Kinder haben keine Verständigungsprobleme.

Kinder sind spontan, können sich problemlos mit Händen und Füssen verständigen. In der Schule aber müssen bei verschiedensprachigen Schülerinnen und Schülern «Brücken über die Kulturen» und Sprachen hinweg gebaut werden. Ein Rezept dafür hat das Dreirosenschulhaus mit dem Projekt «IntegrOS».

Klassenverbände schaffen, die über Kultur- und Sprachbarrieren hinweg bestehen können.


«Bei uns war die Ausgangslage die, dass wir die Fremdsprachenklassen mit Beginn der OS, 1994, nicht einführen wollten, weil sich durch die Abgrenzung in verschiedene Klassen immer wieder Grüppchen bildeten, die untereinander rivalisierten. Das war für uns Lehrerinnen und Lehrer von der Atmosphäre und der Zusammenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern her nicht befriedigend», sagt Marianne Berger, Regel-, Fach- und Klassenlehrerin am Basler Dreirosenschulhaus. Berger unterrichtet im «Teamteaching». Sie sagt: «Nehmen wir zum Beispiel einen Jungen aus Portugal. Mit ihm gehe ich in seine Klasse und unterstütze ihn beim Verständnis des Unterrichts.»

Täte sie das nicht, könnte der Junge dem Unterricht nicht folgen, würde in seiner «Regelklasse» wegen mangelnden Sprachkenntnissen zurückbleiben oder die Klasse bei ihrer Arbeit stören. Die Absicht hinter den verschiedenen Massnahmen im Dreirosenschulhaus ist, «Klassenverbände» zu schaffen, die über Kultur- und Sprachbarrieren hinweg bestehen. «Früher war es eher so, dass sich die einzelnen Sprachgruppen absonderten, sich nicht ganz ernst genommen fühlten», sagt Berger. Ihre Kollegin und Mitbetreuerin von IntegrOs, Denise Marchand, Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache und Mitglied der Schulhausleitung, ergänzt: «Nehmen wir Albanien zum Beispiel: Wir hier in der Schweiz pflegen die albanische Sprache, fragen beim Kind nach: ‹Weisst du noch, was Schuh auf Albanisch bedeutet?› und das ist für jemanden, der während des Krieges die eigene Sprache nicht mehr sprechen durfte, weil es verboten war, dann schon etwas Spezielles.» In der Schule dreht sich vieles um Sprache. «In der Mathematik fällt es den Schülerinnen und Schülern oftmals leichter mitzukommen, aber die Sprache ist sehr wichtig.» Ein Thema ist auf dieser Schulstufe vor allem, dass Vergleiche zwischen Mutter- und Fremdsprache möglich sein müssen. Marchand: «Wer seine Muttersprache nicht richtig beherrscht, hat Mühe, eine Fremdsprache richtig zu erlernen.» Ein weiterer Punkt, warum man den Schritt von den Fremdsprachenklassen weg machen wollte, kommt dazu. Marianne Berger sagt: «Nicht nur sind die Kinder bei uns überall integriert, sondern sie hören Deutsch den ganzen Tag über und setzen sich so damit auseinander.» Wenn man beide Ebenen – Mutter- und Fremdsprache – stärken könne, erlaube man den Kindern weit bessere Lernfortschritte.
Gerade für die Schweizer Kinder entsteht so ebenfalls ein Gesamtbild. Es ist das Bild eines Quartiers, einer Stadt, in der viele Mosaiksteine ein Ganzes ergeben, ohne dass jemand von diesem Ganzen ausgeschlossen zu werden braucht. Einen weiteren Schritt, ebenfalls in Richtung «Teamteaching», hat man bei der Heilpädagogik vollzogen. Durch die Integration und die Anwesenheit der beiden Heilpädagogen im schulischen Alltag werde niemand explizit aus der Klasse ausgeschlossen, weil er zum Heilpädagogen müsse. «Unser Modell hat zwei Vorteile, und ich schätze, es geht anderen Schulen, die es ähnlich machen, gleich», sagt Marianne Berger. «Zum einen können Kinder heilpädagogisch betreut werden, die vielleicht nur eine ‹schwierige› Phase durchmachen. Zum anderen ist es bei  dieser Einbindung der Heilpädagogik nichts mehr Besonderes und niemand wird deswegen aus einer Gruppe ausgeschlossen.» Bei den Integrationsprojekten in den Basler Schulen war der Weg nicht immer leicht. Es galt, verschiedene