowohl solche mit Schweizer Pass als auch Ausländerinnen und Ausländer mit Aufenthalts- und Niederlassungsbewilligung, befragt. Ausländerinnen und Ausländer verhalten sich nicht anders als Schweizerinnen und Schweizer. Da jene aber oft zu den wenig qualifizierten Erwerbstätigen gehören, sind sie auch bei den weniger weiterbildungsaktiven Personen anzutreffen. Logisch. Am Beispiel Erwachsenenbildung zeigt sich einmal mehr, wie wichtig es ist, Integration als gesamtgesellschaftliches Anliegen zu verstehen. Wie die obgenannte Erhebung zeigt, verstärkt Weiterbildung – so wie sie heutzutage funktioniert – eher bestehende Selektionsmechanismen und zementiert soziale Ungleichheiten, unabhängig von der nationalen Zugehörigkeit. Lösungsansätze im «Ausländischsein» zu suchen endet in einer Sackgasse. Das oft gehörte Argument der «armen, bildungsungewohnten Ausländerin», die – so nehmen wir an – von ihrem Ehemann gar nicht erst die Erlaubnis bekommt, einen Kurs zu besuchen, bedarf in der Perspektive einer Korrektur. Es trifft in der Tat zu, dass sie in aller Regel nicht über das notwendige Geld verfügt, sich einen Kurs zu leisten. Darüber hinaus braucht sie tatsächlich meist all ihre Zeit und Energie, um Hausarbeit, Kinderbetreuung und oft noch zusätzlicher, schlecht bezahlter Erwerbsarbeit nachzukommen. Die zitierte Ausländerin steht mit ihrer Situation nicht allein: Ihrem Schweizer Pendant geht es genau gleich. Auch der Schweizer Mann ohne nachobligatorische Ausbildung besucht ebenso wenig einen Weiterbildungskurs wie der ausländische. Alle gut qualifizierten Ausländerinnen und Ausländer sind gleichermassen weiterbildungsaktiv wie ihre Schweizer Kollegschaft.
«Du nicht verstehen?!…» Wir sollten mit den Zugezogenen nicht ungeduldiger sein als mit den Einheimischen. Auch ihre Weiterbildung soll zur beruflichen Weiterqualifizierung beitragen.
Ihre im Ausland erworbenen Berufs- und Bildungsabschlüsse sollten vermehrt anerkannt werden. Und ihre erworbenen Deutschkenntnisse wollen im Gespräch auch angewendet werden. Es verbessert die Situation jedoch nicht, wenn wir im Gespräch ein falsch vereinfachtes Deutsch verwenden. Auf einem segmentierten Arbeitsmarkt hat der Erwerb der deutschen Sprache wenig Sinn, da sie dort nicht zur Anwendung kommt. Lernen muss ja schliesslich sinnvoll sein. Wie kann man sonst seinen Kindern weitergeben, dass sich Bildung lohnt? Im Übrigen können Lehrkräfte bestätigen, dass sich Probleme mit der Sprache und Einstellung gegenüber der Schule auch bei Kindern aus Schweizer Familien feststellen lassen. Nicht alle Familienumfelder sind so sprach- und bildungsorientiert wie die der oben genannten Weiterbildungsaktiven. Wie uns beim Rosenstrauss die Dornen niemals davon abhalten würden, ihn trotzdem schön zu finden; wie wir weiterhin Rosen aufziehen, erwerben, weitergeben, so ist es für uns alle sinnvoll, an der Verbesserung der Erwachsenenbildung weiter zu arbeiten.
Aber auf realistische, sorgfältige und umsichtige Weise. Wer die Dornen sieht, den stechen sie weniger. Quelle: Bundesamt für Statistik. Schweiz. Arbeitskräfte-Erhebung. 1996
Autorin des Artikels: Dr. Rebekka Ehret, Ethnologisches Seminar der Universität Basel
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