IN DER FREMDE FUSS FASSEN


Vivian Kiefer

Vivian Kiefer leistet Freiwilligenarbeit in der Schweiz und auf den Philippinen. Foto: Güvengül Köz Brown


Vivian Kiefer hat es in den letzten 30 Jahren nicht nur geschafft, Familie und Karriere zu vereinen, sondern auch noch Zeit gefunden, sich mit viel Herzblut für gemeinnützige Zwecke einzusetzen. Die dreifache Mutter erzählt im MIX-Gespräch von ihrer Motivation, sich freiwillig zu engagieren und warum sie künftig mehr Zeit mit ihren Enkelkindern verbringen möchte.


Vivian Kiefer spricht mit Leidenschaft und Tempo – gern auch mit ausgeprägter Gestik und Mimik. Das Handeln kommt bei der 62-jährigen medizinischen Laborantin allerdings auch nicht zu kurz. Ihre Umtriebigkeit und Energie sind beachtlich. 15 Jahre lang präsidierte sie den Verein philippinischer Migrantinnen und Migranten Maharlika Switzerland, den sie 1993 mitgegründet hatte. «Bis zur Gründung des Vereins habe ich mich ausschliesslich für Projekte auf den Philippinen engagiert. Mir wurde aber mit der Zeit klar, dass auch meine Landsleute in der Schweiz Unterstützung nötig haben. Es ist nicht einfach, in der Fremde Fuss zu fassen, wenn man niemanden kennt und die Sprache nicht beherrscht. In unserem Verein haben wir genau an diesem Punkt angesetzt und von Beginn an unter anderem kostenlose Deutschkurse und Rechts- und Lebensberatung angeboten», betont sie sichtlich stolz und fügt hinzu: «Wir waren für viele der Anker in der Fremde. Das war mein ganz persönlicher Beitrag für die Integration meiner Landsleute.»


Prioritäten anders setzen ...

Letztes Jahr hat sie ihre Vereinstätigkeit bei Maharlika aus persönlichen Gründen an den Nagel gehängt. «Ich wollte mehr Zeit mit meiner Familie verbringen», begründet sie ihren Entschluss. «Meine Kinder, die in der Zwischenzeit erwachsen sind, und mein Mann mussten in den letzten Jahren oft auf mich verzichten, weil ich mich mit viel Überzeugung für andere eingesetzt habe. Ich bereue nichts, aber ich möchte von nun an meine Prioritäten anders setzen. Die Entwicklungen, die ich zum Teil bei meinen eigenen Kindern verpasst habe, möchte ich bei meinen Enkelkindern nicht missen. Mit ihnen Zeit zu verbringen und sie heranwachsen zu sehen, ist heute eine grosse Wohltat für mich.»


... und weiterhin freiwillig tätig sein

Es ist ein auf den ersten Blick radikal anmutender Abschied. Doch Vivian Kiefer verabschiedet sich nicht ganz von der Freiwilligenarbeit. Momentan ist sie daran, ein Begegnungszentrum in einem Stadtteil von Manila auf die Beine zu stellen. «Wir wollen dort eine Bibliothek und eine Kinderbetreuungsstätte einrichten. Die Menschen können die Halle auch für Events und kulturelle Veranstaltungen nutzen.» Finanzielle Unterstützung erhält sie für dieses Projekt vom Lotteriefonds Basel-Landschaft. «Man kennt mich in praktisch allen Institutionen. Ich pflege und nutze dieses Beziehungsnetz, um meine Projekte voranzutreiben. Ohne finanziellen Zustupf wären wir nicht in der Lage, so viel Gutes zu tun», sagt die quirlige Frau, die seit 1972 im Baselbiet lebt.

Vivian Kiefer ist getrieben, Neues zu schaffen und alles dafür zu geben. Man fragt sich, woher sie die Kraft nimmt? Sie weiss die Antwort: «In jedem Menschen schlummert ein besonderes Talent, das nur darauf wartet, entdeckt zu werden. Mein Talent ist es, mich für eine gute Sache einzusetzen. Vielleicht habe ich dieses Bewusstsein, weil ich aus einer politisch sehr aktiven Familie stamme. Vielleicht aber auch, weil ich es einfach sehr gerne tue und die Kraft aus meinem Glauben schöpfe. Für mich ist es bereichernd, wenn ich gesellschaftliche Veränderungen mitprägen kann. Das erfüllt mich, und das wird immer so bleiben.»

Güvengül Köz Brown