Sie arbeiten, und zwar in der Fremde.

Die Bedeutung der ausländischen Arbeitskräfte für die Wirtschaft wird häufig unterschätzt. Gleichzeitig wird übersehen, dass die schweizerische Ausländerpolitik der vergangenen 100 Jahre keine Erfolgsgeschichte ist. Die schweizerischen und ausländischen Arbeitskräfte tragen heute noch an deren Folgen.

Von Marie-Thérèse Kuhn, lic. rer. pol., Leiterin Kiga

«…weil sie in ihrem eigenen Land zurzeit auf keinen grünen Zweig kommen.»1 So weit Max Frisch in seinem auch nach 35 Jahren noch gültigen Vorwort zu Alexander J. Seilers Gesprächen mit italienischen Arbeitern in der Schweiz. Frisch hat immer noch recht, wenn er darauf hinweist, dass viele Menschen kommen, weil sie sich bei uns bessere (Arbeits-)Bedingungen erhoffen. Aber ebenso recht hat er mit einer andern Aussage im gleichen Text: «Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen. Sie fressen den Wohlstand nicht auf, im Gegenteil, sie sind für den Wohlstand unerlässlich.»

Ausländische Arbeitskräfte sind nicht aus Zufall hier, sie wurden geholt
Was wäre, wenn die Schweiz keine ausländischen Frauen und Männer arbeiten lassen könnte? Die Frage kann auch differenziert werden. Was wäre, wenn alle ausländischen Arbeitskräfte Frauen wären? Was wäre, wenn alle ausländischen Arbeitskräfte sehr gut qualifiziert wären? Was wäre, wenn alle ausländischen Arbeitskräfte nach 3 Jahren wieder heim möchten? Was wäre, wenn alle ausländischen Arbeitskräfte kinderlos wären? Es lohnt sich, bei diesen Fragen etwas zu verweilen und sich zu überlegen, wie sich das auswirken würde. Es ist klar, in jedem Fall müsste man davon ausgehen, dass die Schweiz eine ganz andere wäre.

«Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kamen Menschen. Sie fressen den Wohlstand nicht auf, im Gegenteil, sie sind für den Wohlstand unerlässlich.»  Max Frisch

Es ist kein Zufall, dass nicht alle Migrantinnen und Migranten gut qualifiziert sind, es ist kein Zufall, dass mehr ausländische Arbeitskräfte Männer sind. Es ist auch kein Zufall, dass der Arbeitsmarkt jetzt so ist, wie er ist. Geprägt wurde er von technologischen Entwicklungen, von politischen Strömungen, von Kräfteverhältnissen, von Konsumbedürfnissen, von Handelsbeziehungen und nicht zuletzt von der Ausländerpolitik der letzten hundert Jahre.2

Vor 100 Jahren forderten Liberale die Einbürgerung der Ausländer (und Ausländerinnen?)
Interessant ist beispielsweise die Feststellung, dass Basel-Stadt bereits 1910 einen Ausländeranteil von 38,3% aufzuweisen hatte, die Schweiz insgesamt von 17,2%. Bereits damals tauchte die Frage der so genannten Überfremdung auf. Die Lösung des Problems wurde von liberalen Kreisen auch darin gesehen, dass im Land Geborene – heute würde man sagen «Zweitgeneratiönler/innen» zwangseingebürgert würden. Den nicht in der Schweiz Geborenen sollte unter bestimmten Umständen ein bundesrechtlicher Anspruch auf Einbürgerung in der Niederlassungsgemeinde zugestanden werden. Wie weit haben wir es doch inzwischen gebracht – rückwärts, denn inzwischen geht die Diskussion um die dritte Generation.
Die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war geprägt von starkem Wachstum, Entwicklung vor allem des Industriesektors, der die Arbeitskräfte vor allem aus der Landwirtschaft abzog. Da in den letzten fünfzig Jahren des neunzehnten Jahrhunderts an die 12% der schweizerischen Bevölkerung ausgewandert waren, war die Einwanderung ausländischer Arbeitskräfte fast zwingend. Damit fand gleichzeitig ein Wissenstransfer in die Schweiz statt. Insbesondere der Tunnel- und Eisenbahnbau wäre ohne diese Einwanderung so nicht möglich gewesen. Aber auch in hoch spezialisierten handwerklichen Berufen waren Ausländer zahlreich. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt wurde zwischen der «verankerten Fremdbevölkerung» und der «losen Fremdbevölkerung» unterschieden, Erstere in qualifizierten Berufen tätig oder selbstständig, Letztere vor allem im Baugewerbe oder als Industriearbeiter und mit niedrigerer Einbürgerungsrate. Heute würde man die Begriffe «verankert» durch «integriert» und «lose» durch «nicht- integriert» ersetzen. Leicht zu erraten, welche Gruppe eher der «Fremdenfeindlichkeit» ausgesetzt war.

