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oder vom Verständnis osteuropäischer Erziehungsmodelle zur Integration
ausländischer Schulkinder in der Schweiz «Für viele Menschen bleibt eine
fremde Sprache im Kopf, aber nicht im Herzen.»
Prolog
«Ich bin Ausländer und bin wegen meines Sohnes bei Ihnen. Das mit der Schule
klappt nicht so gut. Mit dem Schreiben und Lesen kommt er nicht vorwärts. Wir machen
uns Sorgen, die Lehrer auch. Wissen Sie, wir arbeiten beide, meine Frau und ich. Sie
versucht, ihm etwas zu helfen, wenn sie frei hat. Das Schriftdeutsch hat sie hier gelernt,
als wir vor 14 Jahren in die Schweiz gekommen sind. In der Baufirma, wo ich arbeite,
hört man nur meine Heimatsprache. Ich wollte früher mal einen Deutschkurs
besuchen, hatte leider keine Zeit dafür gehabt
»
«In welcher Sprache sprechen Sie?»
«In unserer Muttersprache.»
«Versuchen Sie, ab und zu mal miteinander Deutsch zu reden?»
«Nein, ich schäme mich doch vor meinen Kindern
Ich mit meinem gebrochenen
Deutsch? Es hat keinen Sinn. Ich sage Ihnen auch, warum. Als wir in den Ferien waren, hat
uns die Verwandtschaft ausgelacht, weil meine Frau ein bisschen Deutsch mit den Kindern
reden wollte. Da habe ich mich geschämt
»
Liebe Leserinnen und Leser
Das ist eine wahre Geschichte, die ich in meiner psychologischen Praxis hautnah erlebte.
Manche würden vielleicht sagen: «Nichts Neues
, das erleben wir doch jeden
Tag.» Oder: «Selber schuld, wenn sie sich nicht die Mühe geben, richtig
Deutsch zu lernen.»
Aus der Position meines Berufs als Kinderpsychologe ist es für mich jedenfalls
unwahrscheinlich schwierig, eine definitive Antwort zu geben, welche denn in diesem Fall
die beste Lösung sein könnte. Die Menschenschicksale sind eigentlich so
individuell gestaltet, dass fest vorgeschriebene Verhaltensregeln generell keine
allgemeine Gültigkeit haben. Im Zentrum steht das Individuum mit seiner eigenen
Geschichte, die es nun im Ausland fortsetzt.
Das sozial-wirtschaftliche Umfeld in den Ursprungsländern
Jahresberichte und Statistiken über die wirtschaftliche Entwicklung der Länder
in Mittelost- und Südosteuropa sind zweifelsohne interessante Lektüren. Der
aufmerksame Leser wird sehr schnell feststellen können, dass die ehemaligen
Ostblockstaaten zwar die Werte der westlichen Demokratie (Marktwirtschaft, Anerkennung der
Menschenrechte etc.) anstreben, deren Umsetzung auf eine für jedes Land typische Art
und Weise realisiert wird. Welches sind die Bedingungen in den Ursprungsländern, die
die Menschen so drastisch zur Aussiedlung, Flucht oder Asyl motivieren? Die allgemein
bekannten Beweggründe sind politische, religiöse, ökonomische
Überlegungen oder aber Hoffnungen auf ein insgesamt freies Leben.
Schema 1: Probleme im Bereich des soziokulturellen Umfeldes
Zu 1.
Die Legitimationskrise der Staaten in Ost-Südosteuropa wird durch Krisenhaftigkeit,
krisenhafte Übergänge und durch rasche gesellschaftliche Wandlungsprozesse
gekennzeichnet, wobei aufgrund der dabei stattfindenden Auflösung traditioneller
Orientierungen von den einzelnen Individuen ein übergrosses Mass an
Anpassungsfähigkeit verlangt wird. Eine nicht stattfindende Integration kann auch zu
einer Legitimationskrise des Staates gegenüber der Gesellschaft führen.
Zu 2.
Die Verzögerung der wirtschaftlichen Reformen, Korruption des Staatsapparates und
Kriminalität sind weitere Merkmale der Instabilität bestimmter Regionen mit
erhöhter Immigrationsbereitschaft. Die Toleranz gegenüber anderen
Weltanschauungen, Religionen und Überzeugungen sinkt ab.
Zu 3.
Die Krisensituation ruft nationalistische Tendenzen in bestimmten Regionen hervor, wobei
eine übersteigerte Wertschätzung der eigenen Nation und das Empfinden der
eigenen Besonderheit als Überlegenheit gegenüber anderen Völkern oder
nationalen Minderheiten in den Vordergrund rückt. Es wird eine mythische Heroisierung
eines kollektiven, den Tod überlebenden «Wir» ins Leben gerufen, wobei
dies unter der fragwürdigen Voraussetzung des Freund-Feind-Denkens angelegt ist.
