BRÜCKEN ZWISCHEN INSTITUTIONEN UND ELTERN SCHLAGEN![]() Wenn Elternabende in der Muttersprache stattfinden, dürfen die interkulturellen Übersetzerinnen und Übersetzer nicht fehlen (v.l.n.r.): Elena Shyrokan, Yeshi Phurtag, Qazim Hajzeraj, Susana Fankhauser, Nazanin Gafur, Dharmini Amirthalingam. Foto: David Haas ![]() Susana Fankhauser erklärt den Eltern das Schweizer Schulsystem Welche
Eltern wünschen sich nicht die bestmögliche Zukunft für ihre Kinder? Wichtige Voraussetzung dafür ist
eine schulische wie auch berufliche Ausbildung. Viele Migranatenfamilien haben aber kaum Überblick über
das komplexe schweizerische Bildungssystem. Der «Verein für fremdsprachige Eltern und Bildung» hat es
sich darum zum Ziel gesetzt, Migrantinnen und Migranten in ihrer Muttersprache über das Bildungssystem
der Schweiz aufzuklären. «Es
wäre viel einfacher gewesen, hätte mir jemand auf Spanisch erklärt, wie das Schulsystem in der Schweiz
funktioniert», sagt Susana Fankhauser-Pérez de Leon, eine der Initiantinnen des Vereins für fremdsprachige
Eltern und Bildung, rückblickend. Aus dieser Überlegung heraus führte eine Gruppe interkultureller Übersetzerinnen
und Übersetzer 1999 erstmals Elternabende für fremdsprachige Eltern zum Thema Berufswahlvorbereitung
durch. Mit dieser Pionierarbeit legten die Initianten den Grundstein zur Gründung des Vereins. «Der
Erfolg der Veranstaltung bestätigte unsere Annahme, dass Eltern ein Bedürfnis nach fundierten Informationen
haben», sagt die aus Mexiko stammende Frau weiter. Etablierter
Verein Auch eine Nachfrage bei den Lehrkräften
ergab durchwegs positive Rückmeldungen. Sie hatten durch diese Elternabende einen besseren Zugang zu den fremdsprachigen Eltern gefunden, was zur Erleichterung eines
konstruktiven Dialogs und des gegenseitigen Verständnisses führte. «Das duale Bildungssystem der Schweiz
ist komplex und nicht immer leicht zu durchschauen. Unser Ziel war es deshalb, so viele Eltern wie möglich
zu erreichen», erklärt Susana Fankhauser-Pérez de Leon und ergänzt: «Gefunden haben wir sie in Kirchgemeinden,
Vereinen und Quartierzentren.» Das war früher. Der Verein ist in der Zwischenzeit so etabliert, dass
Eltern nur noch über persönliche Einladungen an die Informationsabende eingeladen werden. «Wir haben
in den letzten Jahren bewiesen, dass wir Brücken zwischen Institutionen und Eltern schlagen. Heute werden
wir von beiden Seiten ernst genommen und respektiert.» Das
Beste für das Kind Eines der Ziele, das sich
der Verein gesetzt hat, ist es, den fremdsprachigen Eltern zu helfen, einen weiteren Schritt in ihrem
Integrationsprozess zu vollziehen. Damit das erreicht werden kann, sollen sie grundlegende Kenntnisse
über das Bildungs- und Sozialsystem und die Gesundheitsprävention im Aufnahmeland erhalten. Diese Wissensvermittlung
kommt auch den Kindern zugute. Ihre Entwicklung kann früher eingeschätzt und bei Bedarf gefördert werden.
Über alle Schulstufen hinweg führt der Verein die Elternabende mittlerweile in 14 verschiedenen Sprachen
durch. Auch der erste Elternabend nach den langen Sommerferien
ist im Brunnmatt Schulhaus gut besucht. Praktisch alle Schulzimmer sind belegt. In jedem erklärt einer
der interkulturellen Übersetzer den Eltern in deren Muttersprache Allgemeines zum Bildungssystem. Bei
der anschliessenden Versammlung in der Aula treffen Menschen der unterschiedlichsten Kulturen aufeinander
– alle mit dem Ziel, die beste Bildung für ihr Kind zu ermöglichen. Mit der Unterstützung des Vereines
erhalten Vertreterinnen und Vertreter des Schulsystems und die Eltern eine Plattform, um sich auszutauschen.
Der Dialog steht dabei im Zentrum. Während die Lehrpersonen aufzeigen, welche Leistungen von den Schülerinnen
und Schülern erwartet werden, haben die Eltern die Möglichkeit, bei Unklarheiten Fragen zu stellen.
Am Ende eines solchen Abends, der rund zwei Stunden dauert, sind die Gesichter auf beiden Seiten zwar
ein wenig müde, aber auch zufrieden. Eigene
Erfahrungen als Motivation Die interkulturellen
Übersetzerinnen und Übersetzer, die den Verein bilden, sind immer noch dieselben wie vor zehn Jahren.
