AM ANFANG IST ES SCHWER![]() Safiye Marilyn Altorfer (42) hat Psychologie studiert. Sie ist Mutter von zwei Kindern und lebt mit ihrem Partner in Erlinsbach. Foto: Anita Zulauf Marilyn
Altorfer will ihre Erfahrungen an andere weitergeben, die hier ein neues Leben beginnen. Sie ist Anlaufstelle für Migrantinnen und Migranten in Erlinsbach. Sie
kam vor 20 Jahren von den Philippinen nach Erlinsbach, mit ihrem damaligen Mann, einem Schweizer. Das
Verlassen der Heimat sei ihr nicht sehr schwer gefallen, sagt die heute 42-jährige Marilyn Altorfer.
Doch was Heimweh bedeutet, das weiss sie trotzdem. Und sie weiss auch, was es heisst, in ein Land zu
kommen, in dem man sich fremd fühlt, allein, ohne Kontakte zu anderen Menschen. «Ich war sehr empfindlich,
ich hatte das Gefühl, die Leute seien abweisend zu mir und nahm das sehr persönlich», sagt sie. Doch
sie merkte bald, dass das Problem bei der Verständigung liegt. «Ich sprach kein Wort Deutsch.» Angst
vor Fremdem abbauen Sie lernte die Sprache, und
sie lernte, wie die Menschen hier ticken. Und dass auch sie selber etwas tun muss, um Barrieren zu überwinden.
«Es ist wichtig, auf die Leute zuzugehen, freundlich zu sein, ein Gespräch anzufangen.» Doch das braucht
Mut. Und es braucht auch Menschen, die da sind, wenn man Fragen hat, zu den Gepflogenheiten in der Schweiz,
zur Schule, dem Kindergarten, zu Kurs- und Integrationsangeboten. Und genau das will Marilyn Altorfer
in Erlinsbach anbieten. Seit Februar dieses Jahres ist sie Mitglied im Vorstand des Elternvereins. Bunt
durchmischte Runde Neben der Arbeit im Elternverein
hat sie auch mitgeholfen, das Eltern-Kind-Zentrum aufzubauen, das im August eröffnet wurde, und sie
wird das Multi-Kulti-Kaffee leiten, das ab 2012 im Eltern-Kind-Zentrum stattfinden soll. «Dort können
sich Menschen aller Nationen zum Austausch treffen. Ich hoffe, es kommen auch viele Schweizerinnen
und Schweizer, damit wir eine bunt durchmischte Runde sind», so Altorfer. Es gibt also noch viel zu
tun für Marilyn Altorfer. Und diese Arbeit macht sie gratis. Warum? Dazu sagt die zweifache Mutter:
«Ich habe neue Leute kennen gelernt, ich kann helfen, kann dafür sorgen, dass sie sich nicht so alleine
fühlen, das ist doch toll.» Und sowieso: Wenn sie einmal alt sei, will sie die anderen alten Leute im
Dorf kennen, will mit ihnen klatschen und tratschen. Denn: «Ich werde zwar die Philippinen immer im
Herzen tragen, sterben aber will ich hier.» Anita
Zulauf ![]() Ruth Treyer (45) ist Sozialarbeiterin, verheiratet und Mutter von zwei Kindern. Sie ist Vorstandsmitglied des Elternvereins Erlinsbach und Schnittstelle zwischen Schule und Eltern. MIGRATIONSFRAUEN
SIND SEHR OFFENVitamin
T wird von August
2010 bis Ende 2013 umgesetzt. Der Elternverein Erlinsbach engagiert sich für Integration im Dorf. Mit
dabei ist auch Ruth Treyer. MIX:
Mit der Wahl von Marilyn Altorfer hat der Elternverein Erlinsbach eine Anlaufstelle für Migranten geschaffen.
Warum? Ruth Treyer: Marilyn Altorfer bringt eine
ganz andere Sicht in den Verein. Und sie kennt die Probleme und Anliegen der Menschen gut. Was
tun Sie sonst in Sachen Integration? Wir sprechen
gezielt Leute mit Migrationshintergrund an und animieren sie, bei Veranstaltungen dabei zu sein, oder,
noch besser, gleich selber mitzumachen. Erreichen wir das, sind die Leute mittendrin und kommen automatisch
in Kontakt mit Leuten aus dem Dorf. Wir können so gegenseitige Hemmschwellen abbauen. Haben
Sie damit Erfolg? Ja, sehr. Wir haben die Erfahrung
gemacht, dass vor allem Migrantenfrauen sehr offen sind und sich freuen, wenn wir sie ansprechen. Ihr
Verein hat auch in Zusammenarbeit mit der Schule den Mutter-Kind-Deutschkurs in Erlinsbach möglich gemacht. Genau.