Derartige ideologische Konstruktionen werden von der Vorstellung eines homogenen
«Selbst» abgeleitet, dessen Grenzen nicht objektiv definierbar sind. Ein
imaginäres «Wir-Ideal» wird zum ideologischen Meilenstein, das unter
äusserst extremer Reduktion der kulturellen Heterogenität gerechtfertigt wird.
Der Versuch, das Gemeinwesen auf dieser Grundlage zu organisieren, erfordert, je nach
sozialem und politischem Kontext, ein mehr oder minder grosses Mass an Zwang bzw. Gewalt
und zwar umso mehr, je grösser und unübersichtlicher der Personenkreis
ist, den das «Wir-Ideal» einschliessen soll. Das Szenario der nationalen
Homogenisierung als Ergebnis der Ideologie des Ethnoradikalismus erfolgt durch
Ausschaltung von «Verrätern», «Kollaborateuren»,
«Feiglingen» und «Abweichlern». Erhebliche Teile der
hinterbliebenen Bevölkerung werden eingeschüchtert. Der Konformitätsdruck
nimmt zu. Die Homogenisierung der Meinungen wird insbesondere dort verstärkt, wo es
im Gefolge von Kampfhandlungen, Vertreibungen und Massenfluchten zur Bildung ethnisch
getrennter Siedlungen kommt. Die gewaltsame ethnodemografische Entmischung von Wohn-
gebieten zerstört ein wichtiges Korrektiv für wild wuchernde Feindbilder. Die
sozialen «Brücken» und Berührungspunkte zwischen den Ethnien, die es
früher ermöglichten, das jeweilige Bild vom «anderen»
alltäglich zu überprüfen, werden vernichtet.
Die Eskalation der Gewalttaten führt zur Vereinfachung der Wahrnehmungsstrukturen der
betroffenen Bevölkerungsgruppen. Es besteht eine interessante Abweichung des
psychologischen Feindbilds auf individueller Ebene im Vergleich zu dem kollektiven
Freund-Feind-Bild. Die kollektiven Freund-Feind-Bilder werden durch politische Instanzen
aufgebaut, versteigert und geregelt. Gefühlsmässige Feindbilder auf
individueller Ebene können als Ergebnis des Abbaus und Zerfalls individueller
Unterscheidungsmöglichkeiten oder als Resultat einer psychischen Rückbildung
(Regression) betrachtet werden. Die Individuen gleiten vorübergehend auf
präindividuelle Stufe ihrer psychischen Entwicklung zurück, in denen die
konkreten Konfliktursachen völlig hinter der angstbesetzten Gestalt des bösen
«anderen» verschwinden, auf den im Extremfall nur noch reflexartig abwehrend
reagiert wird.
Zu 4.
Das hohe Wohlstandsniveau der Bevölkerung in den Industrie- im Vergleich zu den
Entwicklungsländern trägt zur Verfestigung der hedonistischen Tendenz in den
Konsumgesellschaften bei, die sehr massiv sowohl dem christlichen als auch dem islamischen
Wertsystem entgegenwirkt. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse erweisen sich als
sehr verführerisches Nachahmungsmodell, insbesondere für die junge Generation in
den Ländern, die durch politisch-soziale und wirtschaftliche Krisen erschüttert
werden. Die Zahl derjenigen aus den islamischen Ländern z.B., welche die Flucht nach
Europa ergreifen und dies als einzige Lösung des Problems betrachten, nimmt
ständig zu.
Zu 5.
Kollektivismus vs. Individualismus:
Ein Aspekt der historischen Entwicklung in den Ländern des Ostens ist das
Herausbilden des gesellschaftlichen Modells der Gruppenzugehörigkeit und seine
Vervollständigung durch Regeln, inkl. Familienstrukturen und Rollenverteilungen, oder
Kollektivismus.