Sie alle kennen das Problem, sich in einem fremden System zurechtfinden zu müssen, aus eigener Erfahrung.
Gerade diese persönlichen Erfahrungen sind wohl auch der grösste Antrieb für die Freiwilligenarbeit.
Frau Fankhauser-Pérez de Leon lächelt, wenn man sie fragt, was denn Freiwilligenarbeit für sie bedeutet:
«Freiwilligenarbeit ist wie eine Kette. Was man bekommen hat, gibt man weiter und so stärkt ein Glied
das nächste.» Janine Karbulka FREIWILLIGENARBEIT HAT MIR DAS LEBEN IN DER SCHWEIZ GERETTET![]() Andrea da Rocha Christen moderiert regelmässig bei Radio RaBe. Foto: David Haas Andrea
da Rocha Christen ist durch ihren vielfältigen Einsatz in unterschiedlichen Freiwilligenorganisationen
ein gutes Beispiel für Migrantinnen und Migranten, die es geschafft haben, sich durch ehrenamtliches
Engagement in der Schweiz zu integrieren. Sie arbeitet unter anderem in der interkulturellen Redaktion
des Radio RaBe und engagiert sich bei der brasilianischen Frauengruppe Atitude. MIX:
Wie sind Sie in der Schweiz mit Freiwilligenarbeit in Berührung gekommen? Andrea
da Rocha Christen: Ich habe 1996 in der Schweiz Ferien gemacht und dabei meinen heutigen Mann
kennen gelernt. Kurz danach habe ich einige andere brasilianische Frauen von der Gruppe Atitude kennen
gelernt und hatte auch Gelegenheit, einen kleinen Beitrag bei Radio RaBe zu produzieren. Was
hat Sie gerade am Radio so interessiert? Die
Arbeit mit Medien liegt bei uns in der Familie. Mein Vater ist ein pensionierter Journalist und ich
selbst habe Public Relations studiert und als Medienverantwortliche gearbeitet. Ausserdem sehe ich das
Team bei Radio RaBe als eine Art zweite Familie an. Was
machen Sie denn genau bei Radio RaBe? Zum einen
bin ich seit drei Jahren in der interkulturellen Redaktion des Sendegefässes «Radio Interradional»,
mit welchem wir schon sechs Sendungen zu verschiedenen Themen rund um Integration und Interkulturalität
verwirklicht haben. Daneben moderiere ich seit 15 Jahren die Sendung «Espaço Brasil», in der ich auf
portugiesisch verschiedene Themen aus Politik und Gesellschaft aufgreife. Sind
politische und gesellschaftliche Themen grundsätzlich von grosser Bedeutung bei Ihrem Engagement? Ja,
bei einigen mehr, bei anderen weniger. Ich bin zum Beispiel Mitglied bei Amnesty International und war
eine Weile lang auch Landesexpertin für Brasilien. Aber irgendwann musste ich Prioritäten setzen – entweder
die Freiwilligenarbeit oder die Familie. So hab ich den Posten abgegeben. Wo ich mich aber nach wie vor engagiere, ist die Frauengruppe Atitude, die für die brasilianische Gemeinschaft
in Bern Vorträge und Treffen organisiert und einen Austausch untereinander ermöglicht. Familie
und ehrenamtliches Engagement unter einen Hut zu bringen, ist bestimmt nicht einfach? Ich
musste lernen, auch mal «Nein» zu sagen und die Aufgaben, die ich übernehme einzugrenzen. Die Familie
steht für mich an erster Stelle. Daneben investiere ich ungefähr 40-50 Stundenprozente in meine ehrenamtlichen
Arbeiten. Das Gute ist, dass ich mir die Arbeit selbst einteilen kann und so sehr frei bin. So macht
die Arbeit immer Spass, weil es nie ein Müssen ist. Wie
erleben Sie die Freiwilligenarbeit in der Schweiz? Mir
hat die Freiwilligenarbeit buchstäblich das Leben in der Schweiz gerettet, beziehungsweise ein neues
Leben eröffnet. Innert kurzer Zeit habe ich viele neue und engagierte Leute kennen gelernt. Über die
Freiwilligenarbeit habe ich aber auch viele Weiterbildungskurse besuchen können. Das hat mein Wissensspektrum
erweitert. In der Schweiz wird das ehrenamtliche Engagement sehr wertgeschätzt. Natürlich bekomme ich
kein Geld für meinen Einsatz, aber anders als viele Angestellte bekomme ich dafür echte Dankbarkeit.
Das ist mir Lohn genug. In Brasilien sind die Menschen untereinander sehr hilfsbereit, das gehört einfach
zur Mentalität. Aber die Schweiz ist das Land der Vereine, es gibt Tausende davon. Ich glaube ohne die
Vereine würde die Schweiz nicht so gut funktionieren, wie sie es tut. Janine
Karbulka
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