Die Idee des Inländervorrangs
Die Zeit während und zwischen den beiden grossen Kriegen in Europa brachte den völligen Zusammenbruch der liberalen Ausländerpolitik. 1914 setzte eine fremdenpolizeiliche Regelung der Einwanderung ein. Bis dahin war sie vor allem über Staatsverträge geregelt worden. Ein neues zentrales Anliegen war nun der Schutz der inländischen Arbeitskräfte, heute immer noch bekannt unter dem Begriff Inländervorrang. Immer mehr wurden gut qualifizierte Ausländer zu «unerwünschten», zugelassen waren noch billige, schlecht qualifizierte Arbeitskräfte in tiefproduktiven Sektoren. Damit wurde eine Einwanderung begünstigt, die vermutlich bis zum heutigen Tag in einzelnen Branchen nachwirkt. Dass eine Umschichtung der ausländischen Wohnbevölkerung stattgefunden hat, ist sicher auch eine Folge der Kriege. Es ist jedoch vor allem Folge verfehlter und unmenschlicher Politik.
Der so genannte Inländervorrang hat sich nach dem Krieg bis in die heutige Zeit gehalten. In den frühen Sechzigerjahren kam ein neues Element hinzu: Ausländerpolitik diente nicht mehr nur dem Schutz einheimischer Arbeitskräfte, sie sollte auch helfen, die überhitzte Konjunktur abzukühlen. Damit wurden Ausländerinnen und Ausländer zu Konjunkturpuffern, was sich aufs Unschönste anlässlich der grossen Rezession 1973/1974 zeigte, als Saisonniers in Massen heimgehen mussten und nicht mehr zurückkommen konnten, obwohl sie während Jahren der Wirtschaft dieses Landes gedient hatten. Die neu hinzugekommene Beschränkung der Mobilität diente bis zu einem gewissen Grad auch regionalpolitisch begründeter Strukturerhaltung. «Die so genannte 'Gastarbeiterpolitik' der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg kann auf Grund ihrer Wirkungen ohne Zögern als ein drastisches Beispiel für 'Politikversagen' angeführt werden.»3 Mögen wir hinzu gelernt haben!

Im untersten Stock – null Aussicht: die Migrantinnen
Migranten und vor allem Migrantinnen sind keine homogene Gruppe. Wenn wir unter Berücksichtigung der Thematik Integration die vielen hoch qualifizierten und anständig bezahlten weiblichen ausländischen Staatsangehörigen betrachten, die hier arbeiten und deutsch oder einigermassen hinreichend englisch sprechen, so stellen wir fest, dass es ihnen so gut oder so schlecht geht wie den Schweizerinnen in ähnlicher Berufs- oder Lebenssituation, vor allem dann, wenn sie über einen sicheren Aufenthaltsstatus verfügen. Eine zusätzliche Hürde zu überwinden haben ausländische Staatsangehörige allenfalls, wenn sie sich darum bemühen, ihre ausserhalb der Schweiz erworbenen Bildungsanteile hier anerkennen zu lassen. Ganz klar benachteiligt sind auf dem Arbeitsmarkt jedoch die ausländischen mittelmässig oder schlecht qualifizierten ausländischen Frauen. Sie arbeiten unter wesentlich schlechteren Arbeitsbedingungen, in Bereichen, wo in Krisenzeiten Stellen abgebaut werden, wo Konsumrückgang sich unmittelbar auswirkt, da auf Dienstleistungen verzichtet wird. Massiv übervertreten sind ausländische Frauen im Gastgewerbe, in der Reinigungsbranche, in der Textilbranche, im Gesundheitswesen und im Verkauf. Die Qualifikationsanforderungen gelten in einigen dieser Berufe (leider) als gering. Dabei handelt es sich jedoch vor allem um eine geschlechterdiskriminierende Sichtweise, die den tatsächlichen Anforderungen nur ausnahmsweise entspricht. Sie lässt aber niedrigere Löhne, eine geringere Unterstützung der Weiterbildung durch die Arbeitgebenden, prekäre Arbeitsverhältnisse wie Arbeit auf Abruf oder die geringe Durchlässigkeit zu andern Berufen als gerechtfertigt erscheinen. Durch die einfache Teilbarkeit der Arbeitszeit ermöglichen diese Branchen, Beruf und Familie zu vereinbaren. Teilzeitarbeit ist akzeptiert. Dies ist für ausländische Frauen mit Kindern unter 15 Jahren wichtig, da sie häufiger erwerbstätig sind als Schweizerinnen in der gleichen Situation.
Trotzdem wird Arbeit als die stärkste integrative Kraft erachtet. Das ist eigentlich zu relativieren. Arbeit kann entscheidend sein für die Existenzsicherung. Aber gerade die Arbeitsplätze, die für Migrantinnen und Migranten zur Verfügung stehen, sind häufig nicht darauf angelegt, über die Existenzsicherung hinaus integrierend zu wirken. Der Handlungsbedarf ist nicht zu übersehen. Das Handeln kann weder für die Arbeitgebenden (z.B. Weiterbildungskosten und Engagement), noch für die Arbeitnehmenden (z.B. Engagement und Weiterbildungsbemühung mit Verzicht auf Freizeit), noch für den Staat (z.B. Nachholbildung zur Verfügung stellen) kostenneutral sein. Es wird jedoch mit einem enormen Zugewinn für alle honoriert: höhere berufliche Qualifikation und Mobilität, mehr Arbeitszufriedenheit und Motivation und damit gute Chancen auf höhere Produktivität, mehr freundnachbarliches Wohlsein in den Quartieren und damit gesellschaftlichen Zusammenhalt. 1965 sagt Max Frisch: «Es herrscht Konjunktur, aber kein Entzücken im Lande.» Es könnte anders sein.

1  Max Frisch, Vorwort, in: A.J. Seiler, Siamo Italiani, Zürich 1965, S. 7
2  Dieter Freiburghaus und Brigitte Guggisberg, Die schweizerische Ausländerpolitik, in: Arbeit in der Schweiz des 20. Jahrhunderts, Hrsg. Thomas Geiser u.a., Bern 1998
3  ebenda, S. 138

Autorin des Artikels: Marie-Thérèse Kuhn, lic. rer. pol., Leiterin Kiga

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