Der Kollektivismus beinhaltet gleiche Verteilung der aufgrund von kollektiven
Bemühungen erreichten
materiellen und nicht materiellen Ressourcen und Ergebnisse. Individualismus dagegen
bedeutet Maximierung des eigenen Einkommens/ Gewinns. Transkulturelle Untersuchungen
weisen auf sehr interessante Verhaltensbesonderheiten hin:
Die Russen legen Wert auf die Gruppenharmonie beim Erreichen von kollektiven Zielen. Sie
sind geneigt, weniger Anteile von den kollektiv erbrachten Leistungen für sich zu
beziehen. Wenn aber hohe persönliche Leistungen in der Ausführung von
gemeinsamen Tätigkeiten vorhanden sind, so steigern die Russen ihren Anteil von der
Belohnung, wenn der Mitarbeiter fremd ist und umgekehrt, ihr Anteil sinkt ab, wenn
freundschaftliche Beziehungen existieren. Die Engländer legen Wert auf die
leistungsgerechte Verteilung der kollektiv erbrachten Leistungen. Die Chinesen erwarten
weniger proportionale Verteilung für sich selbst und ihre Partner, die Amerikaner
dagegen eine Entschädigung, die proportional zu ihrem Einsatz ist. In Zusammenarbeit
mit engen Freunden sind die Chinesen grosszügiger und hilfsbereiter als die
Amerikaner. Sie unterscheiden zwischen einem engen Freund und Mitarbeiter, wobei sie
geneigt sind, den engen Freund grosszügiger zu behandeln.
Der Kollektivismus ist nicht nur Altruismus und Selbstopferung. Es handelt sich vielmehr
um die Konstituierung von einem Netzwerk, das auf eine persönliche Sicherheit
für die Zukunft ausgerichtet ist. In Asien existiert eine langjährige Tradition
der Problemlösung, die auf Vereinbarung und Vermittlung beruht. Die Konfrontation ist
hier nicht angebracht. Alle Vereinbarungen, die sich auf Familienangelegenheiten,
Konflikte und Streitigkeiten beziehen, erfolgen durch einen Vermittler, der keine Partei
ergreifen darf und auf die beste Art und Weise die Interessen beider Seiten verteidigen
muss. Für die asiatische Familie ist es wichtiger, wie die Dinge gemacht werden, als
was gemacht worden ist.
In diesem Fall ist die Regel der Prozedur zu beachten. Die Asiaten zeigen wenig Interesse,
wie ein Problem entstanden ist, sondern sie sind eher an seiner sofortigen Lösung
interessiert und sind nicht bereit, Gefühle zu explorieren. Im Vordergrund stehen die
Interessen der Familie, dann die privaten Angelegenheiten.
Das Umfeld im Gastland
Massgebend für die Identitätsfindung ist die Auseinandersetzung mit der
gesellschaftlichen Struktur und dem Wertsystem im Gastland. Diese Herausforderungen lassen
sich generell wie folgt zusammenfassen: Massendemokratisch egalitäre
Gesellschaft/Gesellschaftsordnung. Die vorherrschenden Ideale beziehen sich auf
Gleichberechtigung, Unabhängigkeit der Geschlechter voneinander, Unabhängigkeit
von Familienbindungen, sexuelle Freizügigkeit, Favorisierung beruflicher
gegenüber Bindungsinteressen, hohe Qualifikation, Information und Mobilität. Der
Pluralismus ersetzt die bürgerliche Werthierarchie, die in bestimmten obersten Werten
gründete. Die neu entstandene Moral ist grossenteils nur fragmentarischer Rest von
Traditionen und nicht schlüssige moderne Erfindung; Moraldebatten sind folglich
beliebig und nicht zu beenden. Neue, hoch technologische Arbeitsbedingungen und daraus
resultierende Arbeits- und Zeiteinteilung. Leistungsprinzip und Individualismus, gekoppelt
mit hedonistischen Einstellungen und Ideologien als Leitlinien sozialen Handelns der
Konsumgesellschaft. Unterschiedliche Bevölkerungszusammensetzung mit einem
beträchtlichen Anteil von älteren und hilfsbedürftigen Menschen. Daraus
resultieren konservative Tendenzen, Angst vor Überfremdung, fehlende Innovationen.
Untergang der patriarchalen Strukturen und Entwicklung eines neuen Bewusstseins bei den
Frauen. Lockerung der Generationsschranken und Liberalisierung des Erziehungsstils. Die
fortschreitende Lösung der traditionellen Bindungen führt zum Zerfall der
Familien.
Eine Untersuchung bei Repräsentanten von drei BRD-Generationen (geboren 1905, 1934
und 1962) weist auf folgende Tendenzen hin:
A) Entmachtung des Vaters und Entwicklung eines neuen Selbstverständnisses bei den
Frauen.
B) Lockerung der Generationsschranken und Entfunktionalisierung der Familie durch eine
institutionalisierte Versorgung, d.h. durch Verlagerung traditioneller Familienaufgaben in
die öffentlichen Institutionen.
C) Entstehung von Identitätskrisen, welche die Heranwachsenden ängstigen und
isolieren. Die Folgen davon sind Stabilisierungsversuche über ein primitives
Grössenselbst. Die Jugendlichen und Heranwachsenden suchen nach neuen tragenden
Identitäten.
