WIE ICH VON DER FREIWILLIGENARBEIT VON MIGRANTEN PROFITIERE


Franco Supino

Foto: z.V.g.


Mit zwanzig lebten um mich lauter Menschen, die ihre ganze Freizeit mit Freiwilligenarbeit füllten. Man sagte dem damals ‹engagiert sein› - und engagiert ist man selbstverständlich unentgeltlich. Sie waren in Bewegungen, Parteien, Vereinen, Verbänden, Arbeitsgruppen aktiv, sie leisteten Fronarbeit für Kultur und Sport, Natur und Menschen. Ich liess mich anstecken. Ich war in der PTA, der Pfadi trotz allem, wo nichtbehinderte Leiter behinderte Kinder am Samstagnachmittag durchs Unterholz trugen oder während nasskalter Sommerlager Rollstuhlrennen auf sumpfigen Bergwiesen durchführten. Ich nahm die Strapazen gerne auf mich, weil diese Kinder, trotz oder gerade wegen meiner Unprofessionalität, Dinge erlebten, die sie ohne mich nie erlebt hätten.

Später fragte eine Kollegin, deren Mutter im Gemeinderat einer Solothurner Agglomerationsgemeinde sass, ob wir mithelfen würden, ‹Asylanten› zu betreuen. Die winzige Gemeinde (500 Einwohner) habe ihr Kontingent, bestehend aus drei Pakistani, in ausgedienten Bauarbeiterbaracken untergebracht. Eine Betreuung war im Budget nicht vorgesehen. Ich kümmerte mich vornehmlich um Mirza; er fand Arbeit in einer Restaurantküche und konnte bald recht gut Deutsch. Er lernte ausgezeichnet kochen (etwas, was er in Pakistan nie gemacht hatte oder hätte) und er lud mich während der Saison gerne zu Rehschnitzel Mirza ein, einer Spezialität aus seinem Restaurant. Ich mochte Mirzas breites Lachen und schönes Deutsch, auch wenn er mich zum Schluss mehr als nur bedrängte. Er wollte meine Freundin oder meine Schwester oder meine Kusine heiraten. Ich verstand seine Not, aber ich konnte ihm nicht helfen. Als sein Asylgesuch definitiv abgelehnt worden war und die Ausweisung bevorstand, fuhren wir zusammen an eine grüne Grenze, er schüttelte meine Hand, er schulterte die Sporttasche und lief los. Seither habe ich nie mehr etwas von ihm gehört.

Das Engagement hat nachgelassen. Mit kleinen Kindern kommt man sich eh vor wie Pestalozzi und Gandhi und Mutter Theresa in einem, und sehnt sich danach, mal keine (bezahlte oder unbezahlte) Verpflichtung zu haben und in Ruhe ein Bier zu trinken. Allenfalls erleichtert man sich mit einem Einzahlungsschein das Gewissen. Das bedeutete: ich profitiere von der Freiwilligenarbeit anderer. Unser Sohn spielt seit zwei Saisons bei den Junioren des FC Post Solothurn. Die erste Trainerin, Marianne, heiratete und wurde schwanger. Michel, ihr Mann und Juniorenobmann des FC Post, wollte darauf etwas kürzer treten.

Wir Eltern befürchteten das Schlimmste: Wöchentliche Trainings abzuhalten und die Junioren an zwanzig Wochenendtagen pro Jahr an die Turniere zu begleiten, gratis, und dann noch Kuchenverkaufsstände abzuhalten, Sponsorenläufe zu organisieren, weitere Geldquellen für die Juniorenarbeit zu erschliessen, auch das selbstverständlich gratis - wer soll das heutzutage noch freiwillig machen? Der FC Post Solothurn hat es geschafft. Dirk ist der neue gleichermassen engagierte wie qualifizierte Juniorenobmann. Die F Junioren haben nun sogar zwei Trainer, Bujar und Engin. Das ist auch nötig, beide arbeiten in einem Dreischichtenbetrieb. So kann das Training am Mittwoch um sechs auch stattfinden, wenn einer der beiden arbeitet. An den Turnieren sind sie sowieso immer beide da: es hat sich herumgesprochen, dass der FC Post eine sehr gute Betreuung hat und so können die ‹Pösteler› auf die neue Saison hin mit zwei Mannschaften antreten. Ich habe mich persönlich bei den Dreien bedankt. Dirk sagte: «Ich habe als Fussballkind in Deutschland auch von Freiwilligenarbeit profitiert.» Bujar sagte: «Bei uns in Kosovo hilft man einander.» Und Engin sagte: «Als Türke wurde ich so erzogen.»


FRANCO SUPINO

Franco Supino hat in Zürich und Florenz Germanistik und Romanistik studiert. Er ist Dozent an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz und Autor verschiedener Werke, die sich mit Migration und Transkulturalität beschäftigen.