WIE ICH VON DER FREIWILLIGENARBEIT VON MIGRANTEN PROFITIERE![]() Foto: z.V.g. Mit zwanzig lebten um
mich lauter Menschen, die ihre ganze Freizeit mit Freiwilligenarbeit füllten. Man sagte dem damals ‹engagiert
sein› - und engagiert ist man selbstverständlich unentgeltlich. Sie waren in Bewegungen, Parteien, Vereinen,
Verbänden, Arbeitsgruppen aktiv, sie leisteten Fronarbeit für Kultur und Sport, Natur und Menschen.
Ich liess mich anstecken. Ich war in der PTA, der Pfadi trotz allem, wo nichtbehinderte Leiter behinderte
Kinder am Samstagnachmittag durchs Unterholz trugen oder während nasskalter Sommerlager Rollstuhlrennen
auf sumpfigen Bergwiesen durchführten. Ich nahm die Strapazen gerne auf mich, weil diese Kinder, trotz
oder gerade wegen meiner Unprofessionalität, Dinge erlebten, die sie ohne mich nie erlebt hätten. Später
fragte eine Kollegin, deren Mutter im Gemeinderat einer Solothurner Agglomerationsgemeinde sass, ob
wir mithelfen würden, ‹Asylanten› zu betreuen. Die winzige Gemeinde (500 Einwohner) habe ihr Kontingent,
bestehend aus drei Pakistani, in ausgedienten Bauarbeiterbaracken untergebracht. Eine Betreuung war
im Budget nicht vorgesehen. Ich kümmerte mich vornehmlich um Mirza; er fand Arbeit in einer Restaurantküche
und konnte bald recht gut Deutsch. Er lernte ausgezeichnet kochen (etwas, was er in Pakistan nie gemacht
hatte oder hätte) und er lud mich während der Saison gerne zu Rehschnitzel Mirza ein, einer Spezialität
aus seinem Restaurant. Ich mochte Mirzas breites Lachen und schönes Deutsch, auch wenn er mich zum Schluss
mehr als nur bedrängte. Er wollte meine Freundin oder meine Schwester oder meine Kusine heiraten. Ich
verstand seine Not, aber ich konnte ihm nicht helfen. Als sein Asylgesuch definitiv abgelehnt worden
war und die Ausweisung bevorstand, fuhren wir zusammen an eine grüne Grenze, er schüttelte meine Hand,
er schulterte die Sporttasche und lief los. Seither habe ich nie mehr etwas von ihm gehört. Das
Engagement hat nachgelassen. Mit kleinen Kindern kommt man sich eh vor wie Pestalozzi und Gandhi und
Mutter Theresa in einem, und sehnt sich danach, mal keine (bezahlte oder unbezahlte) Verpflichtung zu
haben und in Ruhe ein Bier zu trinken. Allenfalls erleichtert man sich mit einem Einzahlungsschein das
Gewissen. Das bedeutete: ich profitiere von der Freiwilligenarbeit anderer. Unser Sohn spielt seit zwei
Saisons bei den Junioren des FC Post Solothurn. Die erste Trainerin, Marianne, heiratete und wurde schwanger.
Michel, ihr Mann und Juniorenobmann des FC Post, wollte darauf etwas kürzer treten. Wir
Eltern befürchteten das Schlimmste: Wöchentliche Trainings abzuhalten und die Junioren an zwanzig Wochenendtagen
pro Jahr an die Turniere zu begleiten, gratis, und dann noch Kuchenverkaufsstände abzuhalten, Sponsorenläufe
zu organisieren, weitere Geldquellen für die Juniorenarbeit zu erschliessen, auch das selbstverständlich
gratis - wer soll das heutzutage noch freiwillig machen? Der FC Post Solothurn hat es geschafft. Dirk
ist der neue gleichermassen engagierte wie qualifizierte Juniorenobmann. Die F Junioren haben nun sogar
zwei Trainer, Bujar und Engin. Das ist auch nötig, beide arbeiten in einem Dreischichtenbetrieb. So
kann das Training am Mittwoch um sechs auch stattfinden, wenn einer der beiden arbeitet. An den Turnieren
sind sie sowieso immer beide da: es hat sich herumgesprochen, dass der FC Post eine sehr gute Betreuung
hat und so können die ‹Pösteler› auf die neue Saison hin mit zwei Mannschaften antreten. Ich habe mich
persönlich bei den Dreien bedankt. Dirk sagte: «Ich habe als Fussballkind in Deutschland auch von Freiwilligenarbeit
profitiert.» Bujar sagte: «Bei uns in Kosovo hilft man einander.» Und Engin sagte: «Als Türke wurde
ich so erzogen.» FRANCO
SUPINOFranco Supino hat in Zürich und Florenz
Germanistik und Romanistik studiert. Er ist Dozent an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule
Nordwestschweiz und Autor verschiedener Werke, die sich mit Migration und Transkulturalität beschäftigen. | |||||||||||||||||||||||||||||||||