Aspekte zu berücksichtigen und diese ins Team der Lehrerschaft einzubringen. «Es ist nicht allen aus dem Lehrkörper von Anfang gleich leicht gefallen, vermehrt zusammenzuarbeiten», sagt Marianne Berger, meint aber, inzwischen wissen alle, die im Schulhaus arbeiten oder arbeiten möchten, was sie zu erwarten hätten. «In der heutigen Zeit ist klar, dass sich in Quartieren, wie dem Kleinbasel, etwas verändert hat und zwischen den Kulturen vermittelt werden muss.» Das schulhausspezifische Konzept ist auf die Vermittlung zwischen den Kulturen ausgerichtet. Die Prämisse ist vor allem auf die «Direktintegration der fremdsprachigen Kinder» ausgerichtet und stützt sich auf drei Pfeiler: Ein erstes Element, um ein Fundament zu einer integrierten Schule zu legen, ist das «Teamteaching», wo fremdsprachige Kinder in normalen Regelklassen direkt im Unterricht unterstützt werden.
Marianne Berger sagt: «Ich leiste da Hilfe in den unterschiedlichsten Formen, helfe zu verstehen, manchmal, indem ich mich mit Händen und Füssen verständige oder gar etwas aufzeichne.» Konkret könne man mit dem «Teamteaching» verhindern, dass Regelklassenlehrerinnen und -lehrer oder Schülerinnen und Schüler überfordert werden, da eine vermittelnde Ansprechpartnerin vorhanden sei, die auf «Kommunikationsprobleme» eingehen könne. Der zweite Schwerpunkt des Modells sei der eigentliche «Deutschkurs», der fremdsprachigen Kindern helfen soll, die Sprache besser zu erlernen. Dieser Sprachunterricht wird ebenfalls von zwei Lehrerinnen oder Lehrern gegeben.
«Wie an anderen Schulhäusern auch treffen wir uns wöchentlich zu einer Sitzung, die zwei Stunden dauert.» Dass die Motivation im Team hoch sei, sehe man daran, dass niemand eine Ausrede benutze, um nicht anwesend zu sein. Neben den organisatorischen und schulleiterischen Fragen könne man sich so vermehrt um pädagogische Inhalte kümmern. Ein dritter Pfeiler ist die individuelle Betreuung der fremdsprachigen Kinder: Dabei bekommen diese Material, Aufträge und Unterstützung für diejenige Zeit in der Regelklasse, in der sie nicht von einer «Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache» begleitet werden. Eine neue und wichtige Form des Integrationsmodells im Dreirosenschulhaus ist die «Kulturbrücke». Hier werden kulturelle, sprachliche und grammatikalische Themen aufgegriffen, die die Kinder verstehen, so kann bei Europa die Türkei als Land vorgestellt werden und die Schüler erfahren einen eigentlichen Kulturaustausch. Die Aufgabe der Schule ist riesig. In der Orientierungsschule (OS) Dreirosen werden rund 250 Kinder aus dem Quartier verteilt auf zwölf Klassen in drei Stufen unterrichtet. Die Nationalitäten und Sprachen aufzuzählen, gerät bald einmal zur Weltreise von Italien nach Spanien in die Türkei. Von Holland nach Albanien nach Thailand über Portugal und China. Ein fast unübersehbares Gewirr an Sprachen und Lebensauffassungen, die im Sammelbecken «Schule» zusammenkommen und zusammenleben müssen. Während die Projektphase von «IntegrOs» offiziell 1998 endete, kann man heute sagen, das Modell hat sich bewährt und wird auch in Zukunft umgesetzt.
«Die Schule ist ruhiger, die Lebensqualität für Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler gleichsam viel besser», sagt Marianne Berger. Dass das Modell Erfolg hat, zeigt immer wieder der Besuch aus anderen Kantonen oder gar aus Nachbarländern. «Was die Zusammenarbeit mit Heilpädagoginnen und -pädagogen und die Teamarbeit generell angeht, habe man gute Erfahrungen gemacht und sei auf den Geschmack gekommen. «Heute würden wir uns hier noch mehr Zusammenarbeit wünschen.» Bei den zweisprachigen Lehrkräften der Kulturbrücke wäre wünschenswert, dass man sie noch mehr einbinden könnte. Dies sei aber nicht zuletzt eine Frage der Kosten.

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