Frühförderung ist enorm wichtig. Wenn Kinder in den Kindergarten kommen und die Sprache nicht verstehen,
sind sie bereits benachteiligt. Der Kurs läuft seit zwei Jahren. 13 Frauen und mehr als 20 Kinder haben an den Kursen bis jetzt teilgenommen. In
der Frauenrunde Zuchwil lernen Frauen von Frauen mehr über die Schweiz. Fotos: Anita Zulauf EINFACH NUR MENSCHENSchweizer
und Migranten müssen sich besser kennen lernen. Das will Diana Kabashi. Darum engagiert sie sich im Integrationsverein Zusammen in Zuchwil. Sie
sitzen im Kreis. Sieben Frauen, sieben Nationen. Und sie plaudern, trinken Kaffee, Wasser, Tee. Thema
am heutigen Frauentreffen für Migrantinnen und Schweizerinnen in Zuchwil ist der Haushalt. Und egal
ob Türkin, Kroatin, Schweizerin, Albanerin: Irgendwie gleicht sich alles, die Frauen haben ähnliche
Erlebnisse, dieselben Probleme, Fragen, Bedürfnisse. Sie geben sich Inputs, erzählen, wie es bei ihnen
Zuhause läuft. Und immer wieder gibt’s was zu lachen. Unter
die Leute mischen Mit am Tisch sitzen Diana Kabashi
und Susanne Grütter. Sie sind Gesprächsleiterinnen und Initiantinnen der Frauenrunde. Diana Kabashi
ist Kosovarin, 37 Jahre alt, verheiratet mit einem Kosovaren, hat zwei Söhne. Sie ist seit Beginn, also
seit rund eineinhalb Jahren, Mitglied im Integrationsverein. Ausschlaggebend für ihr Engagement war
ein besonderes Erlebnis: Ihr Sohn kam aus der Schule und fragte: «Mama, was ist ein Ausländer?» Ihm
sei gar nicht bewusst gewesen, dass er für andere Kinder ‚anders’ sein könnte. «Ich war perplex, ich
wusste plötzlich, dass das, was wir als Eltern machen, wie nicht reicht. Und dass wir nicht alleine
die Verantwortung tragen können. Wir müssen uns unter die Leute mischen, damit sie sehen, dass wir auch
einfach nur Menschen sind, die leben, lachen und Freunde haben wollen.» Das Dankeschön der Frauen, wenn
sie ihnen helfen kann, ist Lohn genug. «Dafür braucht man kein Geld.» Alles
so perfekt Diana Kabashi weiss, wie es ist, wenn
man fremd ist und sich so fühlt. Mit 16 Jahren kam sie mit ihrer Familie in die Schweiz. «Wir waren
eingeschüchtert. Die Menschen hier schienen so perfekt, so unerreichbar – unmöglich, so zu werden, wie
sie. Und doch hätten wir nichts lieber gewollt.» Ihre Familie habe sehr isoliert gelebt, leise, um nicht
aufzufallen, nicht zu stören. Doch mit diesem Rückzug suggeriere man: Mit euch will ich nichts zu tun
haben. «Es ist eine Geschichte der Missverständnisse», sagt sie. Erst nach vielen Jahren habe sie gemerkt,
dass sie gar nicht so anders sind. «Heute», sagt sie, «bin ich manchmal traurig, dass wir einander so
lange verpasst haben.» Die Reise vor 21 Jahren aus dem Kosovo in die Schweiz hat ein paar Stunden, vielleicht
einen Tag, gedauert. Hier angekommen ist sie 20 Jahre später. Anita
Zulauf ![]() Gunnar
Paulsson, 59 Jahre alt, ist selbständiger Ökonom, verheiratet, und hat zwei erwachsene
Kinder ANSTRENGUNGEN
VON BEIDEN SEITENGunnar
Paulsson
ist Schwede, Präsident des Vereins Zusammen in Zuchwil und findet es nicht aussergewöhnlich, wenn ein
Mann freiwillige Integrationsarbeit leistet. MIX:
Wie fühlt sich ein Schwede in der Schweiz? Gunnar
Paulsson: Ganz gut. Ich habe in den 30 Jahren, die ich hier lebe, die Schweizer Eigenheiten kennen,
aber auch schätzen gelernt. Welche
Eigenheiten denn? Die Schweiz ist in vielen Hinsichten
eher kleinräumig organisiert. Das war für mich gewöhnungsbedürftig. Aber dies hat auch Vorteile. Unser
Integrationsverein Zusammen in Zuchwil kann in vielen Bereichen des hiesigen Lebens aktiv sein. Das
finde ich bemerkenswert. In Schweden wird alles von Stockholm gesteuert. Bemerkenswert
ist auch, dass Sie als Mann Freiwilligenarbeit leisten. In
unserem Vorstand sind sogar drei Männer. Ich bin einfach der «migranteste» von allen. (lacht) Was
genau macht Ihr Verein? Wir haben verschiedene
Projekte, einige laufen sehr gut, der Mutter-Kind-Deutschkurs zum Beispiel und die beiden Frauengesprächsrunden
für Migrantinnen und Schweizerinnen. Wir organisieren auch Infoveranstaltungen zu Themen wie Gesundheit
und Alter. In diesem Bereich besteht noch ein Informationsdefizit, vor allem bei älteren Migrantinnen
und Migranten. | |||||||||||||||||||||||||||||||||