Zunehmende Vereinzelung des Menschen und Abnahme der Sozialgefühle. Rückgang der
sprachlichen Kommunikationsfähigkeiten, wodurch auch Missverständnisse
entstehen. Beziehungsschwierigkeiten. Frühes Loslösen und Unabhängigkeit
von der Familie.
Wandlungstendenzen in der Gesellschaft des Gastgeberlandes gegenüber den Immigranten
In einer gesellschaftlichen Binnenstruktur sind die Beziehungen zwischen den Individuen
nicht nur durch Zusammenarbeit, sondern auch durch Gegensätze und Konflikte
gekennzeichnet. Dabei ist sowohl die Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Gruppen als
auch das Verhältnis dieser Gruppen zueinander von grosser Bedeutung. Wie gestaltet
sich das Verhältnis der Gesamtgesellschaft zu bestimmten Untergruppen? Heutzutage
weist das gesellschaftliche Klima in ganz Europa eher eine
Verschlechterungstendenz hinsichtlich der nationalen, ethnischen und religiösen
Minderheiten auf. Diese Schlussfolgerung wird mindestens durch drei Trends bestätigt:
Herabsetzung der aggressiven Hemmschwelle. Zahlenmässiger Anstieg der Gewalttaten und
ihre Brutalisierung (!) Verändertes gesellschaftliches Klima gegenüber den
ausländischen Bürgern, das sich in Vorurteilen, Ausländerfeindlichkeit,
Diskriminierung etc. äussert. Diese Entwicklung wird durch folgende Sachverhalte
unterstützt:
(1) Legitimation bestehender sozialer Ungleichheit zwischen ethnischen Gruppen.
(2) Instrumentalisierung von Konflikten, d. h. Kanalisierung oder Verschiebung von
Enttäuschungen und Frustration auf ein Ersatzobjekt erfolgt
(«Sündenbockmechanismus»).
(3) Verschiebung und Kanalisierung von Aggressionen und Zuweisung von Schuld für
erlittene Frustrationen.
Es werden Scheinerklärungen für gesellschaftliche Vorgänge geliefert, die
wegen ihrer Komplexität und Anonymität für viele Menschen schwer
durchschaubar sind.
(4) Abwertung der fremden Gruppe und mythologisierende Aufwertung der eigenen Gruppe, des
eigenen Volkes, der eigenen «Rasse». Die Zelebrierung der Eigengruppe ist mit
Appellen verbunden, individuelle Bedürfnisse und Interessen gegenüber einem
kollektiven Subjekt zurückzustellen.
Veränderungstendenzen auf
familiärer und individueller Ebene. Die Familie Austragungsort
entstandener Krise, Schema 2
Die neuen Bedingungen rufen sehr schnell psychische Destabilisierung in der Familie
hervor. Eine Übersiedlerfamilie z. B. wäre sehr stark auf die Hilfe der hiesigen
Bevölkerung angewiesen. Die zunehmende Hilflosigkeit und die geforderte
Unterwürfigkeit führen zur Verstärkung der psychischen Verunsicherung und
schwächen das Selbstbewusstsein.
Es ist eine allgemeine Labilisierung der familiären Strukturen zu verzeichnen:
Die Eltern verlieren an Autorität. Die Eltern sind vermehrt auf die Kinder angewiesen
wegen mangelhaften Sprachkenntnissen (z.B. deutschstämmige Übersiedler aus Polen
und Russland). Die Kinder fungieren als Dolmetscher und Interpreten der neuen
Gesellschaft. Da die Kinder weniger in das Traditionsbewusstsein ihrer Eltern eingebunden
sind, kommt es zu schweren Auseinandersetzungen in der Familie (z. B. eine islamische
Familie).
Vesselin Vassilev, Dr. phil.
Der Autor dieses Beitrages ist in Basel als Psychologe und Kinderpsychologe tätig. Er
weiss sehr gut über die Anliegen und Probleme der Migrationsbevölkerung
Bescheid, zu der er auch selbst gehört. Sein Psychologie-Studium hat Vassilev
zwischen 1973 und 1977 an der technischen Universität Dresden absolviert. Danach war
er als Kinderpsychologe an der psychiatrischen Universitätsklinik in Varna,
Bulgarien, tätig.
Anfang der Achtzigerjahre arbeitete Vassilev an der Thematik Veränderung der
optischen Wahrnehmung bei Schizophrenie.
Heute, in seiner Praxis, arbeitet er in erster Linie mit Kindern, die Probleme in der
Schule haben darunter viele Kinder aus der Migra-tionsbevölkerung:
«Es ist mir wichtig, dass auch ein breites Publikum die Problematik verschiedener
kultureller Hintergründe und die Reibungsflächen, die daraus entstehen
besser verstehen lernt.»
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